Belladonne-Beeren und "nicht todte Substanzen"

6. Juni 2006, 19:06
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Samuel Hahnemann erfand als Arzt die Homöopathie - als Gegenmodell zur Schulmedizin

Die Füse, die Fingerspitzen usw. wurden mir erst kalt, ich ward matt und schläfrig, dann fing mir das Herz an zu klopfen, mein Puls ward hart und geschwind; eine unleidliche Aengstlichkeit, ein Zittern (aber ohne Schauder), eine Abgeschlagenheit durch alle Glieder; dann Klopfen im Kopfe, Röthe der Wangen, Durst, kurz alle mir sonst beim Wechselfieber gewöhnlichen Symptomen erschienen nach einander . . . Dieser Paroxysm dauerte zwei bis drei Stunden jedesmahl, und erneuerte sich, wenn ich diese Gabe wiederholte, sonst nicht."

Dies schrieb Samuel Hahnemann (1755-1843) nach seinem berühmten Selbstversuchen mit der Chinarinde im Jahr 1790, zu dem er angeregt wurde, als er William Cullens Materia medica übersetzte. Cullen führte die Wirkung der Chinarinde auf ihre magenstärkende Kraft zurück. Hahnemann kam aufgrund seines Selbstversuchs zu der Überzeugung, dass die Chinarinde die Malaria deshalb zu heilen vermag, weil der durch sie künstlich am gesunden Menschen hervorgerufene Zustand der Malaria ähnlich sei. Das Ähnlichkeitsprinzip, similia similibus curantur (Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt) sollte in der Folge das wichtigste Grundgesetz der Homöopathie werden, welches erst später seine Ergänzung in der Potenzierung fand: Die Wirkung eines Medikaments sei umso größer, je kleiner die Dosis.

Hahnemann hielt die Wahl des passenden Arzneimittels, also eines Arzneimittels, das beim gesunden Menschen eine Befindensveränderung hervorruft, die der Befindensveränderung der vorliegenden Krankheit möglichst ähnlich ist, für entscheidend. Zugleich ging er davon aus, dass die von der Arznei künstlich erzeugte Krankheit die natürliche an Stärke übertreffen müsse. Er dachte, dass die Arzneien nicht "atomisch", sondern "dynamisch" wirkten: "Arznei-Stoffe sind nicht todte Substanzen in gewöhnlichem Sinne; vielmehr ist ihr wahres Wesen bloß dynamisch geistig." Durch Verdünnung werde die Arznei zwar materiell abgeschwächt, dynamisch aber wirksamer.

Krankheit verstand er als eine Verstimmung der Lebenskraft, als ein geistartiges, immaterielles, den materiellen Organismus belebendes Prinzip. Die Symptome sind, und zwar in ihrer Gesamtheit, Ausdruck dieser Verstimmung. Sie sind das Einzige, das dem Arzt von der Krankheit zugänglich ist. Hahnemann verwarf alle möglichen Spekulationen darüber, was sich im Inneren des Körpers eines Kranken abspielt und betonte dagegen sinnlich wahrnehmbare äußere Veränderungen im Befinden des Leibes und der Seele: "Zum Entwurfe des Bildes der Krankheit hat der Arzt nur ein einfaches Benehmen nötig, Aufmerksamkeit im Beobachten und Treue im Kopieren. Vermutungen, Erpressungen und Suggestionen mögen fern von ihm sein. Der Kranke klagt den Vorgang seiner Beschwerden, die Angehörigen erzählen sein Benehmen, der Arzt sieht, hört, fühlt usw., was verändert und ungewöhnlich an ihm ist, und zeichnet sich alles in der Ordnung auf, um sich das Bild der Krankheit darzustellen."

Hahnemanns Aufmerksamkeit galt dabei nicht allein der "Leibes-Beschaffenheit" des Kranken, sondern ebenso der Gemütsverfassung wie dem "geistigen Charakter". Er interessierte sich für die Tätigkeiten des Kranken, seine Lebensweise und häuslichen Verhältnisse, auch für dessen Geschlechtsleben. Auffallenderweise vertraute er dabei nicht allein auf eigene Beobachtungen, sondern bezog sich ebenso darauf, was der Kranke selbst fühlt und Umstehende an ihm wahrnehmen.

Die Krankenuntersuchung trieb Hahnemann bis zu einer extremen Individualisierung, in der er jeden Krankheitsfall als einmalig wahrnahm. Es gäbe eine "unaussprechliche Zahl ungleichartiger Leibes- und Seelengebrechen, welche unter sich so verschieden sind, daß genau genommen, jedes derselben vielleicht nur ein einziges Mahl in der Welt existirt". Dies macht jedes Generalisieren, jede Klassifikation schwierig. So wird der Arzt zum genauen Aufzeichnen aller in der Anamnese zur Sprache kommenden Symptome gezwungen. Hahnemann legte denn auch akribisch geführte Krankenjournale an.

Um 1800, als Hahnemann sein System einer neuen Behandlungsmethode formulierte, befand sich die Medizin in einem grundlegenden Widerspruch. Während sich auf der einen Seite Ärzte systematisch mit der Beschreibung pathologischer Erscheinungen zu beschäftigen begannen und so entscheidend zu jenen Voraussetzungen beitrugen, denen sich die Erfolge der modernen Medizin verdanken, hatten Ärzte in der konkreten Behandlung außer Aderlässen und fraglichen Arzneien wenig anzubieten. Mit der Arbeit der Pathologen wusste Hahnemann wenig anzufangen, waren doch deren Erkenntnisse für die konkrete Behandlung seiner Patienten meist ohne jeden Belang. Die Praktiker wiederum richteten in seinen Augen mehr Schaden an, als zur Heilung beizutragen.

