Zukunfts-weise(nd)

21. November 2005, 14:51
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Fantasie generiert Ideen, die zu neuen Produkten werden, die wiederum die Fantasie beleben - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Papero soll als nimmermüde Nanny Mütter entlasten und "i-foot" den Alten das Gehen ermöglichen. Beide sind Roboter, die neben dem größten Bildschirm und dem kleinsten Speicherchip der Welt auf der gerade in Japan eröffneten Expo unter dem Motto "Die Weisheit der Natur" zu sehen sind. Auch Mauern aus Pflanzen, die auf Knopfdruck Sauerstoff spenden, sind zu bestaunen.

Den Japanern ist jedoch nicht so sehr eine triumphale Inszenierung der Technik gelungen, sondern vielmehr ein sichtbares Bekenntnis zu Fortschrittsglauben und Zukunftsoptimismus. Zukunftsweisende Technologien werden sinnlich erlebbar gemacht - und damit ist die Voraussetzung geschaffen, um neuen Branchen aus der Wiege zu helfen:

1. Fantasie schafft notwendige Wahrnehmungssprünge: Wie Luc de Brabandere in seinem neuen Buch "The Forgotten Half of Change" verdeutlicht, brauchen wir in einer sich rasant wandelnden Welt nicht primär eine Verbesserung des Bestehenden, sondern echte Kreativität. Diese lebt von Wahrnehmungssprüngen, die eher durch Emotionen und Bilder als durch rationale Erkenntnisse ausgelöst werden: Im Kopf muss es "Klick" machen. Erst danach kommt die inkrementelle Arbeit an der Umsetzung. Oder wie es Antoine de Saint-Exupéry sagt: "Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer."

2. Spiel schafft Vertrautheit: Ganz so wie im 19. Jahrhundert, als man glaubte, Telegrafenleitungen würden das Wetter beeinflussen und Eisenbahnen Nervenkrankheiten hervorrufen, ist es heute nicht mehr. Gleichwohl sind Technologieskepsis und Zukunftsängste weit verbreitet - die Diskussionen über Gentechnik oder Biotechnologie zeigen es. Skepsis hilft (nur), wenn sie zur Auseinandersetzung anspornt, mit dem Möglichen vertraut macht und das Hilfreich-Nützliche vor Augen führt. Vor allem im Spiel gewonnene Erfahrungen schaffen Vertrauen und bauen Widerstände ab. Fußball-Roboter oder animierte Bilder von insektenähnlichen Nanowesen, die Buchstaben fressen und mit diesen vom Betrachter gefüttert werden können, machen komplexe Technologien (be)greifbar. Gerade das Einstein-Jahr 2005 ist ein hervorragender Anlass, alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen mit solchen "sinnlichen" Initiativen an die Wissenschaft heranzuführen.

3. Unterstützung & Unternehmergeist sichern die Umsetzung: In Japan hilft das mächtige Wirtschaftsministerium, einen Robotik-Markt für private Anwendungen aufzubauen, der bis zum Jahr 2025 etwa 45 Milliarden Euro wert sein soll. Fantasie fordert Fördermittel, Forschung und Freiräume. Jeder Kondratieff-Zyklus beginnt mit Investitionen in Fantasie: Motor der Weltwirtschaft waren stets bahnbrechende Neuerungen, ob Dampfmaschine oder IT. Erst die Anwendungsorientierung aber macht aus Ideen Umsätze - und dafür müssen Unternehmen gewonnen werden.

Wo gehobelt wird, fallen allerdings auch Späne: Boom, Bust und das Bleibende der Internetwirtschaft zeigen, dass Enthusiasmus und Enttäuschung notwendige Begleiterscheinungen bei der Entstehung neuer Branchen sind. Für die Reise in die Zukunft sind jetzt Menschen wie Jules Verne gefragt, dessen Werk uns letzte Woche anlässlich seines 100. Todestages in Erinnerung gebracht wurde. Seine Kunst bestand darin, Forschungsergebnisse in den Dienst seiner blühenden Fantasie zu stellen. Und die wiederum hat die Wissenschaft angespornt. So wird ein Circulus vitiosus in Gang gesetzt: Fantasie generiert Ideen, die zu neuen Produkten werden, die wiederum die Fantasie beleben. Eine zukunftsweise(nde) Einstellung.

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group (BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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