Thuja D6

6. Juni 2006, 19:06
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"Was du von Homöopathie hältst, weiß ich", sagt Ilse hinter einem Stapel Aspirin C-Brausetabletten. "Genau", sagte ich, "gib mir lieber was Ordentliches." - eine Erzählung

Der Abend, an dem die Geschichte begann, war sicher nicht der Abend, an dem Klaus vom Marder gebissen wurde. Das weiß ich deshalb genau, weil wir nach dem Marderbiss, der übrigens in eine von Klaus' Großzehen erfolgte, unter Garantie ausschließlich über seine und nicht über meine Gesundheit sprachen. Der Schauplatz war allerdings derselbe, nämlich der Gastgarten des Wirtshauses "Beim Czaak" vor der Alten Universität, und die Wahrscheinlichkeit, dass auch die Ausgangssituation die gleiche war - Klaus ist soeben mit dem Flugzeug aus London oder Berlin angekommen und seine Koffer sind woanders -, ist relativ hoch. Wir unterhielten uns über Coffee and Cigarettes von Jim Jarmusch, und zwar über die Episode mit Iggy Pop und Tom Waits, daran erinnere ich mich ebenfalls. Klaus sagte: "Tom Waits, das ist schlecht maskierter Kitsch", und ich sagte: "Der ganze Verdi und der halbe Richard Strauss und die Zweite von Mahler sind auch nichts anderes", und er sagte: "Horch dir doch an: 'In the Neighborhood' oder 'Waltzing Mathilda' oder 'Ruby's Arms', - o Gott!", und ich sagte: "Jawohl, horch es dir doch endlich an!" Daneben hatte ich zu verbergen, dass ich von Iggy Pop nichts, aber auch schon gar nichts kannte, was mir gefühlsmäßig ganz gut gelang, wobei ich heute den Verdacht hege, dass das darauf zurückzuführen war, dass es sich bei Klaus nicht anders verhielt.

Wir tranken Bier, ich Starobrno aus einem glatt zylindrischen Kristallkrug, er naturtrübes Zwickl aus einem dieser leicht kindischen Krakeleegläser. Wir prosteten einander zu, zum x-ten Mal, als Klaus' Blick meine Hand streifte. "Oh", sagte er, "was haben wir denn da?" "Was haben wir den wo?", fragte ich. "Verrucca vulgaris", sagte er und zeigte auf meine Finger, "eine aufblühende gemeine Warze."

Klaus und ich unterscheiden uns rein dermatotypologisch deutlich: Er, der bekennendermaßen zur Hypochondrie neigende Neurodermitiker; ich, der Herpetiker, ständig bedroht von paroxysmalem Panikbefall; - eine Differenz, die wir seinerzeit ausführlich durchdiagnostiziert hatten, was letzten Endes auf so was wie einen Nichteinmischungspakt hinausgelaufen war. "Fällt mir nicht ein, meine Schuppen gegen deine Fieberblasen zu tauschen", hatte Klaus gesagt, und das war's bis zu diesem Zeitpunkt auch gewesen.

Die Warze saß an der Ringfingerseite meines rechten Mittelfingers, etwas innerhalb des Endgelenkes. Sie war objektiv nicht allzu groß, und da ich weder Violinist bin, noch ständig zur Maniküre renne, hatte ich sie vermutlich einfach übersehen. Klaus war das wurscht. "Papilloma-Viren", sagte er, "ziemlich ansteckend." Ich spürte, wie sich in der psychoimmunologischen Baisse, in die ich augenblicklich stürzte, ein ganzes Bataillon Herpes simplex-Erreger in Richtung meiner Oberlippe aufmachten. "Was soll ich tun?", fragte ich. "Keine Ahnung", sagte er, "ich krieg' keine Warzen."

Zu Hause legte ich eine uralte Billy Cobham-LP auf. Sie erinnerte mich an Zeiten, da es auf der Welt noch keine Warzen gegeben hatte. Meine Frau zog sich den Polster über den Kopf. Sie hat keine Beziehung zu Schlagzeug.

Zuallererst probierte ich Schöllkraut. Mein Vater war Biologielehrer gewesen, vor allem ein leidenschaftlicher Beobachter der heimischen Pflanzenwelt, daher hatten meine Schwestern und ich all die Schachtelhalme und Kreuzblütler und Hahnenfüße gleichzeitig mit dem Zehnerüberschreiten und den Buchstaben des Alphabets kennen gelernt. Eine gelbliche Milch, die aus sämtlichen Bruchstellen quillt, daran konnte ich mich erinnern. Ich fand einen nennenswerten Bestand des Gewächses auf einer Lichtung im Gföhler Wald. "Seit wann interessierst du dich für Pflanzen?", fragte mein Sohn. Ich zeigte ihm meinen Mittelfinger. "Unterdrückte Aggression", sagte er, "ein rein psychisches Phänomen." Eigentlich hätte ich stolz sein müssen auf ihn.

Ich brach also Blätter ab und Stängel und tupfte die gelbliche Milch auf meine Warze, circa fünfmal pro Tag. Sie wurde erst ockerfarben, dann dunkelbraun, genauso die Flecken, die ich dort und da in meine Hemden machte. Die Warze ging nicht weg, die Flecken auch nicht mehr, das machte mich griesgrämig. Nach eineinhalb Wochen war das Kraut glücklicherweise verwelkt, und ich warf es in den Mist.

Hühneraugenpflaster auf die Warze geklebt brachte gar nichts. Das Aufträufeln von Zitronensaft ließ immerhin die unhübsche Farbe ein wenig abblassen. Das Bepinseln mit Warzentinktur führte dazu, dass ich mir die Haut ringsherum mächtig verätzte und das Ding selbst innerhalb weniger Tage auf die doppelte Größe anwuchs.