Bereits früh erwies sich Hahnemann als vehementer Kritiker der Medizin seiner Zeit. Er geißelte die "elende Brotklauberei", "Symptomenübertünchung" wie den "erniedrigenden Rezepthandel": Vor allem prangerte er die exzessiv betriebenen Maßnahmen zur Reinigung des Körpers von schlechten Säften an, sah er in den Aderlässen eine unnötige Schwächung des Kranken. Und nicht zufällig polemisierte er gegen die Sprache seiner Ärztekollegen. Alles sei in einen Schwulst abstrakter Redensarten gehüllt, die gelehrt klingen sollen, um den Unwissenden in Erstaunen zu setzen. Dabei seufze der Kranke vergebens nach Hilfe. Erstaunlicherweise entwickelte Hahnemann Vorstellungen einer ganzheitlichen Krankenbehandlung gerade zu einer Zeit, als sich die Medizin zu spezialisieren begann.

Homöopathie verbinden wir mit Tropfen und Pillen. In Vergessenheit ist geraten, dass Hahnemann weiter dachte. So schreibt er etwa, ein guter Arzt werde die "Ohnmacht und hysterische Zustande erregenden, stark duftenden Blumen aus dem Zimmer entfernen, den Augen-Entzündung erregenden Splitter aus der Hornhaut ziehen, den Brand drohenden, allzufesten Verband eines verwundeten Gliedes lösen und passender anlegen, die Ohnmacht herbeiführende, verletzte Arterie bloßlegen und unterbinden, verschluckte Belladonne-Beeren usw. durch Erbrechen fortzuschaffen suchen, die in Öffnungen des Körpers (Nase, Schlund, Ohren, Harnröhre, Mastdarm, Scham) gerathenen fremden Substanzen ausziehen, den Blasenstein zermalmen, den verwachsenen After des neugebornen Kindes öffnen usw."

Man mag zu den von Hahnemann entwickelten Behandlungstheorien und Praktiken stehen, wie man will, man muss ihm auf jeden Fall zugestehen, ein leidenschaftlicher Arzt gewesen zu sein, ein Allgemeinmediziner im besten Sinn. Dies erkannten selbst Kritiker seiner Zeit an, die ihn als "denkenden Arzt und guten Beobachter" oder als "geschickten und glücklichen Praktiker" sahen. Hahnemann verfügte über zwei Eigenschaften, die einen guten Arzt ausmachen: fachliche Neugier und Beziehungsfähigkeit. Gerade in der heute hoch technisierten und extrem arbeitsteiligen Medizin könnte Hahnemanns Verständnis von einem praktischen Arzt durchaus als Gegenmodell dienen.

Dass sich die Homöopathie bis heute zu behaupten vermochte, verdankt sich nicht zuletzt den Defiziten der Schulmedizin, die das Interaktionsgeschehen zunehmend zugunsten distanziert-technischen Handelns vernachlässigt hat. An die Stelle eines wirklichen ärztlichen Gespräches sind Laboruntersuchungen und zahllose Überweisungen getreten. Besprochen werden vor allem Befunde. Die Homöopathie kennt für Befindlichkeiten der Kranken eine Sprache, welche die Schulmedizin längst aufgegeben hat. Als Beispiel sei der Blutandrang zum Kopf genannt, eine Erfahrung, die manchen Patienten quälend vertraut ist. Die mit Hilfe von Laboruntersuchungen oder bildgebenden Verfahren erhobenen Daten haben maßgeblich zu einer Diskreditierung der Körpererfahrungen der Patienten beigetragen. Bewegen sich ihre Werte im Normbereich, was gelten da schon ihre Empfindungen? Nicht zufällig suchen insbesondere Patienten mit indifferenten Beschwerden und chronischen Erkrankungen, bei denen die Schulmedizin oftmals nur wenig anzubieten hat, Homöopathen auf.

Schon Hahnemann war mit dem Vorwurf fehlender Wissenschaftlichkeit konfrontiert. Dabei hatte er sich als praktizierender Arzt ursprünglich in besonderer Weise darum bemüht. Von der Schulmedizin wurde sein Verzicht auf Analogie und Klassifikation, die Subjektivität seiner Arzneimittelversuche und die Kleinheit der homöopathischen Dosen kritisiert. Diese Kritik hat sich bis heute erhalten. Homöopathie wird von der heutigen Schulmedizin als eine Art "Placebo-Medizin" betrachtet und zumindest so lange toleriert, als homöopathisch behandelnde Praktiker wissen, wann es notwendig ist, zu Antibiotika oder anderen Mitteln zu greifen. Unbeachtet bleibt dabei, dass das schulmedizinische Körper- und Krankheitsmodell durchaus Schwächen kennt. (Bernhard Kathan/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 4./3. 4. 2005)

Bernhard Kathan lebt als Künstler und Sozial­wissenschafter in Innsbruck. Von ihm erschien 2002 "Das Elend der ärztlichen Kunst. Eine andere Geschichte der Medizin.
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