Johann Reiter: "Ein schlechtes Weinjahr spüren wir sofort"

Interview13. November 2017, 12:00
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Ein verhunzter Sommer kann für Hersteller von Glasgebinden wie Vetropack nachteilig sein. Der künftige CEO ist dennoch optimistisch

Die Vetropack Holding AG ist mit Produktionswerken in Österreich, der Schweiz, Tschechien, der Slowakei, Kroatien, der Ukraine und Italien einer der führenden Glasverpackungshersteller in Europa. Rund 670 der 3.200 Mitarbeiter sind in den beiden österreichischen Werken in Pöchlarn und Kremsmünster beschäftigt. Mit Johann Reiter, einem gebürtigen Steirer, wird erstmals ein Nichtfamilienmitglied CEO der Schweizer Holding. Reiter, bisher zuständig für den Geschäftsbereich Schweiz/Österreich, wechselt Anfang 2018 von Pöchlarn nach Bülach bei Zürich.

STANDARD: Was fasziniert Sie so an Glas, dass Sie als Geschäftsführer von Vetropack Schweiz/Österreich schon sieben Jahre tätig sind und als künftiger CEO der Gruppe wohl noch länger in der Branche bleiben?

Reiter: Mich fasziniert, dass der Packstoff Glas immer wieder rezyklierbar ist, das gibt es sonst so gut wie nirgends. Und man kann ihn in fast jede beliebige Form bringen.

STANDARD: Der Edelstahlbereich, aus dem Sie ursprünglich kommen, war weniger reizvoll?

Reiter: Das würde ich nicht sagen. Es ist ein total spannendes Geschäft, aber komplett anders. Im Edelstahlbereich waren unsere Abnehmer zu hundert Prozent industrielle Kunden. Dort ging es um Einzelstückfertigung. Die Qualitätsanforderungen waren extrem hoch und mit dem Risiko verbunden, dass man erst spät merkt, wenn etwas nicht passt. Dann sind in der Regel bereits vier Monate vergangen. Bei einer Losgröße von einem Stück ist das fatal.

STANDARD: Auf Vetropack und Sie gemünzt könnte man sagen, Gelegenheit macht Karriere?

Reiter: Kann man. Ich bin in der Böhler-Edelstahl-Welt aufgewachsen. Ich wollte immer in einem technischen Beruf arbeiten, das ja. Dann hat der Zufall Regie geführt.

STANDARD: Inwiefern?

Reiter: Mein Jahrgang ist ein geburtenstarker. Ich wollte in der HTL Kapfenberg die Ausbildung beginnen, bin aber aufgrund zu vieler Bewerber nicht aufgenommen worden. Das war mühsam. Ich habe dann ein Jahr das Gymnasium besucht. Weil mir die Technik gefehlt hat, habe ich anschließend eine Lehrstelle gesucht. VEW (jetzt Böhler Edelstahl) hat Lehrlinge ausgebildet, unter anderem Dreher und Fräser. So habe ich diesen Doppelberuf erlernt, ohne zu wissen, was mich erwartet.

STANDARD: Sie hatten kein bestimmtes Ziel im Kopf?

Reiter: Überhaupt nicht, mit knapp 16 Jahren wusste ich es nicht. Dass der Einstieg in mein Berufsleben so ablief, war reiner Zufall und keine Planung.

STANDARD: Es muss also die Gelegenheit geben und ...

Reiter: ... viel Eigeninitiative.

STANDARD: Das Geschäft mit Glasverpackungen ist zyklisch, im Moment steigt die Nachfrage wieder. Was sind die wesentlichen Treiber?

