"Weapon of Choice": "Irakkrieg über die Glock-Pistole erklären"

    Video30. November 2017, 11:00
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    Fritz Ofner und Eva Hausberger haben Erfolg und Mythos des Waffenherstellers Glock in ihrem Film erforscht. Am Donnerstag eröffnet er das Festival "This Human World"

    STANDARD: Herr Ofner, Sie haben Filme über die Gewalt in Lateinamerika oder Libyen gedreht. Gab es einen bestimmten Auslöser, nun einen Film über eine österreichische Handfeuerwaffe zu drehen?

    Ofner: In den Kriegs- und Krisengebieten, die ich besuchte, waren Pistolen der Firma Glock stets präsent und anscheinend von einem riesengroßen Mythos umgeben. Bei meiner Recherche war ich dann erstaunt, wie wenig in Österreich über diese "Erfolgsgeschichte" bekannt ist. Dahinter steckt die Methode der Firma Glock, unliebsame Berichterstattung zu verhindern. Daraus resultierte unser Wunsch, mit einem Film dieses Diskursvakuum bezüglich des Themas Österreich und Waffenexporte zu füllen.

    foto: this human world
    Eine Waffe, die von Österreich aus die Welt erobert hat: "Weapon of Choice" erzählt von den "Treffern" der Glock-Pistolen.

    STANDARD: Wie plant man einen solchen Film?

    Ofner: Im Konzept waren bereits drei Themenblöcke definiert: Glock-Pistolen in Kriegsgebieten, Glock in der amerikanischen Populär- und Waffenkultur und schließlich die Geschichte eines österreichischen Unternehmens und "the man behind the gun". Der filmische Ansatz war, einen investigativen Essay zu machen, auf den ersten Blick eine Quadratur des Kreises. Ausgehend von einem Objekt wollten wir fragen, welche größeren Zusammenhänge sich damit aufzeigen lassen. Man kann etwa die ganze Geschichte des Irakkriegs über die Glock-Pistole erzählen: Wir haben den Soldaten getroffen, der Saddam Husseins Glock erobert hat. George W. Bush hat diese rahmen lassen, heute soll sie im George W. Bush Museum als Objekt das Narrativ für die Befreiung des Irak liefern. Im jetzigen Irak ist die Polizei wiederum mit Glock-Pistolen ausgerüstet, die zum Teil beim IS gelandet sind.

    STANDARD: Der erwähnte US-Soldat ist ein gebrochener Mann.

    Hausberger: Wenn man von dem Soldaten hört, der Saddam Hussein festgenommen hat, hat man eine bestimmte Vorstellung – und findet dann einen Puerto-Ricaner in zweiter Generation, der als Kanonenfutter vorgeschickt wurde, der für die davongetragenen psychischen Störungen überhaupt keine Unterstützung vom Staat bekommen hat und jetzt halb obdachlos ist. Er war zunächst auch nicht willens, seine Geschichte zu erzählen, um dann zu erklären, dass er erst seine Managerin fragen muss. Er hat tatsächlich seine Lebensgeschichte verkauft und darf sie jetzt nicht mehr ohne Zustimmung erzählen!

    STANDARD: Wie bringt man die Leute dazu, sich zu öffnen?

    Ofner: Ein Teil unserer Methode ist, die Protagonisten öfter zu besuchen, um sie und ihre Lebensrealität kennenzulernen. Das geht nur in einem kleinen Team, wenn man nicht von Drehtagen und Budgets abhängig ist. Wenn wir so unterwegs sind, Fritz und Eva, wirken wir außerdem einfach nicht sehr bedrohlich.

    STANDARD: Eine berührende Szene zeigt, wie ein erschossener Bub in Chicago betrauert wird. Wie kam das zustande?

    Hausberger: Wir sind mit einem Crime-Scene-Reporter mitgefahren. Der hat acht oder zehn Antennen am Auto, um den Polizeifunk zu empfangen. Es ist wahnsinnig laut, alles kommt ungefiltert rein, und sobald etwas passiert, geht es zack, zack: Kamera, Bilder hochladen, und man sendet schon.

    STANDARD: Was geht da in einem vor?

    Hausberger: Ich habe das als sehr, sehr unangenehm empfunden. Während des Wartens ist einem fad, auf der anderen Seite weiß man, wenn etwas passiert, dass jemand erschossen worden ist. Am Beginn des Abends ist klar, dass jemand sterben und am nächsten Tag zu einer Geschichte oder einer Zahl wird. Man hat so ein Aasgeier-Gefühl, während man auf das Bild und auf das Opfer wartet.

    STANDARD: Zugleich gehören Waffen zur Unterhaltungsindustrie.

    Ofner: Glock ist eine der meistgenannten Marken in den Billboard-Charts und im US-Kino eine der am weitesten verbreiteten Waffen. Ein Grund ist, dass der Eintritt von Glocks in den amerikanischen Markt zur Zeit der Crack-Cocaine-Krise mit der Explosion der Gangkultur in den 80ern zusammengefallen ist. Der Gangster-Rap hat dann die Waffe schnell für sich entdeckt: wegen ihres neuartigen Designs, weil sie schwarz ist, anders als ein Revolver aussieht und vor allem weil ihr Name sich sehr gut reimen lässt. 2Pac hat beispielsweise viel über die Glock gerappt – und er wurde in Las Vegas von einer Glock erschossen. Das hat alles zu einer Mystifizierung dieser Waffe im Gangster-Rap beigetragen.

