Ausnahmslos die andere Seite hören

    Kommentar der anderen7. November 2017, 17:49
    42 Postings

    Einige Anmerkungen zur Debatte um meinen #MeToo-Kommentar

    Ich persönlich erachte es allgemein für schädlich, wenn Gruppen von Menschen der Meinung sind, es besser als die anderen zu wissen, und dass nur ihre Denkart die einzig Richtige ist, sie die absolute Wahrheit für sich gepachtet haben. Das ist alles andere als liberal und tolerant.

    Die Diskussion rund um meinen Artikel "Männer nicht unter Generalverdacht stellen" zeigt einmal mehr, wie schnell versucht wird, in einen Text eine Aussage hineinzuinterpretieren, die gar nicht da ist und sicher von mir nicht gemeint war.

    Genau wegen dieser Interpretationsvielfalt, wie sie offensichtlich auch mein Artikel bietet, gebietet es sich in der Diskussion rund um die #MeToo-Kampagne, Begrifflichkeiten wie "sexuelle Übergriffe" und Flirtereien/Anmachen endlich auseinanderzuhalten und nicht ständig zu vermengen. Die vielen Postings, auch zu meinem Artikel, zeigen, dass es in der Praxis eben nicht immer so klar ist, wann etwa eine missglückte "Anmache", wann ein Übergriff vorliegt. Es kommt sehr wohl auf den Gesamtverhalt an. So ist zu prüfen, von wem, gegen wen, in welchem Umfeld, welchem Milieu etc. die Handlung gesetzt wurde.

    Für mich als Rechtsanwältin und für jeden Richter gilt: Behauptungen werden erst zu Tatsachen, wenn sie bewiesen wurden. Eine Täter-Opfer-Umkehr kann es erst geben, wenn die Rollen zweifelsfrei feststehen. Vor allem: Vor einem Urteil ist ausnahmslos auch die andere Seite zu hören. Immer wieder werden Anzeigen oder Klagen wegen sexueller Belästigung als unberechtigt abgewiesen. Diese Möglichkeit fehlt mir im öffentlichen Diskurs. Wer mir Sexismus oder Frauenfeindlichkeit vorwirft, möge das anhand meines Textes begründen. Es wird ihm/ihr nicht gelingen. Fakt ist, Machtunterschied gibt Raum für Missbrauch und fördert Übergriffe. Dem ist entschieden Einhalt zu gebieten, dafür bedarf es der Schaffung finanzieller Unabhängigkeit der Frauen. Ich hätte dazu ganz konkrete Vorschläge für eine Reform des Familienrechts, welche hierzu beitragen könnten (Stichwort u. a. Betreuungsunterhalt für Lebensgefährten, Pensionssplitting, Reform des Unterhaltsvorschusses), die ich gerne in den Diskurs einbringen würde.

    Ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn die Diskussion rund um #MeToo auf eine breitere Basis gestellt wird. Diskriminierung und Gewalt ist kein Raum zu geben. Egal ob gegen Frau oder Mann oder Andersdenkende, egal welchen Geschlechts. (Katharina Braun, 7.11.2017)

    Katharina Braun ist Rechtsanwältin in Wien.

    • #metoo-Aktivistinnen demonstrieren in Paris.
      foto: apa/afp/bertrand guay

      #metoo-Aktivistinnen demonstrieren in Paris.

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