Trumps politische Selbstkastration

Kommentar13. November 2017, 17:38
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Die Asienreise des US-Präsidenten illustriert die Schwäche seiner Außenpolitik

Die Lesarten der zu Ende gehenden Trump'schen Asienreise reichen von "Gut is' g'angen, nix is' g'schehn" bis zu "Eine Weltmacht dankt ab" (siehe die Kolumne von Paul Lendvai). Beiden Bewertungen ist etwas abzugewinnen – letzterer schlechterdings deutlich mehr.

Natürlich ist es fein, dass die große Fahrt des amerikanischen Präsidenten weitgehend ohne Twitter-Furor, Skandale und Ausfälligkeiten geblieben ist. Und weil Donald Trump tatsächlich nichts dafür kann, dass sein philippinischer Amtskollege Rodrigo Duterte zu seinen Ehren beim Staatsbankett ein Liebeslied ("Du bist das Licht") vortrug, könnten Spötter glatt meinen, auch ein blondes Huhn fände mitunter ein Korn. Fehlerfreiheit bedeutet allerdings noch lange keine Fehlerfreiheit. Denn wer die Form einigermaßen zu wahren imstande ist, muss sich erst recht nach Inhalten fragen lassen.

Ab diesem Punkt wird die Interpretation des politischen Asienausflugs düster: "Trump hat keine Ideen, dafür aber Impulse", schreibt die "New York Times". Demgemäß sieht auch seine Politik im asiatisch-pazifischen Raum – und nicht nur dort – aus: erratisch, sprunghaft und logisch wie inhaltlich weitgehend unzusammenhängend. In Handelsfragen etwa wettert er gegen den Multilateralismus, in der Sicherheitspolitik dagegen scheint er ein glühender Befürworter engerer supranationaler Zusammenarbeit zu sein.

Konkreter formuliert: In der vietnamesischen Hafenstadt Da Nang (dort ankert trotz des Vietnamkriegs die US-Navy oft und gern, Hanoi ist einer der Hauptgegner Pekings im Streit um das Südchinesische Meer) prangerte er in Richtung China den "Missbrauch des Handels" an. In Peking dagegen muss er um die Unterstützung seines Amtskollegen Xi Jinping etwa in der Korea-Frage werben. Dieser Ansatz erscheint zumindest disparat, wenn nicht tatsächlich auch wenig durchdacht zu sein.

Das Grundproblem in Trumps Zugangsweise in Asien und anderswo ist, dass der von dem sonst eigentlich durchaus viril auftretenden Präsidenten propagierte neue US-Isolationismus einem Akt politischer Selbstkastration gleichkommt. Amerika verliert dadurch nicht nur seine Stellung als globale Ordnungsmacht, es lässt auch seine Verbündeten im Stich. In dieser Hinsicht mag es erfreulich sein, dass Japan am Rande des Apec-Gipfels das gegen China gerichtete Transpazifische Partnerschaftsabkommen (TPP) doch noch umsetzen will. Ohne die Vereinigten Staaten allerdings wiegt dieses nur halb so viel. Peking dagegen wird sein hohes Gewicht – bilateral – gegenüber jedem der verbleibenden elf TPP-Staaten gebührend einzusetzen wissen.

Wo Xi mit der "Road and Belt"-Initiative eine Art chinesischen Marschallplan auflegt und die Volksrepublik unbeirrt über innere Stabilität in Richtung globale Dominanz marschieren lässt, preist Trump ein Paket von Absichtserklärungen im Umfang von 250 Milliarden Dollar, das ihm die Chinesen höflichkeitshalber als Gastgeschenk geschnürt haben.

Joe Nye, der Doyen der US-amerikanischen Politikwissenschaft, schrieb in seinem zuletzt erschienenen Buch "Is The American Century Over?", der Weltfriede im 21. Jahrhundert hänge vom "Management der Beziehungen zwischen den USA und China" ab. Die titelgebende Frage verneinte der Professor in dem Werk noch – mit einer einschränkenden Feststellung: dem drohenden Isolationismus der Vereinigten Staaten. (Christoph Prantner, 13.11.2017)

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