Tischlereibetriebe setzen auf Maß statt auf Masse

12. November 2017, 14:01
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Konkurrenz durch Möbelhäuser und sinkende Lehrlingszahlen verlagern Anforderungen des Tischlerhandwerks

Wien – Ein Ikea-Schrank ist billiger, als das gleiche Material für einen hiesigen Handwerker im Einkauf kosten würde. Trotzdem gründen jedes Jahr hunderte Unternehmer in Österreich Tischlereibetriebe. Dabei wandelt sich die Branche.

Ursprünglich wollte Jacqueline Pehack nicht den Familienbetrieb in Favoriten übernehmen. Die Arbeit eines Modelltischlers, der für industrielle Gießereien Holzformen fertigt, habe sie nicht so sehr interessiert. Außerdem ist ihr Vater in Wien der Letzte seiner Zunft, dementsprechend prekär sind die Zukunftsaussichten für Neulinge. Trotzdem folgte die heute 32-Jährige nach der Matura und einer Ausbildung in Innenraumgestaltung und Möbelbau dem Ruf der Werkbank. Statt Modelle fertigt Pehack jedoch Maßeinrichtung in ihrer Möbelmanufaktur für urbane Kundschaft. Ohne die familiäre Werkstatt samt der Werkzeugausrüstung wäre es jedoch schwer gewesen, sich selbstständig zu machen, gibt Pehack zu bedenken.

300 Neugründungen im Vorjahr

Trotzdem ist die Möbelbauerin keine Ausnahme. Rund 300 Neugründungen verzeichnete die Wirtschaftskammer in der Sparte Tischlerei und Holzgestalter im Vorjahr, die große Mehrheit sind Einzelunternehmer und männlich. Nur 25 Tischlerinnen nahmen 2016 das Gewerbe auf. Die Zunft wird aber langsam etwas weiblicher. Denn vor zehn Jahren waren unter ähnlich vielen Neugründern gerade zehn Frauen. "Vielleicht weil ich selbst eine Frau bin, aber bei mir melden sich andauernd Interessentinnen für Praktika oder eine Lehre", erzählt sie.

Auffallend sei auch, dass die Lehrlingsanwärter oft im zweiten oder dritten Bildungsweg sind. Das ist vor allem finanziell eine Herausforderung. Während 15-Jährige in der Regel bei den Eltern leben, befinden sich ältere Lehrlinge oft in einer anderen Lebenssituation. Selbst mit Zulagen für "ältere" Lehrlinge liegt die Entschädigung unter 900 Euro brutto. Nur eine Förderung des Arbeitsmarktservice für Frauen in technischen Berufen ermöglicht Pehack ihrer Auszubildenden ein "Gehalt zu zahlen, von dem man überleben kann". Trotzdem ist die Möbelbauerin zuversichtlich: "Es wird immer was zu tun geben." Vor allem junge Stadtbewohner, die gefestigt im Beruf sind, legen wert auf Qualität und suchen individuelle Lösungen.

Gestaltung und Ausführung verbinden

Auf diesen Trend setzt auch der Tischlermeister und studierter Innenarchitekt Martin Aigner. Zusammen mit Moritz Schaufler und Benjamin Sodemann gründete der gebürtige Steirer die Tischlerkooperation Handgedacht in Wien.

Der Name deutet den intellektuellen Zugang zum Handwerk an. Gestaltung und Ausführung werden verbunden, statt den Prozess an Designer und Tischler aufzuteilen. "Idee und Realisierbarkeit sind ein Kreislauf, bei dem ich an jeder Stelle einsteigen kann," erklärt Aigner seinen Gestaltungsansatz. Irgendwo kämen auch noch die Kosten ins Spiel, gibt der 36-Jährige zu. "Was wir für Kunden anfertigen, könnte ich mir selber nie leisten." Darin liege auch die große Herausforderung, insbesondere für Handwerker mit künstlerischem Anspruch. Die Zahlungsbereitschaft für lokal produzierte, individuelle Produkte steige zwar vor allem bei jungen, urbanen Konsumenten, aber ihre Geldtaschen stoßen bald an ihre Grenzen.

