Sexuelle Belästigung: Was Unternehmen lernen müssen

    13. November 2017, 07:00
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    Übergriffe am Arbeitsplatz sind ein Thema für die Führungsebene, sind ExpertInnen überzeugt, auf Prävention werde aber immer noch zu wenig Wert gelegt

    "Gewalt gegen Frauen – sie ist ein Männerthema", so betitelte Jackson Katz seinen TED-Talk, in dem er den gesellschaftlichen Umgang mit geschlechtsspezifischer Gewalt kritisierte. Im Zuge der seit Wochen anhaltenden Debatte über sexuelle Übergriffe verbreitete sich das Video aus dem Jahr 2013 nun noch einmal rasant. Die Täter – in den allermeisten Fällen sind es Männer – würden allzu oft aus der öffentlichen Diskussion verschwinden, Gewalt werde zum Problem von Frauen und einigen "guten", engagierten Männern erklärt, erläutert der US-amerikanische Autor in seinem Vortrag. Um diese Dynamik zu durchbrechen, arbeitet Katz bereits seit Jahrzehnten in der Gewaltprävention.

    Der Erwachsenenbildner und ehemalige Footballspieler hat eigene Trainingsprogramme entwickelt, zu seinen AuftraggeberInnen zählen Schulen und Universitäten, Unternehmen, Sportklubs, das US-Militär. "Wir müssen die Prävention in Bezug auf sexuelle Gewalt zur Führungsaufgabe machen", sagte Katz dem STANDARD und erklärt seinen Zugang mit einem Beispiel: Ein Manager, für den sexistische oder rassistische Kommentare ganz selbstverständlich zum Arbeitsalltag gehören, sei nicht etwa "unsensibel", sondern schlichtweg ein schlechter Manager.

    Vergiftetes Klima

    Dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz nicht nur schwerwiegende Folgen für die Betroffenen hat, sondern nüchtern betrachtet auch für Unternehmen ein betriebswirtschaftliches Problem darstellt, zeigen Studien seit vielen Jahren, beschrieben etwa von den Sozialwissenschafterinnen Bärbel Meschkutat und Monika Holzbecher. Eine diskriminierende Arbeitsatmosphäre beeinträchtige das Betriebsklima, damit verbunden seien häufig Motivationsverluste, Krankenstände und höhere Fluktuationsraten. Die Erfahrungen der Betroffenen kennt Kerstin Schrabmair-Nagy aus ihrer Beratungstätigkeit. Die Rechtsreferentin arbeitet im Frauenbüro der Arbeiterkammer (AK) Oberösterreich, rund 1.200 Beratungen wurden dort im vergangenen Jahr durchgeführt – etwas mehr als die Hälfte zu Fällen sexueller Belästigung.

    Diese passiere in allen Branchen und auf allen Hierarchieebenen, erzählt Schrabmair-Nagy im STANDARD-Interview, strenge Hierarchien und Abhängigkeitsverhältnisse seien aber ein besonders starker Nährboden für Übergriffe. Auch am Arbeitsplatz sei sexuelle Belästigung in erster Linie eine Demonstration von Macht durch die Täter, betont die Juristin. "Wenn Betroffene sich bei uns melden, ist der Leidensdruck in der Regel schon sehr groß. Und selbst dann möchten trotz unserer Verschwiegenheitspflicht einige den Namen des Unternehmens nicht nennen", sagt Schrabmair-Nagy. Zu groß sei die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes – oder auch vor dem Gerede der KollegInnen.

    Toxische Männlichkeit

    "Sexualisierte und sexuelle Angriffe am Arbeitsplatz erweisen sich somit als Instrument, Frauen im Erwerbsleben einzuschränken, ihr Selbstbewusstsein und ihre Motivation zu untergraben, ihre Karrieren zu behindern und sie auf die unteren Plätze in der Hierarchie zu verweisen", formulieren es Meschkutat und Holzbecher in einem Sammelband zu Personalpolitik. Dem bereits präventiv entgegenzuwirken, sei eine wichtige Aufgabe von Unternehmen und Organisationen, ist Jackson Katz überzeugt. Wer sich nur für rechtliche Fragen und den Umgang mit Übergriffen interessiere, setze zu spät an.

