Hakenkreuze und Judenvernichtung: Zu real für Videospiele?

Blog13. November 2017, 10:00
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"Wolfenstein 2" bis "Call of Duty: WW2": Die absurde Selbstzensur der Spielehersteller

Es ist ein altbekanntes Ärgernis: Weil die deutsche Gesetzeslage das Darstellen "verfassungswidriger Symbole" verbietet, werden Videospiele, in denen der Zweite Weltkrieg Thema ist, von den Publishern nur in zensierter Version auf den deutschsprachigen Markt gebracht. Das bedeutet: In Strategie- und Actionspielen, in denen Nazideutschland eine Rolle spielt, werden Hakenkreuze und ähnliche Symbole entfernt oder abgeändert – und weil der österreichische und Schweizer Markt klein sind, bekommt man die Titel auch hierzulande in der Regel nur zensiert angeboten.

Wer sich nun erstaunt fragt, warum dann etwa Filme wie "Inglourious Basterds" oder Klassiker wie "Indiana Jones" im Gegensatz dazu ohne Bedenken Nazis Nazis sein lassen dürfen, ist mit einem im Jahr 2017 absurden Faktum konfrontiert: Kulturgüter sind in der Regel vom Darstellungsverbot ausgenommen – bei Videospielen will sich aber kein Publisher auf den Rechtsweg wagen, um die rechtliche Gleichstellung von Spielen mit anderen Medien einzuklagen. Aus Angst vor schlechter Publicity nehmen die Macher von "Wolfenstein", "Call of Duty" und Co dann lieber in Kauf, ihre Spiele teilweise aufwendig für den großen deutschen Markt abzuändern.

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Hakenkreuze und Judenvernichtung: Zu real für Videospiele? – Zsolt und Fabian sprechen über die geschönte, verzerrte und zensierte Darstellung des nationalsozialistischen Regimes und dessen Verbrechen in "Call of Duty: WW2" und "Wolfenstein 2".

Absurde Selbstzensur

Dass kein großer Publisher für die Gleichstellung seines Produkts mit anderen Kulturgütern, wie sie auch von der deutschen Spitzenpolitik zuletzt auf der Gamescom mit großem Trara behauptet wurde, eintreten mag, ist das eine; die Rücksichtnahme auf die deutschen Besonderheiten führt aber zunehmend zu absurden Selbstzensurmaßnahmen, die wohl dem Buchstaben des Gesetzes entsprechen mögen, allerdings im Kern dessen antifaschistischer Existenzgrundlage widersprechen.

In der deutschen Version von "Wolfenstein 2: The New Colossus" kämpft man nicht gegen Nazis, sondern gegen "das Regime"; aus Hakenkreuzen werden andere abstrakte Symbole. Der Grund dafür ist ironischerweise ein Urteil gegen den Urahn der Reihe: 1994 entschieden deutsche Gerichte, dass "Wolfenstein 3D" als Videospiel durch die Darstellung verfassungswidriger Symbole gegen das Gesetz verstoße; die Ansicht, dass Videospiele als Kulturgüter vom Gesetz auszunehmen wären, wäre damals noch auf taube Ohren gestoßen.

Der Holocaust – nie passiert

Deshalb unterzieht sich "The New Colossus" – wie zahllose andere Titel zuvor – einer umfangreichen Selbstzensur, die dem Buchstaben des Gesetzes entspricht. Die Unterschiede der deutschen zur internationalen Version gehen allerdings noch weiter; viel weiter, als dies gesetzlich nötig wäre. Aus dem "Führer" Adolf Hitler, der im Spiel als fragil-lächerliche Witzfigur einen Auftritt hat, wird der "Kanzler" Herr Heiler, dem man zur Sicherheit auch das charakteristische Hitlerbärtchen abrasiert hat. Viel schwerer wiegt allerdings eine weitere Änderung.

