Journalisten und Shitstorm: "Wer sich fürchtet, ist im falschen Job"

    7. November 2017, 17:23
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    Innenpolitikjournalistinnen über die Angst vor Politikern und Shitstorms und darüber, warum Kampagnenjournalismus überbewertet ist

    Wien – "Politiker wollten uns immer beeinflussen, das ist deren Job", sagt "Falter"-Journalistin Nina Horaczek bei einer Diskussion am Dienstag zum Thema "Wo hört Journalismus auf, wo fängt Propaganda an?". Sie fühle sich so frei wie auch vor zehn Jahren. Verändert habe sich aber das Tempo und die Erregungskurve. Horaczek: "Wir erregen uns ein wenig zu Tode, ein Skandal folgt dem anderen." Journalisten dürften nicht verlernen, ein Ärgernis von einem echten Skandal zu unterscheiden.

    "Versuche, uns zu beeinflussen, gab es immer, im Wahlkampf natürlich noch mehr. Jeder will ständig Dinge verkaufen", sagt auch Doris Vettermann von der "Kronen Zeitung". "Unsere Aufgabe ist es, das zu trennen und richtig zu bewerten."

    Sich nicht treiben lassen

    Nadja Hahn, Ö1-Innenpolitikredakteurin und Macherin des Medienmagazins "#doublecheck", will Diskussionen transparent machen, aufzeigen, warum wann was veröffentlicht wird. Aber auch immer wieder einen Schritt zurück machen, sich nicht treiben lassen. Innerhalb ihrer Redaktion werde derzeit etwa der schwarz-türkise Farbwechsel und der Umgang damit heftig diskutiert. "Sagen wir schwarz oder türkis? Instrumentalisiert uns eine Partei?" Bedenklich sei auch, wenn bei Sondierungsgesprächen nur Parteifotografen anwesend sein dürften.

    "Ich habe bei jedem Wahlkampf gehört, dass er der schmutzigste ist. In jedem Wahlkampf versuchen Politiker, Journalisten zu instrumentalisieren", sagt "Österreich"-Journalistin Isabelle Daniel. Das sei alles nicht neu, aber "wir sollten uns immer die Frage stellen, warum wird jetzt was rausgespielt".

    Die Bedeutung von Kampagnenjournalismus sieht Daniel überbewertet. Medien könnten gewisse Trends verstärken oder abschwächen, aber keine machen. Daniel: "In den USA waren fast alle Medien gegen Trump." Gewonnen hat er trotzdem. Soziale Medien seien hier demokratiepolitisch viel gefährlicher, weil die Protagonisten dort anonym agieren, bei Medien kennt man die Ansprechpersonen.

    Angst vor Shitstorm und Politikern

    Ob sich junge Journalisten schwerer tun, Kommentare oder Meinungen zu verfassen, weil sie Angst vor einem möglichen Shitstorm haben, will "Presse"-Redakteurin und Moderatorin Anna-Maria Wallner von der Runde wissen. "Wer sich fürchtet, ist im falschen Job", sagt Hahn.

    Vettermann: "Ja, es passiert, dass man beschimpft wird." Das gehörte zum Job dazu. "Als Journalist bist du nicht dazu da, einen Beliebtheitscontest zu gewinnen", so Daniel. "Man darf sich nicht beirren lassen. Wenn eine Geschichte stimmt, sollte man das durchstehen. Das lernt man mit der Zeit auch."

    Durch soziale Medien habe sich die Sichtbarkeit von Journalisten verändert. Daniel: "Ich habe selten so viele Journalisten gesehen, die so klar für oder gegen einen Kandidaten Position bezogen haben. Darüber sollte man nachdenken." (red, 7.11.2017)

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