Ein Modell aus der Zeit der Pharaonen

13. Mai 2005, 11:33
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Die Idee eines Pontifex Maximus ist nicht begründbar durch das, was Jesus wollte, sagt der katholische Dissident Eugen Drewermann im STANDARD-Interview

STANDARD: Wagen Sie eine Prognose, wie die Zukunft der katholischen Kirche nach Johannes Paul II. aussehen wird?

Drewermann: Die Frage, was nach Johannes Paul II. kommt, ist zunächst einmal eine nach der Art des Selbstverständnisses des Papsttums selber. Schon, dass alle Journalisten in der Regel nicht fragen "Was hat Jesus gewollt? Was brauchen die Menschen?", sondern "Was macht die katholische Kirche? Und was macht der Papst?" zeigt, dass man etwas, das bestenfalls als Mittel Sinn machen würde, zum Selbstzweck entwertet hat.

Ein Papst, der Gott vertritt, definiert sich absolut und tut so, als ob Gott es nötig hätte, sich durch Menschen vermitteln zu lassen. Das Modell ist 4000 Jahre alt und stammt aus der Zeit der Pharaonen. Es führt sich in gerader Linie zurück auf die römischen Cäsaren. Die Idee eines Pontifex Maximus, der zwischen Himmel und Erde als Brückenbauer fungiert, kann sich nicht begründen durch das, was Jesus wollte. Man kann nicht absolutistische Macht im Namen Gottes verwalten - und gleichzeitig die Freiheit der Menschen wollen.

STANDARD: Man müsste also fragen: "Was kann die Alternative zum Papsttum sein?"

Drewermann: Ganz richtig. Der nächste Papst ist auch nur wieder ein Papst, darin liegt ein sich fortzeugendes Problem. Dieser Zentralismus verführt dazu, eine bestimmte Person mit unglaublicher Machtfülle von Amts wegen auszustatten - und dann hängt an dieser einen Person, an ihrer Mentalität, an ihrem Charakter, an ihrem geistigen und psychischem Zustand sehr vieles. Das dürfte in einem funktionierenden Gemeinwesen nicht so sein!

STANDARD: Die katholische Kirche durchläuft in ganz Europa einen Schrumpfungsprozess, nicht zuletzt durch einen Rückgang der Geburten, wie durch die Amtskirche argumentiert wird. Nun kann man sagen: Wer schrumpft, wird bedeutungsloser. Können Sie vielleicht aber auch Chancen darin erkennen?

Drewermann: Ich finde, das Bild täuscht. In Deutschland und Europa schrumpft die katholische Kirche, statistisch gesehen. Weltweit nimmt sie, vor allem in Lateinamerika, Südostasien und Afrika, an Zahl und in gewissem Sinn auch an Bedeutung zu. Darin setzt zweifellos der Vatikan seine wirkliche Hoffnung. Er gibt Europa im Grunde geistig in seiner Bedeutung auf.

Ich denke, dass dieser Zustand sich unvermeidbar ergeben musste, daraus, dass man vor allem in der katholischen Kirche seine positionelle Stärke darin setzen zu können glaubte, monolithisch, von Amts wegen und von oben nach unten fertige Wahrheiten in die Seele der Menschen zu drücken. Das hat dazu geführt, dass die Vergangenheit die Zukunft verstellt, wobei in Kauf genommen wurde - vielleicht war dies aber auch sogar beabsichtigt -, dass die religiöse Sprache einen Zustand der seelischen Entfremdung schafft.

Das ganze 19. Jahrhundert berührt in seiner Religionskritik immer wieder diesen Punkt. Sigmund Freud hat noch in den 1920-er Jahren gesagt, diese Art von Religion erscheine ihm psychoanalytisch als eine kollektive Zwangsneurose. Will sagen: Wenn die Menschen im Raum dieser Kirche und in dieser Frömmigkeitshaltung von Gott reden, bezeichnen sie nicht eine Energie, die sie persönlich trägt, die sie entfaltet, ihnen Mut macht zum Leben und zum Lieben, die ihnen Selbstvertrauen schenkt, die ihr Herz weitet. Ganz im Gegenteil, sie verstehen unter Gott die Projektion aller Ängste aus Kindertagen, Ängste vor ihrer Mutter und vor ihrem Vater.

Sie bezeichnen mit Gott die Gebärde eines sich fortzeugenden Unterwerfungsgehorsams. Sie setzen die Wahrheit nicht in ihr eigenes Leben, sondern in die Redensarten, die kirchensprachlich verordnet werden. Sie folgen im Grunde einer Begriffsmagie, die darin besteht, genau die Sätze nachzureden, die man im Dogma festgeschrieben hat. Nicht das Leben entscheidet über die Wahrheit, sondern der formale Dogmatismus.

STANDARD: Die Kirche vermutet den Grund für die Entfremdung eher darin, dass wir alle zu Atheisten mutieren.

Drewermann: Ich denke im Gegenteil, dass wir gerade dabei sind, die Botschaft Jesu zu verstehen: Die Religion ist kein Mittel, Menschen mächtig zu machen, schon gar nicht, diese in Gottähnlichkeit zu positionieren - sie ist ein Mittel, Menschen menschlich zu machen. Wenn sie das nicht tut, hat sie ihre Aufgaben verfehlt, wird überflüssig, oder noch schlimmer: Sie wird hinderlich. Sagen wir es mit Lessings "Nathan der Weise": Die Religion ist dazu da, vor Gott und den Menschen angenehm zu machen.

STANDARD: Gibt es eine bislang verkannte Bedeutung des Christentums für unsere heutige Gesellschaft?

Drewermann: Die gibt es unbedingt! Das Christentum ist in dem Punkt etwas wirklich Besonderes, als es im Unterschied zum Judentum und zum Islam sich nicht als Gesetzesreligion versteht. Das heißt: Es sieht die Begründung der Menschlichkeit nicht in einem Regelwerk von Geboten. Das Christentum ist seinem eigenen Verständnis nach vielmehr eine Erlösungsreligion: Es geht von einer unglaublichen Evidenz aus, die da lautet, dass ein Mensch gar nicht gut sein kann, nur einfach, weil er es sein möchte. Er bedarf, theologisch gesprochen, einer Gnade, um sich selber wiederzufinden. (DER STANDARD, André Hagel, Printausgabe, 4.4.2005)

ZUR PERSON: Eugen Drewermann, deutscher katholischer Theologe, Priester, Psychotherapeut und Autor, verlor Anfang der 90er-Jahre wegen seiner kirchenkritischen Publikationen seine Lehrerlaubnis und das Recht, das Priesteramt auszuüben.
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    Katholischer Dissident Eugen Drewermann: "Der nächste Papst ist auch nur wieder ein Papst".

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