Das Elend der Evaluierer

3. Februar 2006, 18:30
posten

Vor welchem Hintergrund entwickelt sich gegenwärtig die Debatte über Freiheit der Wissenschaft?

Ist die Freiheit des Wissenschaftlers am Ende? Weitgehend unbeachtet ist vor wenigen Wochen in der Presse ein Kommentar erschienen, der die Evaluation der Forschung zu rechtfertigen versucht. Er schließt mit der Behauptung, "dass Freiheit der Wissenschaft nicht gleichzusetzen ist mit der Freiheit des Wissenschaftlers".

Dieser Satz muss jeden erschrecken, dem an Wissenschaft, Forschung und Bildung gelegen ist. Er steht im Widerspruch zu einer Gesellschaft, die glaubt, sich endlich aus Denk- und Sprachverboten befreit zu haben, die ständig das Wort vom mündigen Bürger strapaziert.

Veranlasst ist diese These durch den Versuch, eine bestimmte Art von Evaluation zu rechtfertigen, die vorwiegend die Leistungsfähigkeit des Menschen im Sinne seiner Effektivität für wirtschaftliche Bedürfnisse im Auge hat. Deshalb müsse die Freiheit des Wissenschaftlers eingeschränkt werden.

Wissenschaftstheoretisch ist die Konstruktion dieses Gegensatzes nicht nachvollziehbar. Wie kann Wissenschaft entstehen, wenn nicht durch freie und selbständig denkende Menschen?

Die Unterscheidung von Freiheit der Wissenschaft und beschränkter Freiheit des Wissenschaftlers lässt nach logischem Denken nur zwei Schlüsse zu:

1. Die Wissenschaft selbst ist so frei, dass jeder nach Belieben sich ihrer bedienen kann, um sie für seine Zwecke zu gebrauchen: Zur Erleichterung der Arbeit und der Bändigung der Lebensnot, aber auch für die Perfektionierung von Unterdrückung und Gewaltanwendung.

2. Die Freiheit des Wissenschaftlers muss beschränkt werden, damit dieser für politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche Zwecke dienstbar gemacht werden kann.

Man unterstelle dem Schreiber dieses Kommentars nicht, er verkenne die Notwendigkeit der Ausbildung der Menschen für Wirtschaft und Fortschritt. Wer aber den Bildungsauftrag von Schulen und Universitäten auf das immer wieder zu kontrollierende Erzeugen von Kompetenzen reduziert, wem der Anspruch von Bildung als Selbstzweck für den Menschen abhanden gekommen ist, der wird sich nicht wundern dürfen, wenn letztlich auch Wirtschaft und Politik nicht prosperieren.

Man mag diese Kritik für übertrieben halten. Im Gesamtkonzept unserer gegenwärtigen Bildungspolitik hat jene These durchaus einen hohen Stellenwert. Denn diese hat offensichtlich den Selbstwert der Person und den des Wissens einem Wert für Brauchbarkeit geopfert. Obwohl das Ressort von einer Ministerin geleitet wird, die ihre Herkunft aus einem christlichen Denken, mit der besonderen Anerkennung der Person, immer dann betont, wenn es parteipolitisch opportun erscheint.

Bestätigt wird diese Kritik unter anderem auch dadurch, dass die vorgeschlagene Einschränkung der Freiheit von Personen gemacht wurde, die in einem besonderen Naheverhältnis zum Ministerium stehen. Prof. Christiane Spiel ist Mitglied der vom Ministerium eingesetzten Zukunftskommission, und Prof. Anton Zeilinger ist vermutlich maßgebender Berater bei der Planung der so genannten Eliteuniversität.

Die Evaluierer befürworten offensichtlich eine Zweiklassengesellschaft der Wissenschaft; während die einen produktiv nach vorgegebenen Aufträgen zu arbeiten haben, nehmen sich die anderen die Freiheit der fortwährenden Kontrolle der erbrachten Leistungen.

Sie durchschauen dabei nicht, die Scheinfreiheit ihrer eigenen Wissenschaft, die sie im Dienst vom jeweiligen politischen Auftraggeber vollziehen. Im Übrigen darf nicht vergessen werden, dass die Freiheit des Wissenschaftler kein Privileg, sondern eine Verpflichtung zu möglichst großer Objektivität ist.

Wissenschaft ist immer das Ergebnis eines Denkens, ihre Qualität ist durch Argumente zu belegen, die umso stichhaltiger sind, je mehr sie von einem freien Geist, unabhängig von "Fürstengunst", von eigenem Vorteil, von "öffentlicher Ehrung" betrieben werden, wie sie Schiller dem "philosophischen Kopf" zumutet.

Wissen jedoch ist allemal an ein Denken des Subjekts gebunden, an einen Wissenschaftler, der für die Richtigkeit seines Denkens einzustehen hat. Wissen ist eben keine Ware, die man auf die Waage legen, oder mit der Elle messen kann.

Die von den Autoren geforderte Akzeptanz, dass man zwischen der Freiheit der Wissenschaft und des Wissenschaftlers zu unterscheiden habe, ist eine unsägliche Anmaßung, die die schlimmsten Befürchtungen aufkommen lässt. Denn die Forderung selbst bestätigt die Arroganz der Kontrolleure und das der Kontrolle immanente autoritäre Gehabe.

Deshalb braucht man sich auch über die mangelnde Selbstkritik der Evaluierer nicht zu wundern.

Wem es an der Tugend der Selbstkritik mangelt, dem muss auch die Frage fremd bleiben, wer denn die Kontrolleure kontrolliert. Offensichtlich nehmen sie für sich jene Freiheit in Anspruch, die sie anderen vorenthalten wollen. Aber noch immer gilt der Grundsatz: Die Wissenschaft und ihre Lehre sind frei.

*

Von Marian Heitger

Der Autor ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Wien
  • Artikelbild
    foto: standard/urban
Share if you care.