    STANDARD: Warum steht die Firma in Österreich weniger in der Öffentlichkeit?

    Ofner: Es war schnell klar, dass wir hier mit der Recherche nicht weit kommen. Dann haben aber ehemalige hochrangige Mitarbeiter der Firma mit uns gesprochen. Davon war einer gerade aus dem Gefängnis entlassen worden, der andere war während des Interviews inhaftiert. Es spricht natürlich Bände, dass die einzigen Leute, die dieses Milieu näher kennen, die wir gefunden haben, Leute sind, die im Streit von der Firma geschieden sind und für Straftaten verurteilt wurden, die sie gegenüber Glock begangen haben. Natürlich muss man diese Ex-Mitarbeiter auch unter diesem Blickwinkel betrachten, dass sie nichts mehr zu verlieren und eine Rechnung mit der Firma offen haben. Das ist keine neutrale, sondern eine sehr gefärbte Information, die man von diesen Protagonisten erhält.

    STANDARD: Beide warnen, dass Glock gerne klagt.

    Ofner: Paul Jannuzzo, der ehemalige Firmenanwalt von Glock USA, hat uns erzählt, dass es Firmenpolitik war, jegliche Berichterstattung durch präventive Klagen zu verhindern. Auch in Österreich können Medienvertreter ein Lied davon singen. Ein ganz essenzieller Teil dieser Geschichte ist, dass beim Thema Waffenlieferungen aus Österreich einfach weggeschaut wird. Eine Protagonistin vergleicht es mit dem Umgang mit dem Nationalsozialismus, wo man auch einfach weggesehen hat. Verbildlicht wird diese Kernaussage durch den von Fabrikmauern der Firma Glock umschlossenen jüdischen Friedhof von Deutsch-Wagram.

    STANDARD: Ein weiteres Beispiel dafür, dass es in "Weapon of Choice" um mehr als um eine bestimmte Waffe geht.

    Ofner: Die Glock-Pistole ist ein Mittel, um über die Mechanismen von Gewalt und die Ökonomisierung von Gewalt zu erzählen. Wenn ich Italiener wäre, hätte ich vielleicht einen Film über Beretta gemacht. Es gibt ein Buch, das zeigt, wie die Kalaschnikow den Sowjetimperialismus begleitet hat – und auf ähnliche Weise ist Glock ein typisches Kind der letzten 30 Jahre, mit Hip-Hop, mit Steueroasen, Turbokapitalismus. Zudem ist es eine Erfindungsgeschichte. Wie über Steve Jobs, der in seiner Garage den ersten Apple baute, gibt es denselben Mythos über Gaston Glock, der in seiner Garage in Deutsch-Wagram den ersten Prototyp einer Pistole baut und durch einen Genieblitz die Industrie, in der er arbeitet, revolutioniert. Nur dass dieses Produkt ethisch sehr viele Frage aufwirft und direkt vor unserer Haustür erzeugt wird. (Dorian Waller, 30.11.2017)

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    Fritz Ofner, geboren 1977, studierte Journalismus und Kulturanthropologie. Er arbeitete als NGO-Aktivist, seine erste Kinodokumentation war "The Evolution of Violence".

    Eva Hausberger, geboren 1983, studierte Multimedia-Kunst in Salzburg und an der FAMU in Prag. Zuletzt realisierte sie den Dokumentarfilm "Monumenti".

    Der Film wird am Donnerstag im Gartenbaukino gezeigt, Wiederholung am 3.12. im Filmcasino. Ein regulärer Kinostart ist geplant, aber noch nicht fixiert.

    HIGHLIGHTS DES FESTIVALS

    Nach der Eröffnung durch Fritz Ofners und Eva Hausbergers Weapon of Choice zeigt das Festival This Human World noch bis 10. Dezember im Wiener Filmcasino, Top-Kino und Schikaneder über hundert Dokumentar-, Spiel- und Kurzfilme, die sich der Themen Menschenrechte und Grundfreiheiten annehmen. Besonders spannend dürfte dabei eine vom Forschungszentrum Menschenrechte der Universität Wien kuratierte Filmreihe mit Arbeiten aus der und über die Türkei ausfallen. Der brisante Bogen reicht von Immobilienspekulationen in Istanbul bis zu den Schicksalen von Kurden und Armeniern.

    Zu seiner Österreich-Premiere kommt der jüngste Film von Laura Poitras, der Regisseurin des oscarprämierten Snowden-Dokumentarfilms Citizenfour. In ihrem bisher zumindest kontrovers aufgenommenen Porträt Risk zeichnet sie ein ambivalentes Bild von Wikileaks-Gründer Julian Assange. Amüsanter ist hingegen Sacred Water, ein Film über die Wahrnehmung der weiblichen Ejakulation in Ruanda.

    Ein Highlight des Rahmenprogramms ist die Präsentation des Computerspiels From Darkness, einer interaktiven Dokumentation ostafrikanischer Lebensrealitäten. In der Rolle einer Mutter, die ihre verschwundene Tochter sucht, wird für die Spielenden die Perspektive eines Menschen inmitten von Kriegen, Wirtschaftsbooms und Fluchtbewegungen erlebbar. (wall)

    Link

    This Human World – Filmfestival

    • Die Filmemacher Fritz Ofner und Eva Hausberger.
      foto: this human world

      Die Filmemacher Fritz Ofner und Eva Hausberger.

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