Jetzt auch Super Woman betroffen!

5. April 2005, 07:00
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Eine Schwangerschaft kostete Supermodel Heidi Klum den Job und dem "Otto"-Versand sein Heile-Welt-Image - die Zitrone

Meine Güte, schon wieder Heidi denken Sie sich vielleicht, wenn Sie diese Zeilen lesen. Noch nicht mal auf dieStandard.at ist mensch vor diesem deutschen Exportschlager in Sicherheit ...

Doch halt, verehrte LeserInnen, bitte haben Sie noch ein bisschen Geduld: Wir erlauben uns nur, an Heidi etwas "aufzuhängen", was sonst nicht minder, aber freilich weniger glossy auf unseren Seiten thematisiert wird. Denn am Schicksal von Frau Klum, die ja - obwohl sie von sich selbst gerne als "Marke" spricht - biologisch und intellektuell gesehen doch auch nur ein Mensch ist, zeigt sich etwas besonders deutlich: Wie verlogen nämlich die Debatte über das Kinderkriegen nach wie vor geführt wird.

Hintergrund

Heidi Klum wurde vor einer Woche überraschend der Werbe- bzw. Design-Vertrag mit dem deutschen Versandhaus Otto gekündigt, und zwar deshalb, weil sie schwanger ist. Ganz Profi, ganz Rädchen im Getriebe, hat das Model ja auch eine Schwangerschaftsklausel in ihrem Vertrag, der ihre Geschäftspartner im Fall einer Schwangerschaft dazu berechtigt, das Arbeitsverhältnis aufzulösen. Von Vertragsbruch kann also nicht die Rede sein, wozu also die Aufregung?

Gegenfrage: Was sagt dieser Vertrag über unsere gesellschaftliche Wirklichkeit aus? Eine Frau, die schwanger wird, kann ihren Job verlieren, und das mit ihrem Einverständnis. Das Einverständnis hat sie aber nur nötig, weil sie die Gesellschaft an den "Kern" des Problems gebunden hat: das Kind. Auch wenn unsere Vertragsbrüchige an dieser Verbindung zumindest finanziell nicht zerbrechen wird, zeigt sich doch, dass Schwangerschaft riskant ist – für Frauen in allen Gehaltsschichten.

Model-hafte Diskriminierung

Die offensichtliche Ausgrenzung von Müttern aus dem neoliberalen Arbeitsprozess ist das eine, wobei der Zitronen-Award aber nun wirklich lockt, ist das feige Verhalten des Bekleidungskonzerns Otto: Anstatt in der Öffentlichkeit zuzugeben, dass bei Otto werdende Mutterschaft ein Beschäftigungshindernis ist und dass der Bekleidungskonzern zwar sehr gerne Babysachen verkauft, ihre Entstehung aber eher als Problem wahrnimmt, werden andere Gründe vorgeschoben, um das Model loszuwerden. Modellhaft also auch die Art und Weise, wie sich hier strukturelle Gewalt äußert: "Es liegt nicht daran, dass du weiblich, schwanger, schwarz oder schwul bist, wir haben einfach ein persönliches Problem mit dir."

Die Lust, beim Pseudo-Heile-Welt-Versandhaus Otto Kinder- oder Babysachen einzukaufen, kann einer da gewaltig vergehen. Genauso wie der Glaube, die Wirtschaft würde ohne gesetzliche Verpflichtung auch nur einen Finger zur Vereinbarkeit von Beruf und Kind rühren. Bleibt zu hoffen, dass zumindest "Super-Profi" Heidi Klum ihre Lehren zieht, und nicht mehr so tolldreiste Karriere-Ratgeber wie "Natürlich erfolgreich" fabriziert. Wie wir gesehen haben, ist nämlich nicht einmal die vielgepriesene Klumsche Natürlichkeit den ganz banalen gesellschaftlichen Strukturen gewachsen. (freu)

05.04.2005
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    montage: diestandard.at
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