"Hotel": Unheimlichkeit und Unbehagen

4. April 2005, 00:57
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Spiel mit Erwartungen: Jessica Hausners zweiter Spielfilm "Hotel"

Wien - Ein Leben im Anschnitt: Irene (Franziska Weisz) tritt eine Stelle als Rezeptionistin in einem Hotel an, das nicht von ungefähr den Namen Waldhaus trägt. Zu Beginn wird sie durchs Gebäude geführt und in ihre Pflichten eingewiesen. Die Aufnahmen sind großteils statisch und häufig eng kadriert. Man bekommt kein Bild vom Ganzen, aber beständig einen Eindruck davon vermittelt, dass das, was man sieht, nicht alles ist.

Die Tendenz des Films ist damit vorgegeben: Er spielt mit dem Verhältnis zwischen On und Off, mit Andeutungen, fragmentarischen Beobachtungen und mit der dadurch gesteigerten Erwartungshaltung des Publikums. Hotel ist der zweite Spielfilm der Wiener Regisseurin Jessica Hausner (Lovely Rita). Beim Festival des österreichischen Films wurde er erst vor zwei Wochen mit dem Großen Diagonale-Preis und dem Thomas-Pluch-Drehbuchpreis ausgezeichnet.

Zuallererst wird hier einmal ein Arbeitszusammenhang entworfen: die Dienstleistungen an der Rezeption und organisatorische Aufgaben im Hintergrund, die hierarchische Personalstruktur (zuoberst: die von Marlene Streeruwitz verkörperte Hotelbesitzerin) und die Konkurrenz unter den Angestellten.

Ins Alltägliche dieses Rahmens sind jedoch von Anfang an kleine Irritationen eingeschrieben: Die Liftmusik hat Aussetzer, die leeren Gänge im Keller und ums Schwimmbad erzeugen eine latent unheimliche Stimmung. Darüber hinaus ist Irenes Vorgängerin offensichtlich unauffindbar. Polizeibeamte nehmen am Rande Ermittlungen auf. Im Wald, am Eingang einer Grotte, berichtet eine Hinweistafel von einer historischen Hexenverbrennung und vom nicht so lang zurück liegenden, angeblichen Verschwinden einer Wanderergruppe.

Bild und Ton produzieren also gelassen und konsequent atmosphärische Unruhe. Sie lassen an andere Filme denken - an zeitgenössische japanische Horrorfilme, an The Shining, Psycho oder The Blair Witch Project. Im Unterschied zu diesen bleibt die Manifestierung des Horrors (und die Erfüllung der Erwartungen) in Hotel allerdings ausgespart. Vielleicht spiegelt sich in der lastenden Stimmung ja nur Irenes Befindlichkeit wider - Sequenzen, in denen sie, geschluckt vom Schwarz am Ende eines Ganges, plötzlich im Dunkel des Waldes wieder auftaucht, sind zunächst auch als Alpträume lesbar.

Aufgeräumte Existenz

Das reduzierte Szenario fokussiert den Blick auf die Heldin. Schritt für Schritt entwickelt sich eine kleine, undramatische Charakterstudie. Man bleibt auch dabei weitgehend auf Äußerlichkeiten angewiesen. Irene führt eine aufgeräumte Existenz - die blonden Haare immer akkurat im Nacken zusammengebunden, aufrechter Gang.

Selbst in der Dorfdisco scheint sie nur routiniert das passende Programm abzuspulen, und in einem der Tanzenden ist umstandslos ein Freund gefunden, der die Freizeit in der Einöde erträglicher macht. Parallel dazu eckt Irene unter den Kolleginnen und Kollegen an. Gezieltes Mobbing vermischt sich mit möglicherweise doch anders gelagerten Vorkommnissen.

Ein Leben im Anschnitt: Hotel produziert fortwährend eine Leere, die der Film bewusst nicht auffüllt. Was wir sehen ist zwar nicht alles, aber doch genug. (DER STANDARD, Printausgabe, 02./03.04.2005)

Von
Isabella Reicher

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