Der Eiertanz des Zentralnervensystems

11. April 2005, 22:45
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Exakt 25 Jahre nach ihrem ersten Auftritt gastierten die Einstürzenden Neubauten in Wien

Wien - Als er einen seiner berühmten Kreischer tat, verfiel er gegen Ende dieses das hohe C schmerzhafter Impertinenz auch schon länger nicht mehr streifenden Tons in sympathische Selbstironie. Er ruderte mit den Armen und verfiel in ein kleines Schunkeltänzchen mit sich selbst.

Christian Emmerich alias Blixa Bargeld und bei Auftritten meist ein "Blixa Barfuß", stand am 25. Jahrestag des ersten öffentlichen Auftritts der Einstürzenden Neubauten als in mehrfacher Hinsicht gesetzter Künstler auf der Bühne des Wiener Gasometers.

Die Berliner, die rund um ihr Jubiläum eine Europatournee unternehmen, gelten neben den Technopionieren Kraftwerk und den Avantgarde-Rockern Can als wichtigste deutsche Band. Anders als das Model Punk nur eins zu eins ins Deutsche zu übertragen und als stinknormale Rockband eine ebensolche Laufband einzuschlagen - siehe: Die Ärzte oder Die Toten Hosen -, gingen die Neubauten ab 1980 weiter Richtung formale Radikalität.

Herkömmliche Instrumentierung wurde zugunsten selbst gebauter "Instrumente" aus Industrie- und Sperrmüll aufgegeben. "Sei schlau, klau beim Bau", hieß das damals. Live schloss man die zweckentfremdeten Stahlfedern und Kanister dann ans Stromnetz an und bearbeitete sie mit Rohren, Trennschneider oder übergab sie kurzerhand dem Feuer.

Im Zentrum dieser Erneuerer im Zeichen bis dahin kaum vernommener Härte stand Blixa Bargeld. Als Albtraum aller Schwiegereltern kreischte dieser hässliche Pfau Destillate tragischer Dichter wie Antonin Artaud in sein Mikrofon. Genährt, wie es schien, einzig von schnellen Drogen, delirierte Bargeld von Neun Armen, ergötzte sich am Kollaps und forderte gleichermaßen egomanisch wie banal süchtig "Fütter mein Ego".

Manche dieser Klassiker kamen vergangenen Freitag ebenso zur Aufführung wie Arbeiten jüngeren Datums. Die Besessenheit der frühen Tage ist naturgemäß einer etwas weniger physisch beanspruchenden, konventionelleren Aufführung gewichen.

Bargeld, bis vor Kurzem noch dilettierender Nebenerwerbsgitarrist bei Nick Cave And The Bad Seeds, stand mit einer pensionistisch hoch gezogenen Anzughose im Bühnenmittelpunkt und führte gut gelaunt und Anekdötchen gebend durch das einstürzendes Programm.

Dieses überzeugte mit eher introspektivem Material wie Youme & Meyou, zu dem das Abflussrohr-Vibrafon aus Bargelds liebstem Baumarkt sphärisch säuselte, ebenso wie mit Lärmnummern. Allen voran dem laut Bargeld erstmals seit der Plattenaufnahme von 1985 wieder gespielten Stück ZNS. Eine den Wahnsinn dieser Zeit erahnbar machende Nummer, in der das unter Einfluss von Substanzen stehende Zentralnervensystem des Vortragenden einen epileptischen Eiertanz aufführt: "Es tanzt das ZNS, tanzt das ZNS . . ."

Wie glaubwürdig das aus dem Mund eines in die Breite gegangenen Designeranzugträgers heute noch wirkt, musste das zahlreich erschienene Publikum im Stillen mit sich selbst ausmachen. Andererseits gelten die Neubauten als eine jener Bands, denen das Wort Kompromiss bis heute Feind geblieben ist. In einem oft nur noch über Anbiederung an aktuelle Moden konkurrierenden Business sind sie damit eine rare und immer noch originäre Ausnahme. (Der Standard, Printausgabe, 4.4. 2005)

Von
Karl Fluch
  • Für eine 25 Jahre alte Ruine steht er ziemlich gut in Saft: Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten.
    foto: newald

    Für eine 25 Jahre alte Ruine steht er ziemlich gut in Saft: Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten.

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