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20. November 2017, 06:00

Er war ein Skifabrikant. Ein unappetitlicher alter Mann. Er bat mich zu sich, setzte mich auf seine Knie und berührte mich, wie es nicht hätte sein sollen. Er sagte, ich sei gut und intelligent. Er sagte, es bräuchte Leute wie mich in seinem Team. Ich stand auf und ging. Wenige Monate später war ich unter meinem Mädchennamen Nicola Spieß österreichische Meisterin im Abfahrtslauf. Im April 1975 hatte ich das Rennen in Altenmarkt-Zauchensee gewonnen. Mit der Startnummer 23, vor Brigitte Totschnig und Wiltrud Drexel. Das war schon eine ziemliche Überraschung. Journalisten nannten mich Niki. Und ich war 16 Jahre alt.

"Ihm ist gar nichts passiert, sie hat sich zu Tode geschämt. Es war grausam, aber so war das damals eben."

Die Skifirmen hatten damals großen Einfluss auf die Verbandspolitik. Sie bildeten Allianzen mit Trainern, sprachen bei Aufstellungen und Besetzungen mit. In den 1970er-Jahren ging es erstmals um Geld und Verträge, die Struktur des Skisports hatte sich verändert.

Damit fing der Machtmissbrauch an. Auch in Form von unangenehmen Annäherungsversuchen. Mit der Attraktivität der maßgeblichen Männer hatte das Flirten – und dabei blieb es oft nicht – wenig zu tun. Wer nicht mitspielen wollte, brachte seinen Startplatz in Gefahr. Und es hat Übergriffe gegeben, sexualisierte Gewalt. Von Trainern, von Betreuern, von Kollegen, von Serviceleuten. Ich war ein Teenager, der unter Erwachsenen Dinge gesehen hat, die sonderbar waren.

foto: heribert corn
"Wer nicht mitspielen wollte, brachte seinen Startplatz in Gefahr."

Ich erinnere mich an den Fall einer jüngeren Rennläuferin. Sie wurde bei ihrem ersten Geschlechtsverkehr von einem Kollegen heimlich gefilmt, er hatte eine Kamera im Kasten versteckt. Das Video wurde kurz darauf der Mannschaft vorgespielt. Das ging damals als Scherz durch. Ihm ist gar nichts passiert, sie hat sich zu Tode geschämt und den Sport geschmissen. Die Frau war ruiniert. Es war grausam, aber so war das damals eben.

Alle haben von solchen Vorgängen gewusst. Man dachte, das sei normal. Geredet wurde darüber kaum, erst recht nicht dagegen vorgegangen. Auch nicht, als eine Gruppe von Rennläufern unter dem Vorwand von Aufnahmen für eine Werbung Frauen in ein Hotelzimmer lockte und pornografisches Material erstellte. Man hat sich damit gebrüstet.

Ich wuchs in einer Skifamilie in Mayrhofen auf. Meine Mutter war 1948 Olympia-Dritte in St. Moritz, mein Vater Trainer des österreichischen Damen-Nationalteams. Die Sommermonate verbrachte ich auf verwässertem Gletscherschnee. Der Drang, diesem ehrgeizigen Umfeld zu entfliehen, kam, als ich zwölf Jahre alt war.

"Im Internat wurde versucht, Menschen zu brechen, nicht nur bei erzwungenem Essen, auch in der Sexualität."

Ich habe mich selbst im scheußlichsten Skiinternat, das man sich nur vorstellen kann, angemeldet. Dort wurde versucht, Menschen zu brechen, nicht nur bei erzwungenem Essen, auch in der Sexualität.

Ein Schulkollege wurde aufgrund der Geilheit des Heimleiters auf mich Neuankömmling angesetzt. Es geschah in meinem eigenen Schlafzimmer. Alle Mitschüler, die in diesem System gern Bonuspunkte sammelten, wurden dabei als Spanner animiert.

Der Vergewaltigung fehlte der Akt an sich, ich konnte mich damals mit kindlicher Überlebensstrategie wehren. Schreien half nicht, der Tritt in den Unterleib sehr wohl. Die Tatsache, dass der Mann, der diese Aktion aus Frauenverachtung inszenierte, dabei Befriedigung vor meiner Zimmertür erlebte, war der erste große Schock in meinem Leben.

Buben wurden in der Skihauptschule gruppenweise in die Erzieherwohnung geholt. Der Heimleiter verabreichte ihnen Cognac, gab ihnen Pornohefte und animierte sie zum Onanieren.

Als unser Biologielehrer sprach er im Aufklärungsunterricht davon, dass Frauen im Intimbereich und an den Brüsten immer schmutzig wären, er riet den Mädchen, mehrmals täglich die Unterwäsche zu wechseln. Einige meiner Mitschüler haben es bis heute nicht geschafft, über diese Zeit zu reden.

foto: heribert corn
"Ich habe mit niemandem darüber gesprochen, weil ich mich so geschämt habe".

Als ich später auf das Skigymnasium in Stams wechselte, war alles anders. Stams war ein Refugium, ich habe dort nie etwas Verdächtiges erlebt. Mir kam dort nie ein Trainer oder Lehrer eigenartig vor. Diese Schule bot mir eine völlig neue Form der Sozialisierung.

"Als ich 16 Jahre alt war, haben mich zwei Männer unter Alkohol gesetzt, einer der beiden hat mich vergewaltigt."

Dort hat man sich unter Gleichaltrigen verliebt, sich immer kollegial behandelt, man konnte gut reden. Der Sport war wichtig, man hat sich aber nicht über ihn definiert. Hier war nicht entscheidend, wer am schnellsten fuhr. Es gab nicht dieses Hierarchiegefüge wie im Verband.