Im Original stellt sich heraus, dass die Mutter des Supersoldaten und Spielehelden William Blazkovicz eine Jüdin war, die, vom eigenen Ehemann verraten, in einem Vernichtungslager ermordet wird. Die deutsche Version lässt beides verschwinden. Kein Wort von Blazkowiczs jüdischen Wurzeln, kein Wort vom Tod im Lager. Der Holocaust, die historische Vernichtung von Millionen Menschen, die eng mit dem Nationalsozialismus verbundene Geschichte des mörderischen Antisemitismus, die Brutalität eines industrialisierten Massenmordes, die im Original bis in die Familiengeschichte des Helden hineinreicht – verschwunden, beschönigt, totgeschwiegen.

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So spielt sich "Call of Duty: WW2".

Der Nationalsozialismus – ein "Regime" wie viele andere?

Im Endeffekt wurden in der deutschen Version alle Verweise auf Juden und den Holocaust, wie sie im Original immer wieder vorkommen, umformuliert, entfernt oder abgewandelt. Man muss es wiederholen: In der deutschen Version von "Wolfenstein 2: The New Colossus" gibt es keine Juden, keine Vernichtungslager, keinen Holocaust. Und das, bittere Ironie, aus vorauseilendem Gehorsam gegenüber einem Gesetz, das darauf abzielt, die Wiederholung dieses beispiellosen Verbrechens für immer zu verhindern, in einem Land, in dem es stattgefunden hat. Leugnet "Wolfenstein 2" ausgerechnet in seiner deutschen Version den Holocaust?

Nun mag man einwenden, dass die alternative Geschichte, die "Wolfenstein" in seinen letzten Inkarnationen erzählt, nicht die reale ist; dass "das Regime" nicht mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen ist. Nur: Die internationale Version tut dies durchaus, und bezieht viel ihrer charakteristischen Mischung aus bitterer Tragik und absurdem Brachialhumor aus diesem realen historischen Schrecken und aus der Sonderstellung, die der Nationalsozialismus just wegen seiner beispiellosen, industrialisierten, bürokratischen Auslöschung der Juden und anderer Minderheiten innehat.

Im vorauseilenden Gehorsam, nur ja der deutschen Gesetzeslage zu entsprechen, verharmlost die deutsche Version von "Wolfenstein 2: The New Colossus" den realen Nationalsozialismus, der jederzeit, trotz abrasierten Hitlerbärtchens und verfremdeten Symbolen, erkennbar bleibt, zu einem x-beliebigen totalitären "Regime" – eine kolossale, allen antifaschistischen Intentionen der Macher widersprechende Fehlentscheidung bestürzenden Ausmaßes. Dass dieser Umstand, auf den Christian Schiffer in seiner Kolumne für den Bayrischen Rundfunk als einer der Ersten hinwies, in deutschen Rezensionen zuvor kaum zur Sprache kam, ist sicher auch dem Umstand geschuldet, dass die wenigsten Rezensenten beide Versionen zum Vergleich zu sehen bekamen.

Weltkrieg ohne Misstöne

Doch auch bei anderen Spielen, die den Zweiten Weltkrieg thematisieren, tut sich ein Abgrund auf zwischen dem Anspruch und Marketingversprechen, "historisch realistisch" zu sein, und der Scheu, durch diesen Realismus seine Spielerschaft zu verstören. "Call of Duty: WWII" führt seine Spielerinnen und Spieler erneut auf die detailliert und fotorealistisch nachgebauten Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs in Europa und lässt sie in der Single-Player-Kampagne den Kampf gegen die nationalsozialistischen Truppen führen. "Realismus", als Form optischer, oberflächlicher "Wahrhaftigkeit", ist von jeher ein großes Ideal militärischer Shooter – vor der Benennung geschichtlicher Wahrheiten schreckt man allerdings auch hier zurück.