Verbundenheit zum Handwerk

Dafür zeichnet sich diese Klientel, insbesondere Studenten, durch hohe Verbundenheit zum Handwerk aus. Auf diese Motivation greift das Handgedacht-Team mit der Idee des Patchwork-Designs zurück. Der Auftraggeber einer Küche, etwa eine Studenten WG, liefert vorhandene Möbel, besorgt Secondhand-Material oder packt selber an. Aigner und sein Team planen bei der Gestaltung die vorhanden Ressourcen ein. Das Ganze zwar für die Tischler ist nicht profitabel, aber ein Beitrag, die Begeisterung für lokales Handwerk zu wecken.

Doch Industrie 4.0 und hoch automatisierte Großwerkstätten sieht Aigner nicht als Bedrohung. Im Gegenteil: "Sie sind wie ein weiteres Werkzeug." Auch ein kleiner Tischler in der Stadt kann heute auf spezielle Bauteile bei seiner Planung zurückgreifen und diese online bei einer Großtischlerei mit den nötigen Spezialmaschinen bestellen. Weil die Mieten in der Stadt zu hoch sind, sind diese meist auf dem Land.

Von der Autoindustrie bis zu Designermöbeln

Die 2037-Einwohner-Gemeinde Kirchahm in Oberösterreich ist ein idealer Standort für so eine Großtischlerei. Im dort ansässigen Familienbetrieb SFK managt Claudia Haslinger 40 Mitarbeiter. Mit einer Betriebsfläche von knapp 3000 Quadratmetern samt modernem Maschinenpark hat die Tischlerei eine breite Palette im Angebot. Sie reicht von seriell gefertigten Teilen für die Autoindustrie und Werkzeugbau über Theaterbrüstungen bis zu Designermöbeln. Begonnen hat alles vor 25 Jahren, als Haslingers Vater und SFK-Geschäftsführer, Gerhard Spitzbart, auf die Idee kam, Gehäuse für Glücksspielautomaten in Serie herzustellen, erzählt die 34-Jährige. Statt den traditionellen Handwerksbetrieb der Familie weiterzuführen, investierte er in moderne Maschinen. Damit gelang die Einbindung in die industrielle Zulieferkette, die so viele Betriebe der Region prägt, erklärt Haslinger.

Die regionale Unternehmenslandschaft beeinflusst auch die Suche nach neuen Mitarbeitern. Die gut entlohnte Metallerbranche ist sehr attraktiv für angehende Lehrlinge. Doch Haslinger findet immer genug Interessenten, sagt sie stolz. Ihr Betrieb hat sich einen Ruf als gute Lehrstätte erarbeitet. Viele junge Menschen entdecken ihr Talent erst bei Schnupperstunden. "Man muss ihnen einfach etwas zutrauen", sagt Haslinger. "Das erleben viele zum ersten Mal in ihrem Bildungsweg."

Handwerksbetriebe stehen vor der Herausforderung, dass oft die am besten ausgebildeten Lehrlinge abgeworben werden, sagt Sieglinde Eugenie Kathrein, von der Handwerks-Plattform Manufakturlab. Schließlich investieren Unternehmen viel Zeit und Geld in die Lehrlingsausbildung. "Wichtig ist daher auch nach dem Lehrabschluss eine Perspektive im Betrieb zu bieten, etwa durch Weiterbildungsangebote."

Auch in Zeiten großer Möbelhäuser und günstiger Massenware, bietet das Tischlerhandwerk in Österreich immer noch viele Möglichkeiten. (Leopold Stefan, 12.11.2017)

In einer früheren Version des Artikels wurde die Arbeit eines Modelltischlers falsch beschrieben. Mit Architektur hat das nichts zu tun.

  • Der Bleistift ist weiterhin ein wichtiges Hilfsmittel für Tischler. Nicht wegzudenken ist heutzutage auch die Maus.
    foto: getty/steve cole images

    Der Bleistift ist weiterhin ein wichtiges Hilfsmittel für Tischler. Nicht wegzudenken ist heutzutage auch die Maus.

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    foto: der standard/wko
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