Krankheit - eine Komplizin der Kunst

2. April 2005, 16:00
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Die kranken Helden der Literatur sind oft nicht genesungswillig, doch Krankheit schenkt auch Freiheit - wie die Kunst - Streifzug durch die Literatur

In nicht wenigen bedeutenden Erzählungen des 20. Jahrhunderts entsteht die erzählerische Dynamik dadurch, dass sich der Held mehr oder minder plötzlich aus der gewohnten Bahn geworfen sieht. Das kann schon mit dem ersten Satz geschehen wie in Kafkas Prozeß oder sich langsam, aber unausweichlich, gleichsam atmosphärisch ankündigen wie in Der Fremde von Camus oder in Ausweitung der Kampfzone von Michel Houellebecq. Diese Helden sind keine Revolutionäre, sie betreiben keine vorsätzliche Gesellschaftskritik, sie sind bloß nicht kompatibel mit dem, was in ihrem Umfeld als Normalität gilt. Sie finden sich unversehens als Gefangene wieder (bei Kafka noch einmal verschärft in der Erzählung von der Strafkolonie), in einem Krankenhaus, einer psychiatrischen Anstalt - oder auch in der Armee, im Krieg. Womöglich "kommt ihnen alles nur so vor", und sie erleben die Normalität als Gefängnis, den Alltag als Krieg. Der Konflikt findet innen statt, die Abweichung ist nur eine des Standpunkts, des Blickwinkels, aber das ändert nichts an der Schärfe des Konflikts, der meist einen fatalen Ausgang nimmt. Die Gefangenen, die schuldlosen Opfer, die Kriminellen, die Irren und die Kranken bevölkern die moderne Literatur, um durch ihre Existenz die Fragwürdigkeit der Gesellschaft zu veranschaulichen, die sie hervorgebracht hat.

Zur Person

Leopold Federmair, geboren 1957 in Oberösterreich, studierte Germanistik, Publizistik und Geschichte. Er war Lektor für deutsche Sprache in Ungarn, Italien und jetzt in Japan (Osaka), wo er - neben Wien - auch lebt.

Seit 1993 ist er freiberuflicher Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer aus dem Französische, Spanischen und Italienischen. Unter anderem übertrug er Houellebecqs "Ausweitung der Kampfzone" ins Deutsche. Zuletzt erschien von ihm in der edition selene die Erzählung "Dreikönigsschnee 1723" (€ 9,80) und im Otto Müller Verlag der Band "Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie" (24,-).


Auch die Krankheit ist eine Abweichung von der Normalität und als solche vielsagend, zeichenhaft, auch wenn man sich vom Standpunkt des genesungswilligen Kranken mit Susan Sontag gegen die Metaphorisierung von Krankheit wehren wird, weil man nicht selbst schuld sein will an dem, was einem das blinde Schicksal zufügt. Die kranken Helden der Literatur sind oft nicht genesungswillig, sie tragen das Gewicht der Welt auf ihren Schultern und spielen die Rolle des Sündenbocks, des porteur, wie die Franzosen den HIV-Positiven nennen.