Reiter: Ein großer Einflussfaktor ist das Wetter. Wenn wir wie dieses Jahr einen schönen Sommer haben, können die Absatzmengen um ein Fünftel bis ein Viertel steigen – oder antizyklisch um denselben Wert in die andere Richtung fallen. Ein leichter Trend ist spürbar. Die Gesellschaft denkt mehr an Nachhaltigkeit und passt das Kaufverhalten entsprechend an. So gibt es da und dort neue Angebote. Dazu gehört zum Beispiel, dass Mineralwasser wieder in Glasflaschen in den Handel gebracht wird. Das war vor zehn, 15 Jahren genau umgekehrt. Da hieß es weg vom Glas und hin zur PET-Flasche. Auch bei der Verpackung anderer Produkte merken wir eine Renaissance von Glas, was gut ist, weil die Vorteile von Glas auf der Hand liegen: Glas ist inert, schützt wie ein Tresor und geht keine Verbindung mit dem Inhalt ein. Glas ist unendlich rezyklierbar.

STANDARD: Gibt es bei Ihnen im Haushalt PET-Flaschen?

Reiter: Nein, nur Glas.

STANDARD: Wo liegt der Fokus bei Ihren Innovationsbemühungen?

Reiter: Bei Vetropack konzentrieren wir uns ganz klar auf verbesserte Eigenschaften, zum Beispiel Gewichtsreduktion bei Ein- und Mehrwegflaschen.

STANDARD: Die Mehrwegflaschen haben dickere Wandstärken ...

Reiter: ... weil eine Mehrwegflasche 30-, 40-, 50-mal in Umlauf gebracht wird. Das muss ein Glasbehälter erst einmal aushalten.

STANDARD: Wie groß war die Gewichtsreduktion bei Glasgebinden in den vergangenen Jahren?

Reiter: Die letzten 15 Jahre ist es gelungen, beim normalen Gebinde zwischen 15 und 20 Prozent einzusparen. Das hat mit neuen Technologien in der Fertigung zu tun, die eine bessere Steuerung der Wandstärkenverteilung ermöglichen. Das ermöglicht uns, weniger Glas einzusetzen, ohne dass die Eigenschaften des Behälters darunter leiden.

STANDARD: Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei Vetropack?

Reiter: In der Prozesskette eine große. Wir sind stark betroffen, weil jede Form der Digitalisierung auch in unseren Maschinen Niederschlag findet. Wir brauchen hochqualifizierte Mitarbeiter, die in der Lage sind, die Maschinen zu programmieren, Prozesse zu verstehen und zu bewerten.

STANDARD: Neue Berufsbilder?

Reiter: Es ist uns in Österreich gelungen, den sogenannten Glasverfahrenstechniker zu etablieren – ein Berufsbild, das es bisher nicht gab. Wir starten nächstes Jahr mit acht Lehrlingen. Die theoretische Ausbildung wird in Kramsach, Tirol, stattfinden. Für die Mitarbeitenden wird es durch die Digitalisierung anspruchsvoller und für uns schwieriger, die richtigen Leute zu bekommen.

STANDARD: War das die Motivation, die benötigten qualifizierten Mitarbeiter hausintern auszubilden?

Reiter: Zweifelsohne. Wir haben vor fünf Jahren begonnen, eine Lehrausbildung aufzubauen. Inzwischen gibt es eine eigene Lehrwerkstatt mit 24 Lehrlingen in verschiedenen Berufen. Pöchlarn ist das Ausbildungszentrum der Vetropack-Gruppe, was auch wichtig ist für die Standortsicherung.

STANDARD: Vetropack ist in sieben Ländern mit acht Werken vertreten, von der Schweiz bis in die Ukraine. Wie entwickelt sich das Geschäft an ihrem östlichsten Außenposten?

Reiter: Entsprechend unseren Erwartungen. Vetropack hat sehr vieles richtig gemacht bei der Übernahme der Glashütte in der Ukraine, weil man sehr schnell den Vetropack-Standard übertragen hat. Das führte dazu, dass unser ukrainisches Werk der Konkurrenz technologisch bald weit voraus war. Deshalb haben wir die Krise weniger gespürt als der Mitbewerb, auch wenn die Geschäftsbeziehungen mit der Krim seit der Annexion durch Russland gekappt sind. Die Krim war für uns immer ein wichtiger Lieferant von Soda, aber auch ein großer Abnehmer von Glasgebinden.