In einer einzigen Zwischensequenz der Kampagne werden die Verbrechen des Feindes thematisiert, den die Spielerinnen und Spieler hier verbissen bekämpfen. Vom Holocaust, jenem beispiellosen, aus der nationalsozialistischen Ideologie geborenen Verbrechen, ist aber auch hier nicht die Rede. "'Call of Duty: WWII' spricht Arbeitslager in einer interaktiven Sequenz an, doch dieser Versuch ist – freundlich formuliert – halbherzig. Gezeigt wird die schreckliche Behandlung von Kriegsgefangenen, ohne auch nur einmal die Ermordung von Zivilisten oder die Existenz von Konzentrationslagern zu nennen. Dabei soll die Szene das Schlechteste an den Nazis deutlich machen, wenngleich die Wahrheit noch viel düsterer ist. Das Spiel versucht wie großartige Weltkriegsfilme zu sein, ist aber im Gegensatz zu diesen Filmen nicht gewillt, die volle Länge zu gehen, um die Wahrheit so düster und monströs zu zeigen, wie sie ist", wie der Rezensent von Polygon treffend anmerkt.

Natürlich: Es mag kaum einen Weg geben, den Schrecken der Konzentrationslager im Rahmen eines Spiels – noch dazu eines solchen wie "Call of Duty" – auch nur annähernd angemessen darzustellen. Durch die keimfreie Aussparung dieses Aspekts des Zweiten Weltkriegs, durch das verschämte Totschweigen jenes Massenmordes, der bis heute als eines der größten historischen Verbrechen an der Menschlichkeit gilt, verharmlost man aber unweigerlich die Täter zu "gewöhnlichen" Bösewichten. Die Nazis werden so zu Popcorn-Schurken wie alle anderen – sei es, um wie in "Call of Duty: WW2" den letztlich unkomplizierten Action-Spaß nicht allzu düster wirken zu lassen, oder, wie bei "The New Colossus", um imaginierten Kontroversen aus dem Weg zu gehen. Das kommt einer Verharmlosung des Nationalsozialismus im Kern schon sehr nahe.

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So spielt sich "Wolfenstein 2".

Niemals vergessen

Vielleicht sollte man all jenen Titeln, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus beschäftigen, die berühmte Aussage der österreichischen Autorin Ingeborg Bachmann zur Beherzigung anempfehlen: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar – auch in Videospielen. Der fehlende Mut, die eigenen Spiele nicht nur als Konsum-, sondern auch als Kulturprodukte zu sehen, sollte dem nicht länger im Wege stehen.

Auch wenn die dümmliche Auslegung der deutschen Gesetzeslage scheinbar anderes nahelegt: Das Monströse am Nationalsozialismus waren nicht seine Symbole. Die Erinnerung an die Verbrechen, die ihn und seine Proponenten auch in der Popkultur letztlich bis in die Gegenwart zum fast universalen Bild des unmenschlich Bösen gemacht haben, wäre gerade heute, in Zeiten des wiederkehrenden Rechtsextremismus, wichtiger denn je zuvor. Und: Die Spielerschaft ist erwachsen genug – vor allem in Titeln, die ohnedies erst ab 18 Jahren gekauft werden dürfen. (Rainer Sigl, 13.11.2017)

  • Was meine Sie: Wie sollte man mit Nationalsozialismus und dessen Verbrechen in Games umgehen?
    bild: hersteller / montage

    Was meine Sie: Wie sollte man mit Nationalsozialismus und dessen Verbrechen in Games umgehen?

  • Keine Hakenkreuze und kein Holocaust im sonst so realistisch inszenierten "Call of Duty: WW2".
    foto: activision / call of duty: ww2

    Keine Hakenkreuze und kein Holocaust im sonst so realistisch inszenierten "Call of Duty: WW2".

  • Für die deutsche Fassung von "Wolfenstein 2" übten sich die Entwickler in abstruser Selbstzensur. Sogar der Hitler-Bart und das Kindheitstrauma des Protagonisten mussten dran glauben.
    foto: bethesda softworks / wolfenstein 2

    Für die deutsche Fassung von "Wolfenstein 2" übten sich die Entwickler in abstruser Selbstzensur. Sogar der Hitler-Bart und das Kindheitstrauma des Protagonisten mussten dran glauben.

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