Vor zwei, drei Jahrzehnten, als die so genannte "neue Innerlichkeit" im Schwange war, häuften sich Veröffentlichungen, in denen erfahrene Autoren und solche, die erst kurz vor dem Lebensende zu schreiben begannen, ihre Krankheit darstellten, zuweilen in krassem Ton, manchmal mit anklagender Geste. Bücher wie Mars von Fritz Zorn, Leben wär 'ne prima Alternative der DDR-Autorin Maxie Wander oder A l'ami qui ne m'a pas sauvé la vie des 1991 an AIDS gestorbenen Hervé Guibert erschütterten ein für Erschütterungen empfängliches Publikum. Man wollte zeigen bzw. sehen, was früher den Verboten der Scham unterlag und wofür noch kaum eine Sprache, eine Terminologie, eine Ätiologie zur Verfügung stand. Bis weit ins 19. Jahrhundert sind literarische (und medizinische) Krankenberichte Mangelware. Die klassische Ästhetik beschreibt das Wahre, Gute und Schöne mehr oder minder ausdrücklich als das Gesunde, und selbst ein normalitätskritischer Autor wie Adolf Muschg beendete 1980 / 81 sein Frage-Antwort-Spiel zum Thema "Literatur als Therapie?" mit einem Lob des Gleichgewichtssinnes, das dem physiologischen Harmoniedenken der Klassiker Ehre macht. Einen deutlichen Bruch gibt es erstmals bei Nietzsche, der aus der drängenden Erfahrung seiner Krankheit, die ihn bekanntlich in den Wahnsinn führte, den Gesundheitsfanatismus in einer Weise überspannte, dass er explosiv wurde und literarische Verrücktheiten wie die Zarathustra-Schriften gebar. Die Ästhetisierung des Hässlichen, Fauligen, Ruinenhaften in den Gedichten Baudelaires und die romantische Koketterie mit der Krankheit, sei sie auch "real" wie im Fall des schwindsüchtigen Novalis, als Geburtshelferin des Genialen, sind Vorboten der Kunst des 20. Jahrhunderts, die Normalität weithin als das Unpoetische bestimmte. Nationalsozialisten und Stalinisten versuchten vergeblich, diesem Prozess der "Entartung" - also der genetischen Erkrankung - Einhalt zu gebieten. Eine Linie der Verquickung des Genialen mit dem Kranken durchzieht freilich die abendländische Geistesgeschichte seit ihren Ursprüngen: Das melancholische Temperament stürzt den, der an ihm leidet, in Zustände der Trägheit, der Migräne und des Überdrusses, es erlaubt ihm aber auch den Höhenflug zu außergewöhnlichen Schöpfungen. Im Doktor Faustus hat Thomas Mann dies an der Nietzsche nachempfundenen Figur des Komponisten Adrian Leverkühn demonstriert.

Einer der großen literarischen Krankheitsberichte des 20. Jahrhunderts ist Thomas Manns Roman Der Zauberberg. Schon im Titel wird hier die Ambivalenz der Krankheit - Tuberkulose - signalisiert, denn das Sanatorium im Schweizer Gebirge ist zugleich ein Ort, wo existenzielle Fragen in aller Ausführlichkeit besprochen und die seismographischen Vorboten des "Zeitalters der Extreme", jener todkranken Epoche mit dem Sterbedatum 1989 (der Roman spielt am Vorabend des ersten Weltkriegs), abgetastet werden. Der Zauberberg ist kein autobiographisches Werk, der Zugang Thomas Manns zum Thema Krankheit ist, wenn man so will, ein kulturgeschichtlicher: Beim Lesen spürt man die Distanz, die dem Autor den ruhigen Überblick erst ermöglicht. Ganz anders liegen die Dinge bei Kafka, dessen unruhig sich verästelnde, wie die mysteriöse Wunde in der Erzählung Ein Landarzt schimmernde Literatur aus einem Kampf zwischen Krankheit und Gesundheit, zwischen Leben und Tod, zwischen der Tagwelt des Büros und der Nachtwelt des Schreibens, zwischen Familie und literarischem Eigensinn hervorging. Weite Teile der Tagebücher sind nichts anderes als eine Beschreibung dieses Kampfes, bei dem die Krankheit - wiederum Tuberkulose - oft genug als Komplizin der Literatur erscheint, die den Autor von den gesellschaftlichen Verpflichtungen entlastet. Ähnlich ist die Konstellation bei Thomas Bernhard, auch seine Texte haben ihren Ursprung in einem Kampf gegen den Tod, in einer Existenz wider alle Wahrscheinlichkeit, denn die Ärzte hatten den noch jugendlichen Lungenkranken bereits aufgegeben, ihn ins "Sterbezimmer" verfrachtet. In Der Atem, dem zweiten Band seiner Autobiographie, hat Bernhard diese Grenzerfahrung beschrieben.