Als 15-Jährige bestritt ich meine erste volle Weltcup-Saison. Wir waren viel unterwegs. Diese ganze Zeit im Sport war sexuell irrsinnig freizügig. Jeder hat mit jedem Affären gehabt. Es ist rundgegangen. Ist ja grundsätzlich in Ordnung, aber ich war noch sehr jung. Ich habe versucht, meine Unsicherheit in diesem Umfeld mit schmutzigen Witzen zu überspielen.

Als ich 16 Jahre alt war, haben mich zwei Männer unter Alkohol gesetzt, einer der beiden hat mich vergewaltigt. Das hat mich jahrelang gedrückt. Ich habe mit niemandem darüber gesprochen, weil ich mich so geschämt habe. Weil das auch ein Mannschaftskollege war. Ich habe mir die Schuld gegeben, wie es junge Frauen oft machen, weil ich mich habe ansaufen lassen.

foto: heribert corn
"Ich wusste damals nicht, dass Bulimie eine Krankheit ist."

Es gab viele Rennläuferinnen, die schwer an Bulimie erkrankt waren. Ich war eine davon. Ich sehe das im Zusammenhang mit dem Selbstbild, das wir Frauen im Skiteam unter dem sexistischen Machtmissbrauch entwickelt haben.

"Zehn Jahre lang habe ich durch wildes Nachfüllen und Ausleeren meinen jugendlichen Körper geschunden."

Ich wusste damals nicht, dass dies eine Krankheit ist, der Name Bulimie war auch nicht allgemein bekannt. Ich habe mich damit regelrecht "angesteckt". Ein älteres Mädchen hat damit begonnen, und wir im Damenteam haben es nachgemacht. Zehn Jahre lang habe ich durch ein wildes Nachfüllen und Ausleeren meinen jugendlichen Körper geschunden. Ich war ständig hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, ihn begehrenswert zu sehen, und der Versessenheit, ihn zu verzerren.

Das Frauenbild im Sport hat sich bis heute nicht groß verändert. Ich höre die Leute im Gasthaus reden. Die Anna Veith ist fesch, die Michaela Kirchgasser ist es auch und erst die Lindsey Vonn. Aber was ist denn das für ein Pferd? Und wie hässlich sieht denn die aus?

Dieser Ton ist normal, und wer stößt sich schon daran? Nur Moralapostel. Aber ich habe Hoffnung, die nächste Generation wird es besser machen. Mein Sohn ist mehr Feminist, als ich es bin.

foto: heribert corn
"Das gesellschaftliche Umfeld des Skiteams habe ich bald einmal gemieden."

Warum ich damals nicht alles hingeworfen habe? Ja, womöglich hätte ich dem Skizirkus schon früher den Rücken kehren sollen. Aber vergessen Sie nicht die große emotionale Abhängigkeit vom Sport. Der Sport, für den man lebt, für den man alles macht, für den man Opfer bringt.

"Heute bin ich Großmutter. Ich habe alles hinter mir, es ist abgeschlossen. Ich bin nicht mehr wütend."

Ich war 1976 in Innsbruck Vierte in der Abfahrt, um 21 Hundertstel habe ich eine olympische Medaille verpasst. Ich liebte den Sport, das gesellschaftliche Umfeld des Skiteams habe ich aber bald einmal gemieden. Zum Wohle des eigenen Seelenfriedens. Ich wollte immer mein Einzelzimmer, habe mich der Literatur, der Philosophie und der Musik gewidmet. Ich hatte Freundinnen im Skizirkus, keine aus Österreich.

1979 nahm ich an den akademischen Skimeisterschaften teil und wurde daraufhin vom Verband gesperrt, der Wechsel zu einer anderen Nation wurde mir nicht ermöglicht. Zwei Jahre später beendete ich meine Karriere, es war irgendwie eine Erleichterung.

Um bald darauf zur Skiführerprüfung antreten zu dürfen, musste ich mit dem Verfassungsgerichtshof drohen. Es hieß, Frauen könnten das nicht, sie seien körperlich zu schwach. Wir waren drei Frauen, die es dann doch durften. Und auch konnten.

Heute bin ich Großmutter, ich habe alles hinter mir, es ist verarbeitet, abgeschlossen. Ich bin nicht mehr wütend. Ich kann über das Erlebte sprechen. Mehr als das, ich muss es tun. Um jungen Menschen Kraft zu geben, sich im Fall der Fälle mitzuteilen. Betroffene müssen sich jemandem anvertrauen können, die Gesellschaft muss ihnen den Rücken stärken. Jeder Mensch kann in eine Situation geraten, in der er wehrlos ist. Das ist keine Schwäche, keine Schande. Ich schäme mich nicht. (Zugehört und aufgezeichnet hat: Philip Bauer; Fotos: Heribert Corn)

Nicola Werdenigg (59) stammt aus einer Skifamilie. Sie wurde 1958 unter dem Mädchennamen Spieß als Tochter von Erika Mahringer (Österreichs Sportlerin des Jahres 1951) und Ernst Spieß (Rennleiter bei den Olympischen Spielen 1964 und 1976) in Innsbruck geboren und wuchs in Mayrhofen, Tirol, auf. Als 15-Jährige wurde sie in den Nationalkader des österreichischen Skiverbands aufgenommen. Sie fuhr im Weltcup vier Mal auf das Podest und wurde Vierte in der Olympia-Abfahrt 1976. 1975 krönte sie sich zur österreichischen Abfahrtsmeisterin. Auch Bruder Uli Spieß fuhr erfolgreich im Weltcup. Werdenigg lebt seit 2000 in Wien.