David Lynch: "Lost Highway"

1. April 2005, 21:38
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Seine Filme inszenieren ein alptraumhaftes Delirium, das keine Logik oder Regeln kennt

Nach Eraserhead, David Lynchs erstem Film, tauchte plötzlich ein seltsames Gerücht auf, das den traumatischen Effekt des Films erklären sollte – es würde da einen Ton von extrem tiefer Frequenz auf dem Soundtrack geben, der unbewusst die Zuschauer beeinflussen würde, ein Ton, der nicht zu hören ist, aber beim Zuschauer für Unbehagen, für Unwohlsein gar sorgen würde.

Und wirklich: Zielt Lynchs gesamtes Werk nicht darauf ab, den Zuschauer "unhörbare Geräusche" hören zu lassen, ihn so mit dem komischen Horror seiner innersten Fantasien zu konfrontieren? David Lynchs Filme, so lautet ein beliebter Standardsatz der Kritiker, inszenieren ein alptraumhaftes Delirium, das keine Logik oder Regeln kennt, also sollten wir auf Interpretation verzichten und uns stattdessen dem Bombardement der verschiedenen Schockszenen aussetzen.

In Lost Highway ermordet Fred seine Frau Renee, weil er sie sexuell nicht befriedigen kann. Er erleidet darauf einen Nervenzusammenbruch und versucht, sich ein alternatives besseres Leben in seiner Imagination auszumalen – er erschafft sich neu als Pete, ein junger männlicher Bursche, der Alice trifft, die ihn haben will. Auch diese Fantasie aber bricht in sich zusammen, endet in einem Nachtmahr ... Die Logik ist die von Freuds Traum "Vater, siehst du nicht dass ich verbrenne?" – der Träumer erwacht, wenn der Schrecken des Traums unerträglicher wird als die Realität, flüchtet sich in die Wirklichkeit, um dem Realen des Traums zu entkommen.

In einer irrwitzigen Szene nimmt Eddy, eine obszöne Vaterfigur, Pete zu einer Spritzfahrt in seinem noblen Mercedes mit. Ein normaler Wagen schneidet sie beim Überholen, Eddy drängt ihn von der Straße, erteilt dem angstschlotternden Fahrer eine Lektion, mit einer Waffe in der Hand, damit er die "verdammten Regeln" lernt.

Eine schockierend komische Szene. Man muss diesen Eddy absolut ernst nehmen – das ist einer, der verzweifelt versucht, ein Minimum an Ordnung zu erhalten, ein paar "fucking rules" in dies ansonsten verrückte Universum einzubringen.

Typen wie Eddy, Frank (in Blue Velvet), Bobby Peru (in Wild at Heart) sind Figuren einer exzessiven, überschwänglichen Lebensbejahung und -freude – sie sind irgendwie böse, "jenseits von gut und böse". Zugleich sind sie die Hüter der fundamentalen Achtung vor dem Gesetz. Das ist es, was Lost Highway zu einem Meisterwerk macht – er liefert zwei wesentliche Aspekte unserer modernen Gesellschaft, die toten Punkte der sexuellen Beziehungen und die lächerlichen Windungen der Autoritätsfiguren. (DER STANDARD, Printausgabe, 02./03.04.2005)

Von
Slavoj Zizek
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