Natürlich muss ein Autor nicht körperlich oder geistig krank sein, um bedeutende Kunstwerke hervorbringen zu können. Der Widerspruch, der sich zwischen Fiktion und Erfahrung, zwischen Kunst und Leben auftut, ist in vielen Fällen notwendig und seinerseits aussagekräftig. Hugo von Hofmannsthal hat in dem berühmten Chandos-Brief eine besondere Krankheit geschildert, nämlich die Aphasie, die mit einer allgemeinen, nicht allein sprachlichen Antriebsschwäche einhergeht und an herkömmliche Beschreibungen von Melancholie erinnert. Lord Chandos ist sprachkrank, die Worte zerfallen ihm im Mund "wie modrige Pilze", aber gleichzeitig beweisen die Figur und ihr Schöpfer die größte Sprachgewandtheit bei der Schilderung der Aphasie. Adolf Muschg hat auf diesen nur allzu offenkundigen Widerspruch hingewiesen. Man könnte zu bedenken geben, dass Chandos seinen Brief eben in einem "lichten", sprachmächtigen Moment geschrieben habe, sozusagen im Rückblick. Aber angemessener wird es sein, den Selbstwiderspruch als konstitutiv hinzunehmen für eine Literatur der Moderne, die die Grundfeste der Sprache unterminiert und im selben Atemzug ihre verblüffenden, oft verstörenden Schöpfungen hervorbringt. Derlei Blüten entstehen eben nur am Rand, in der Ambivalenz, in der Krankheit, die in anderen Fällen jede Kreativität vernichtet. Bei Antonin Artaud war der sprachliche und kognitive Zerstörungsprozess durchlebt, keine literarische Pose wie bei Hofmannsthal, der seinen Kranken in weite geschichtliche Fernen rückte. In den späten Texten Artauds äußern sich nicht nur die sprachlichen Defekte, die Störungen eines Kranken, sondern auch das Entsetzen und der Schmerz, den er in der Anstalt von Rodez und nach seiner Entlassung erfuhr. Der Chandos-Brief ist "schöner" als die rauen Texte des geisteskranken Artaud. Dieser eignet sich besser als Projektionsfigur für die Szenarien von Psychologen, Philosophen und Dichtern, während Hofmannsthal den größeren literarischen Genuss bietet. Kranksein allein ist nämlich noch keine Kunst.

Irr ist null Kunst, null Revolte. Arme Teufel sind die Irren", schrieb Rainald Goetz, ein ausgebildeter Mediziner, 1983 in seinem ersten Roman, und António Lobo Antunes konnte aufgrund seiner Erfahrungen als Psychiater einen Einblick in die Hölle (1980) geben. Beide Autoren wenden sich gegen jede Idealisierung von Geisteskranken, auch wenn sie der entsprechenden Faszination selbst unterliegen - Goetz in seinem irren Vitalismus, Lobo Antunes in der Behauptung einer konstitutiven Gemeinsamkeit zwischen den Irren und ihrem Arzt. Auch wenn man sich die Leiden der Kranken bewusst hält, bieten ihre abweichenden Erfahrungswelten dennoch eine Art Trampolin für neuartige, phantastische oder surrealistische Schöpfungen. Eines der besten Beispiele dafür ist das nicht einzuordnende, auch insofern "irre" Buch Tausend Plateaus, das der Psychiater und politische Aktivist Félix Guattari zusammen mit dem Philosophen Gilles Deleuze in den siebziger Jahren schrieb. Die Dynamiken der Schizophrenie verhalfen ihnen einerseits zu neuen Begriffen, andererseits zur Kombination von Elementen und Ebenen des Wissens, die man "normalerweise" streng voneinander fern hält. Im selben Geiste haben sich Deleuze und Guattari auch über die Psychoanalyse lustig gemacht, die nichts anderes im Sinn habe, als das Es durch es Ich zu ersetzen und die wilden Wünsche zu zähmen. Demgegenüber gelte es, die Sprengkraft des Es zu entfesseln - eine Strategie, die an jene der Surrealisten anknüpft und deren politische Implikationen seinerzeit offensichtlich waren. Neben Antonin Artaud ist Georg Büchner ein von Deleuze und Guattari gern zitierter Autor, besonders dessen Erzählung Lenz mit dem lakonischen Beginn: "Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg", gefolgt von dem denkwürdigen Satz: "Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte." Büchner ist einer der ersten, wenn nicht der erste Autor, der Krankheit auf jene zugleich harte und berührende Weise zum Thema gemacht hat. Einen späten Nachfolger des Lenz haben wir in Houellebecqs Roman Ausweitung der Kampfzone, der mit einem schmerzlich klaren und zugleich mystischen Gang - eigentlich einer Radfahrt - durchs Gebirge endet, nachdem der Held die psychiatrische Klinik verlassen hat. Dass Houellebecq persönlich die Krankheit, soweit sie Teil seiner persönlichen Erfahrung war, durch ein provokatives Ausagieren in der Medienwelt zu heilen versuchte, steht auf einem anderen Blatt. Auf seine Literatur hat sich diese Flucht nach vorne bisher nicht günstig ausgewirkt.