STANDARD: Wie viele unterschiedliche Produkte stellen Sie her?

Reiter: In Österreich produzieren wir kontinuierlich knapp 550 Artikel pro Jahr, die Gruppe mehr als 3000. Das ist nachfragegetrieben, Kunden versuchen sich mit dem Design vom Mitbewerb zu differenzieren. Aber auch unser Standardsortiment ist breit gefächert.

STANDARD: Wohin wollen Sie als künftiger CEO des Unternehmens die Gruppe entwickeln?

Reiter: Wachstum bleibt weiter ein Ziel, die Führung auf der Qualitätsseite ebenfalls. Wir arbeiten an allen Standorten nach den gleichen Prozessen und Qualitätsrichtlinien. Daher sind wir in der Lage, unsere Kunden grenzüberschreitend zu bedienen. Die Synergien, die sich daraus ergeben, müssen wir noch stärker nutzen. Zudem gilt es auch, unsere Position als attraktiver Arbeitgeber weiter zu stärken.

STANDARD: Die Produktion von Glas ist naturgemäß sehr energieintensiv. Was planen Sie da?

Reiter: Energie ist einer der Hauptkostentreiber in unserer Produktion. Technologisch kann man den Anteil von Altglas weiter erhöhen, das treiben wir auch in den Ländern voran, die eine niedrigere Rücklaufquote als in Österreich (derzeit 85%) haben. Zehn Prozent mehr Altglas in der Produktion heißt zwei Prozent weniger Energieeinsatz. Das wirkt sich kostenseitig stark aus. Im Zuge unserer periodischen Wannenrevisionen steht in jedem Fall Energieeffizienz klar im Fokus.

STANDARD: Wenn es ein schlechtes Weinjahr gibt, wie rasch schlägt das auf Vetropack durch?

Reiter: Das spüren wir sofort. Letztes Jahr gab es wegen des Frostes im April und Mai in Österreich eine geringere Ernte und dadurch einen Rückgang im Absatz von Weinflaschen. Insgesamt sieht es in Österreich heuer aber recht gut aus, in der Schweiz gibt es Mengenprobleme, auch in Italien.

STANDARD: Nach dem ersten Halbjahr 2017 gab es Zuwächse?

Reiter: Vetropack ist insgesamt gut unterwegs. Wir haben einen Zuwachs auf der Absatzseite, auch beim Umsatz gibt es insgesamt ein Plus, Österreich ist besser als im Vorjahr, aber nicht ganz auf Budgetkurs im ersten Halbjahr.

STANDARD: Und bis Jahresende?

Reiter: Die letzten beiden Monate sind die schwächsten. Der Großteil des Umsatzes wird im ersten Halbjahr gemacht mit Bierflaschen und Konservengläsern.

STANDARD: Wer folgt Ihnen in Österreich nach?

Reiter: Der Verwaltungsrat der Vetropack-Holding hat Johann Eggerth zum Leiter des Geschäftsbereichs Schweiz/Österreich ernannt. Er startet mit 1. März 2018. (Günther Strobl, 13.11.2017)

Johann Reiter (56), Geschäftsführer von Vetropack Austria, rückt Anfang 2018 als erstes Nichtfamilienmitglied an die Spitze der Schweizer Holding. Reiter, der nach einer Ausbildung zum Dreher und Fräser bei Böhler Edelstahl (vormals VEW) in Kapfenberg tätig war, stieß 2010 zu Österreichs größtem Verpackungsglashersteller mit Standorten in Pöchlarn und Kremsmünster. Der gebürtige Steirer ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder.

  • Johann Reiter folgt Anfang 2018 Claude Cornaz als Chef der Schweizer Vetropack Holding AG nach.
    foto: ho

    Johann Reiter folgt Anfang 2018 Claude Cornaz als Chef der Schweizer Vetropack Holding AG nach.

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