Julianne Moore und Matt Damon in "Suburbicon": Hölle hinterm Gartenzaun

    Video10. November 2017, 09:00
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    Nach einem Buch der Coen-Brüder erzählt George Clooney von Rassismus in einer US-Vorstadtidylle der 50er-Jahre. Der politische Einschlag des Films wirkt jedoch allzu aufgesetzt

    Wien – Seit Jahrzehnten steht das Bild amerikanischer Vorstadtidylle im Kino für jene schmucke Fassade, von der man weiß, dass hinter ihr der Abgrund lauert. Getrimmter Rasen und weißer Gartenzaun sind zum Synonym von Spießigkeit und Kleingeistigkeit geworden. Das ist als Klischee auch nicht mehr zu ändern. Auch George Clooney, ein politisch korrekter Schauspielerregisseur, bedient sich dieses Bildes ausgiebig. In Suburbicon sind die Suburbs unbedingt die Hölle.

    foto: concorde
    Endstation Vorstadt: Matt Damon und Julianne Moore in George Clooneys Filmmoritat "Suburbicon".

    Dass Clooneys Drehbuchvorlage, die ihm die Brüder Joel und Ethan Coen überließen, bereits aus den 1980er-Jahren stammt, passt in dieser Hinsicht – man erinnere sich an David Lynchs Eighties-Vorstadthorror Blue Velvet – sehr gut. Im Gegensatz zu Lynch sind die Coens aber für ihren sogenannten schwarzen Humor bekannt. Das bedeutet im konkreten Fall, dass die Traumwelt des weißen Mittelstands gleich zu Beginn in einem Werbefilm vorgeführt wird, der einem alles verspricht, was man als Familie in den 1950ern so braucht: eine Schule, eine eigene Ortsfeuerwache und natürlich einen Kirchenchor. Das ist natürlich sarkastisch gemeint ist: Wer sich nach Suburbicon locken lässt, hat es nicht anders verdient.

    Auftritt des braven Familienvater Gardner Lodge (Matt Damon), der mit seiner im Rollstuhl sitzenden Frau Nancy und ihrer Zwillingsschwester Margaret (die auf Filme im Fifties-Look spezialisierte Julianne Moore in einer Doppelrolle) sich im Städtchen häuslich eingerichtet hat. Dass die Dinge dennoch bald aus dem Ruder laufen, liegt daran, dass eines Nachts in der Küche die Einbrecher warten, deren Chloroform nicht jedem Familienmitglied gleich gut bekommt. Und dass Gardners kleiner Sohn mehr glaubt, als er gesehen hat – oder nicht glauben will, was er gesehen hat.

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    Mit der Ergreifung und Gegenüberstellung der Verbrecher werden die Verwicklungen noch undurchsichtiger, und irgendwann taucht Oscar Isaac als schmieriger Versicherungsmakler auf, sitzt Gardner im Nacken und dieser dann um sein Leben strampelnd auf einem Kinderfahrrad. Warum die Coens dieses Projekt zurückstellten, kann man erahnen, wenn man sich ihre seither zum Teil großartigen Tragikomödien wie A Serious Man ansieht.

    Doch zu dieser typischen Coen-Geschichte rund um einen einfachen Mann, der die Kontrolle über die Situation verliert und sich bei der Suche nach Auswegen immer tiefer in die Malaise verstrickt – was als Lösung erscheint, ist natürlich Teil des Problems –, richtet Clooney mit einer zweiten Erzählung den Fokus auf einen Nebenschauplatz in Gardners Nachbarschaft. Dort ist mit den Meyers die erste afroamerikanische Familie eingezogen, die nicht nur mit bösen Blicken konfrontiert ist: Ressentiments und Übergriffe schaukeln sich hoch, bis sich der Vorstadtmob formiert und die Gewalt entlädt. Gardners heimisches Fiasko bekommt also ein öffentliches zur Seite gestellt.

    Mittel zum Zweck

    Die Schwierigkeit an dieser von Clooney hinzugefügten Nebenerzählung ist, dass sie ihm ausschließlich als Mittel zum Zweck dient. Suburbicon interessiert sich nicht im Geringsten für die Charaktere dieser schwarzen Familie oder für die eigentlichen Ursachen des weißen Hasses im Vorzeigestädtchen, sondern nur für dessen stereotype Ausmalung. Und er suggeriert, dass ein biederes Vorstadtleben wie das von Gardner, verbunden mit der Angst vor dem Fremden, der Nährboden für Rassismus und Paranoia im Nachkriegsamerika gewesen sei.

    In Zeiten von rechtsextremen Demonstrationen in Charlottesville wirkt ausgerechnet diese Argumentation so bemüht wie verfehlt. Mehr noch als der Tonfall von Suburbicon – hier die selbstironische Coen-Farce, dort die staubtrockene Clooney-Moritat – ist das Problem dieses Films seine verkürzte politische Argumentation. Ausgerechnet jenen Realismus, mit dem Suburbicon als Genrefilm vergnüglich bricht, fordert Clooney ein, wenn der Mob über den Gartenzaun steigt.

    Spencer Tracy erlebte 1954 einen Bad Day at Black Rock, weil weiße Bürger einer US-Kleinstadt ihren japanischen Nachbarn lynchten. Ein Film, der noch heute Angst macht, weil er die dafür notwendige Atmosphäre einfängt. Suburbicon findet im Nachkriegsamerika nur einen Biedermann und viele Brandstifter. (Michael Pekler, 10.11.2017)

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