Adolf Muschg beantwortet die Frage "Literatur als Therapie?" nach allerlei zögerlichen Umschweifen negativ. Literatur könne keine Kranken heilen, weder den Autor noch seine Leser. Vielmehr bestehe sie auf der wesentlichen Unheilbarkeit, sie gebe dem Mangel Ausdruck, der das menschliche Erdenleben womöglich für alle Zeiten kennzeichne. Bei Kafka erscheint die Krankheit tatsächlich als Komplizin der Kunst, die ihm zu den ersehnten Freiräumen verhalf. Viele Menschen kennen vermutlich die Erleichterung, die einen überkommt, wenn die Ahnung einer Krankheit endlich bestätigt wird; die Erleichterung auch, dass man selbst nicht mehr verantwortlich ist und sich aus dem "normalen" Leben mit all seinen Vor- und Rücksichten, Rechten und Pflichten zurückziehen kann. Krankheit, so grausam sie auf der einen Seite wirkt, schenkt Freiheit - wie die Kunst. Und wenn man annimmt, dass jede Krankheit letztlich eine Vorbotin jener Krankheit ist, die niemanden verschont, dann wird vielleicht klar, dass die Konfrontation mit dem Tod in einigen Fällen zu den radikalsten und, ja, schönsten künstlerischen Schöpfungen geführt hat. Auf der anderen Seite stehen Autoren, die vielleicht nicht zufällig ein hohes Alter erreichten, wie Thomas Mann oder Elias Canetti, die ihre Schaffenskraft einem "humanistischen" Kampf gegen den Tod widmeten, der letztlich nichts anderes bewirken konnte als Verschiebung, ein ornamentales Hinauszögern des Unvermeidlichen mit künstlerischen Mitteln, eine hinfällige Therapie. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 02./03.04.2005)


  • Frank Kafka,
  • Der Prozeß. € 6,50/ 320 Seiten, Suhrkamp Verlag.

  • Albert Camus,
  • Der Fremde. Aus dem Französichen von Uli Aumüller.
    € 8,20/192 Seiten. Rowohlt.

  • Michel Houellebecq,
  • Ausweitung der Kampfzone. Aus dem Französischen von Leopold Federmair. € 7,80/176 Seiten. Rowohlt.

  • Fritz Zorn,
  • Mars. € 9,20/160 Seiten. Fischer.

  • Maxie Wander,
  • Leben wär 'ne prima Alternative. € 9,30/280 Seiten. dtv.

  • Thomas Mann,
  • Doktor Faustus. € 13,30/672 Seiten. Fischer.

  • Thomas Mann,
  • Der Zauberberg. € 13,30/1008 Seiten. Fischer.

  • Thomas Bernhard,
  • Der Atem. Eine Entscheidung. € 7,20/120 Seiten. dtv.

  • Rainald Goetz,
  • Irre. € 9,80/336 Seiten. Suhrkamp.

  • António Lobo Antunes,
  • Einblick in die Hölle. Aus dem Portugiesischen von Meyer-Minnemann, Maralde. € 20,60/288 Seiten. Luchterhand.

  • Gilles Deleuze, Félix Guattari,
  • Tausend Plateaus. Aus dem Französischen von Gabriele Ricke und Ronald Voullie. € 41,20/716 Seiten. Merve.

  • Georg Büchner,
  • Lenz. € 1,70/61 Seiten. Reclam.

  • Adolf Muschg,
  • Literatur als Therapie. € 9,80/250 Seiten. Suhrkamp.



    Von Leopold Federmair

    • "There are no colours in your eyes/ There's no sunshine in your skies/ There's no race only the prize/ There is no 
tomorrow only tonight" sang Bono von U2 in der Begleitmusik zu Wim Wenders Film "The Million Dollar Hotel". 
Es ist ein Film über Kranke und Hinfällige, große Liebende auch. Der wunderbare Band "The heart is a sleeping beauty" (€ 41,-, Schirmer/ 
Mosel), aus dem unsere Abbildung stammt, dokumentiert die Dreharbeiten in dieser "Trutzburg der Auswegs- 
losen". (steg/ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 02./03.04.2005)
      foto: buchscan

      "There are no colours in your eyes/ There's no sunshine in your skies/ There's no race only the prize/ There is no tomorrow only tonight" sang Bono von U2 in der Begleitmusik zu Wim Wenders Film "The Million Dollar Hotel". Es ist ein Film über Kranke und Hinfällige, große Liebende auch. Der wunderbare Band "The heart is a sleeping beauty" (€ 41,-, Schirmer/ Mosel), aus dem unsere Abbildung stammt, dokumentiert die Dreharbeiten in dieser "Trutzburg der Auswegs- losen". (steg/ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 02./03.04.2005)

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