"Verkauf sie", sagte meine Frau, die, was den Umgang mit mir betrifft, sehr zu magisch-archaischen Ritualen neigt, "in meiner Kindheit haben die Leute Warzen verkauft. Das funktioniert. Du brauchst nur einen Käufer. Er gibt dir einen Cent. Du gibst ihm die Warze. Fertig." Ich schöpfte Hoffnung und blickte sie liebevoll an. Sie schüttelte kühl den Kopf. Ich blickte meinen Sohn an. "Denk nicht mal dran!", fauchte er.

In den folgenden Tagen kam ich zur bitteren Erkenntnis, keinen einzigen echten Freund zu besitzen. Klaus sah es schließlich mehr von der ökonomischen Seite. "Der Absatzmarkt für Warzen ist derzeit offenbar ziemlich eng", sagte er. Er behauptete, er hätte mir den Knubbel schon abgenommen, wenn er auch nur eine minimale Chance gesehen hätte, ihn wieder anzubringen. Ich glaubte ihm kein Wort. Blieb also noch Ilse. Ilse ist Pharmazeutin und werkt in einer Apotheke im achten Bezirk. Sie hat eine Schwäche für Bryn Terfel, kocht das beste Imam Bayildi der Stadt und ist die Spezialistin schlechthin für medikamentöse Interventionen in hoffnungslosen Lebenslagen. Am effizientesten ist sie bei Leuten, die knapp vor einem psychogenen Asthmaanfall stehen. Da blickt sie streng über den Oberrand ihrer Brille, zieht ein Spraydöschen mit einem großen, roten Kreuz außen drauf aus der Lade, sagt: "Mund auf!", und schon ist der Anfall fast vorbei.

Ilse stand hinter einem Stapel Aspirin C-Brausetabletten und verzog keine Miene. So benimmt sie sich immer, wenn die Sache ernst ist. "Ich würde ja ein Thuja D6 nehmen", sagte sie, "aber was du von Homöopathie hältst, weiß ich." "Genau", sagte ich, "gib mir lieber was Ordentliches."

Nach einer Weile kam sie aus ihrer Giftküche zurück und hatte immer noch keine Miene verzogen. Sie stellte ein Fläschchen mit Tropfpipette vor mich hin. "Eine Mischung organischer Säuren", sagte sie, "was Ordentliches." Nicht mehr als ein Tropfen pro Tag, und ich solle die Umgebung unbedingt dick mit einer Fettcreme abdecken. "Das frißt dir das Fleisch von den Knochen", sagte sie, als ich mich verabschiedete.

Was fällt dir zu Thuja ein?", fragte ich Klaus am Telefon. "Lebensbaum, Vorgarten, Siebzigerjahre", sagte er, "mit dem Rasenmäher drumherumfahren. Hast du deine Warze schon verkauft?" Ich ignorierte die Frage und legte auf.

In der Nacht träumte ich davon, dass meine Hand in eine milchige Flüssigkeit getaucht wurde, und danach waren nur mehr die Knochen da. "Du sprichst im Schlaf vom Rasenmähen", sagte meine Frau und blickte mich besorgt an.

Ich ging schließlich in diese berühmte, alternative Innenstadtapotheke, aus der ich den Fencheltee geholt hatte, als wir für die Blähungen unseres Sohnes noch zuständig gewesen waren. "Thuja D6", sagte ich und hatte ein wenig die Erwartung, die schnittige, blonde Apothekenhelferin werde mich jetzt fragen: "Geschüttelt oder gerührt?" Stattdessen dampfte sie wortlos ab, kam nach zehn Sekunden zurück, in der Hand ein Fläschchen mit Millionen dieser verwechselbaren homöopathischen Kügelchen drin. "Macht elf siebzig", sagte sie, "nehmen sie dreimal fünf Globuli pro Tag bis die Warze weg ist." Langsam blickte ich an mir hinab. Ich hatte die Hand in der Jackentasche. Mit einem Mal fühlte ich mich verfolgt. Ich zahlte und fragte nicht, woher sie es wusste.

Als ich Klaus einige Zeit später traf, trank ich wieder Starobrno und er wieder Zwickl aus dem Krakeleeglas. Wir sprachen zuerst über die Frage "Bryn Terfel oder Brian Ferry", dann über das Phänomen der zunehmenden Fixierung österreichischer Spitzenpolitiker auf anale Denk-und Handlungsmodi. "Wo ist eigentlich deine Warze?", fragte er plötzlich. Ich hielt ihm die Hand hin. "Phänomenal", sagte er, "du hast also doch einen Käufer gefunden." Ich schüttelte den Kopf. "Zuerst habe ich etwas draufgetan, das frisst dir das Fleisch von den Knochen", log ich, "dann ist sie plötzlich verschwunden, ganz von allein." Ich bot ihm die Mischung organischer Säuren mit Tropfpipette an, - nur für den Fall. Er wollte sie nicht haben. "Seit dem Marderbiss", sagte er, "bin ich mehr auf Homöopathie. Ich hab da nämlich eine Freundin, die kennt sich aus. Sie hat mir sofort Aconitum eingeflößt, und vorbei war's mit Tollwut und Blutvergiftung." So eine Freundin, die sich auskenne, sei überhaupt das Beste, das einem passieren könne, sagte er und dann fragte er mich noch, was denn das mit der Thuje damals für eine komische Frage gewesen sei. Nichts Besonderes, sagte ich, wir hätten nur "Trivial Pursuit" gespielt. (Paulus Hochgatterer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 4./3. 4. 2005)

Paulus Hochgatterer lebt als Schriftsteller und Kinderpsychiater in Wien. Zuletzt erschien von ihm "Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen" und "Über die Chirurgie" (beide Deuticke Verlag).
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