Ballhausplatz in Wien: Der schönste Platz gründlich verschandelt

Kolumne8. November 2017, 16:16
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Wien ist wunderschön, aber die Wiener haben keine gute Hand mit der Gestaltung von Plätzen

Der Ballhausplatz sieht neuerdings aus wie eine Mischung aus Schulausstellung, Befestigungsanlage und Gefängnishof. Die ursprünglich vorgesehenen Mauern sind weg, dafür gibt es eine Pollerkette vorm Kanzleramt und eine visuelle Aufwertung des Deserteurdenkmals, eines der hässlichsten Denkmäler der Bundeshauptstadt. Gemeinsam haben Sicherheitsfanatiker und antifaschistische Oberlehrer es geschafft, den schönen Platz zwischen der Hofburg und dem ehemaligen Palais Kaunitz gründlich zu verschandeln.

Die Poller sollen potenzielle Terroristen davon abhalten, mit einem Sprengstoffauto gegen die Mauern des Kanzleramts zu fahren. Einen solchen Anschlag auf ein Regierungsgebäude hat es zwar noch nirgendwo gegeben, aber man kann offenbar nie wissen. Vorderhand signalisieren die Barrikaden den Bürgern: Hier habt ihr nichts zu suchen. Der Amtssitz von Kaunitz und Metternich, Figl und Kreisky präsentierte sich einladend. Der Arbeitsort künftiger Kanzler sagt: Kommt uns ja nicht in die Nähe.

Hauptattraktion auf dem wichtigsten Platz der Republik

Das Denkmal für die Wehrmachtsdeserteure des Zweiten Weltkriegs war bei seiner Eröffnung heftig umstritten. Widerstand von rechts außen. Jahrelang stand es weithin unbeachtet am Zaun des Volksgartens. Touristen verspeisten auf den Stufen ihr Jausenbrot. Wenige wussten, was es bedeutete, viele hielten den Betonblock für den Sockel eines noch zu errichtenden Denkmals. Nur ein paar ganz Neugierige lasen die diskret am Zaungitter angebrachte Erklärung. Das ist jetzt anders. Auf einer Tafel wird erläutert, was man nur sehen kann, wenn man mit Hubschrauber über dem Denkmal kreist: ein liegendes X als Symbol der "Auslöschung des Einzelnen" und seiner "Situation gegenüber geschlossenen Ordnungen und Machtverhältnissen". Und dazu ein Schautafelwald mit Wehrmachtsdeserteur-Aussprüchen.

Nun ja. Nichts gegen Deserteure, manche waren echte Regimegegner, andere arme Teufel, die Krieg und Militär mit Recht satthatten. Als Gegenstand einer Diplomarbeit im historischen Seminar: ganz okay. Aber als zentrales Thema österreichischer Geschichte und Identität? Als Hauptattraktion auf dem wichtigsten Platz der Republik? Während das Land auf einen Innenminister wartet, der seine politische Karriere in der Neonazibewegung begonnen hat, wird hier eine Fleißaufgabe in Antifaschismus geliefert. Irgendwie sind hier die Prioritäten durcheinandergeraten.

Und was ist mit der Schönheit der Stadt? Wien ist wunderschön, aber die Wiener haben, anders als die Römer, keine gute Hand mit der Gestaltung von Plätzen. Es scheint, als fürchteten wir uns vor freien Flächen. Der Michaelerplatz ist mit seinem Ausgrabungsloch und seinen Weihnachtsmarktbuden nicht schöner geworden. Der Heldenplatz ist durch die Parlamentscontainer hoffentlich nur vorübergehend kaputt, die Dekoration durch ein Kränzchen von Feldsteinen tut ein Übriges. Und jetzt ist auch noch der Ballhausplatz seines Platzcharakters beraubt worden. Er ist jetzt Asphaltstraße zwischen befestigten Gebäuden.

Äußerlichkeiten? Vielleicht. Hoffentlich ist das neue äußere Bild unserer Hauptstadt kein Spiegelbild dessen, was sich in deren Innerem tut. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 8.11.2017)

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