"Lady Macbeth" im Kino: Das Leben als Vase ist nicht genug

    Video29. November 2017, 08:13
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    Dem Briten William Oldroyd ist ein kraftvolles Filmdebüt geglückt. Nach der Novelle von Nikolai Leskow setzt er den Widerstand einer Frau ins Bild, die sich der Opferrolle drastisch verweigert. In der Hauptrolle begeistert die Nachwuchsdarstellerin Florence Pugh

    Wien – Eine britische Kindheit, in der man auf Distinguiertheit setzt, – so stellt man sich das zumindest vor -, kommt an Kostümfilmen nicht vorbei. So war es denn auch bei William Oldroyd, dem 1979 geborenen, in Guildford südlich von London aufgewachsenen Regisseur: "Ja, auch ich kam in den Genuss dieser Tradition und bin damit aufgewachsen", antwortet er im Standard-Interview auf die Frage nach seiner Sozialisierung. "Aber in keinem davon stand eine Frau im Mittelpunkt, die zurückgeschlagen hat."

    foto: polyfilm
    Im blauen Kleid wie ein Saphir auf der Couch drapiert: Florence Pugh als Katherine, die "Lady Macbeth" in William Oldroyds Kostümdrama.

    Oldroyds Spielfilmdebüt Lady Macbeth, das gleich in 15 Kategorien für die britischen Independent Film Awards nominiert ist, kehrt dieses Prinzip nun um. Im Mittelpunkt der Adaption von Nikolai Leskows Novelle Lady Macbeth von Mzensk, die schon Dmitri Schostakowitschs Oper als Vorlage diente, steht eine junge Frau, die aufbegehrt und sich nicht in die Rolle des Opfers fügt. Und zwar so unbeirrbar an gesellschaftlichen Gegebenheiten vorbei, dass man sich nur wundert.

    Dennoch will Oldroyd seinen Film nicht als mutwilligen Akt der Rebellion verstanden wissen. Er habe die Nüchternheit der Gefühle schon in der Geschichte selbst gefunden: "Es gibt eine Sparsamkeit darin, die im Begehren liegt, in der Sprache selbst. Die Welt, in die Katherine hineingestellt wird, ist karg, die Art, wie die Figuren miteinander umgehen und sprechen, genauso."

    Isoliert und skrupellos

    Hineingestellt wie eine schillernde Vase in einen leeren, abweisenden Raum, möchte man ergänzen: Oldroyd, der vor allem Theatererfahrung vorweisen kann – er hat im Young Vic und Barbican inszeniert -, wurde der Stoff von der britischen Dramatikerin Alice Birch nahegelegt.

    Sie hat die Novelle auch ins nördliche England der 1860er-Jahre transferiert, wo Katherine als Frau des um einiges älteren Alexander (Paul Hilton) wie ein Gut eingekauft wird. Der lehnt sie allerdings schon in der Hochzeitsnacht ab; er lässt sie nackt, unberührt neben sich liegen, später masturbiert er einmal, sie aus Distanz in den Blick nehmend. Schlimmer ist nur sein geifernder Vater Boris (Christopher Fairbank), dem Oldroyd nicht gerade die Vorzüge eines facettenreichen Charakters verleiht.

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    Im Mittelpunkt steht ohnehin die Schauspielerin Florence Pugh, die zum Zeitpunkt des Drehs erst 19 Jahre alt war. Sie ist in beinahe jeder Einstellung zu sehen und wurde zum Shootingstar des Films. Katherines Wandlung von einer alleingelassenen Frau zur immer gerissener taktierenden skrupellosen Rebellin macht sie bewundernswert physisch nachvollziehbar. Nicht indem sie gleich innerlich versteinert, sondern als graduellen Prozess.

    Dass diese Entwicklung gesehen wird, war Oldroyd wichtig. Er wollte Katherine nicht zur Femme fatale stilisieren: "Sie bleibt zunächst erstaunlich offenen Herzens, bewahrt sich ihre Verbindung zur Natur, einen wilden Geist. Wenn man eine solche Person zähmen will, muss einem klar sein, dass sie widerstehen wird. Doch sie wird ausgehöhlt, und damit sie wieder ganz sie selbst werden kann, muss sie bis zum Äußersten gehen. Je schlechter sich die Dinge entwickeln, desto stärker wird sie." Und sie kämpft, sagt Oldroyd, bis niemand mehr mitkommt. "Sie kann einfach nicht mehr aufhören."

    Zwischen Objekt und Lust

    Katherines Beharrungsvermögen vermittelt sich nicht zuletzt über den Körper, über das Maß an Sinnlichkeit, welches sie sich zugesteht. Während ihr Mann und der verhasste Schwiegervater auf Reisen sind, geht sie mit dem Landarbeiter Sebastian (Cosmo Jarvis) eine Affäre ein. Auf Diskretion legt sie dabei wenig Wert. In den Nacktszenen spielt Florence Pugh die Lust dieser Frau immer offener aus. Muss sie die Garderobe wieder anlegen, verwandelt sie sich zurück in ein schönes Objekt – wie zum Hinstarren auf der Couch drapiert.

    In britischen Kostümfilmen werde gerne ein bestimmter Typ von Frau besetzt, sagt Oldroyd, "oft nicht sehr natürlich". Mit Katherine habe er versucht, bereits auf die Entwicklung des Frauenbilds der letzten 150 Jahre anzuspielen. "Wir suchten eine Frau, die sie selbst bleiben kann. Die Kostüme verändern die Umrisse des Körpers – man muss sich nur vorstellen, wie man all seine körperlichen Besonderheiten in ein Korsett pressen muss!" Katherine wolle eigentlich nur frei herumlaufen: "Sie will Sex haben, was man auch zeigen muss."

    Bei seiner Arbeit mit den Schauspielern konnte Oldroyd seine Theatererfahrungen nutzen – bei anderen Bereichen hat er sich gefragt: "Ist das nun auch filmisch genug?" Effektvoll ist, wie ornamentarm er die Innenräume gestaltet, für die er sich an den kühlen Interieurs des dänischen Malers Vilhelm Hammershøi orientierte. Andere Einflüsse kommen übrigens von Ulrich Seidl und Michael Haneke: "Beide sind so provokant, man kann sich nie zurücklehnen und entspannen. Man wird zum Mitspieler in ihrer filmischen Welt – das ist etwas, was ich auf jeden Fall auch mit meiner Arbeit erreichen möchte." (Dominik Kamalzadeh, 29.11.2017)

    Ab 1.12. im Kino

    • Haneke und Seidl als Vorbild: der britische Film- und Theaterregisseur William Oldroyd.
      foto: ap

      Haneke und Seidl als Vorbild: der britische Film- und Theaterregisseur William Oldroyd.

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