    In männerbündischen Institutionen wie Kirche, Militär und Sport, aber auch in Unternehmen, wo Führungspositionen noch immer überwiegend von Männern besetzt sind, arbeitet Katz ganz gezielt mit Männergruppen. Herrschende Bilder von Männlichkeit würden sie vielfach daran hindern, das Schweigen zu durchbrechen und für andere aufzustehen – sexistisches Verhalten von Kollegen werde einfach hingenommen. Deshalb brauche es Räume, in denen ein angstfreier Austausch und Weiterbildung stattfinden können. "Wenn wir Männer nicht endlich in die Debatte hineinholen und sie zur Verantwortung ziehen, kann es langfristig gesehen keine wirklichen Fortschritte geben", sagt Katz.

    Nähe und Distanz

    Die Pädagogische Hochschule (PH) Bern startete im vergangenen Jahr eine Kampagne zum Thema sexuelle Belästigung – ohne konkreten Anlassfall. "Es gab keinen Auslöser, wir wollten unsere Verantwortung in Sachen Prävention wahrnehmen und haben uns an der Initiative der Universität Bern beteiligt", erzählt der Kommunikationsbeauftragte Michael Gerber. Studierende an einer pädagogischen Hochschule sind als zukünftige LehrerInnen besonders wichtige MultiplikatorInnen, Respekt und Toleranz, der Umgang mit Nähe und Distanz, wie es an der PH Bern formuliert wurde, sind wichtiger Teil der Ausbildung. Im Rahmen der Kampagne "Wer zu nahe kommt, geht zu weit!" sollten Studierende und MitarbeiterInnen zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema bewegt werden, Plakate mit irritierenden Sprüchen wurden produziert, um anschließend über Anlaufstellen an der Hochschule zu informieren. Die zentrale Botschaft: "Die PH Bern duldet keine sexuelle Belästigung". Involviert war auch der Rektor der Hochschule – denn die Botschaft müsse von ganz oben kommen, sagt Gerber.

    Antisexistische Leitlinien

    Die Verantwortung, die der Führungsebene im Umgang mit sexueller Belästigung zukommt, betont auch AK-Referentin Schrabmair-Nagy: "Die Geschäftsführung muss wirklich dahinterstehen und sagen: Das hat in unserem Betrieb nichts verloren – dann halten sich MitarbeiterInnen auch eher daran." Wegzuschauen und Probleme zu ignorieren, sende hingegen eine Botschaft an die Täter: Mit diesem Verhalten komme ich ungestraft davon.

    In einer aktuellen Studie zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz bei jungen Menschen, die vom Institut für Konfliktforschung im Auftrag der Arbeiterkammer erstellt wurde, verweisen die Autorinnen auch auf Betriebsvereinbarungen oder interne Leitlinien zum Umgang mit Gewalt. Diese seien ein Signal, dass sexuelle Belästigungen ernst genommen werden, und würden das Bewusstsein und das Commitment der MitarbeiterInnen erhöhen. In Branchen wie dem Gastgewerbe, wo Übergriffe überwiegend durch KundInnen passieren, müssten MitarbeiterInnen zusätzlich in ihrer Selbstermächtigung unterstützt, Handlungsmöglichkeiten als Reaktion auf Übergriffe nähergebracht werden.

    Die Probleme in Dienstleistungsbranchen wie dem Gastgewerbe machen aber auch deutlich, dass die Prävention im Hinblick auf sexuelle Übergriffe eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sein muss. "Ich glaube, die #MeToo-Kampagne stellt wirklich einen historischen Einschnitt dar. Abstrakte Statistiken zu Gewalt, die seit Jahrzehnten bekannt sind, bekommen plötzlich für viele Menschen ein Gesicht. Jetzt heißt es dringend zu handeln – diese Chance dürfen wir nicht verstreichen lassen", sagt Jackson Katz. (Brigitte Theißl, 12.11.2017)

    • Leitlinien könnten ein Signal sein, dass sexuelle Belästigungen ernst genommen werden, sagen Expertinnen.
      foto: imago/christian ohde

      Leitlinien könnten ein Signal sein, dass sexuelle Belästigungen ernst genommen werden, sagen Expertinnen.

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