Experte: Klimawandel ist kaum als Fluchtgrund abgrenzbar

    8. November 2017, 09:48
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    Extreme klimatische Bedingungen zwingen Menschen immer häufiger dazu, ihre Heimat zu verlassen. Sie sind aber selten der einzige Fluchtgrund

    Wien – Klimatische Veränderungen sind in der Genfer Konvention nicht als Fluchtgrund anerkannt. Dennoch verlassen immer mehr Menschen aufgrund von Dürre, Überschwemmungen und Hitze ihre Heimat. Klimatische Bedingungen sind selten der einzige Fluchtgrund, sagt der Bevölkerungsgeograf Patrick Sakdapolrak: "Es ist fast nicht möglich, den Umweltfaktor als Fluchtursache zu isolieren. Flucht und Migration finden in einem komplexen Zusammenspiel vieler verschiedener Einflüsse statt."

    Genaue Zahlen bezüglich Menschen, die aufgrund von klimatischen Veränderungen migrieren, gibt es nicht. "Es wird immer wieder die Zahl von 250 Millionen Klimaflüchtlingen aufgegriffen und suggeriert, dass davon viele nach Europa kommen werden", sagt Sakdapolrak. Die Zahlen basieren laut dem Forscher nur auf wenigen Studien und sind reine "guesstimates" – also Schätzungen, die gern von Politikern aufgeschnappt werden: "Dadurch wird eine relativ undifferenzierte Sicht geschaffen", sagt der Uni-Wien-Professor. "Das schürt Angst und kann dazu benutzt werden, um außergewöhnliche politische Entscheidungen zu legitimieren wie das Aussetzen von Grundrechten."

    foto: apa/afp
    Zwei Männer waten in Hoi An durch hüfthohes Wasser. Teile Vietnahms wurden durch den Typhoon Damrey überschwemmt.

    In der Wissenschaft habe man sich deshalb von dem Begriff des Klimaflüchtlings weitgehend distanziert. Er würde suggerieren, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen einem Klimaereignis und einer Bevölkerungsbewegung gibt. Die Phänomene dahinter seien jedoch wesentlich komplexer. "Klimaflüchtlinge werden gern als menschliches Antlitz des Klimawandels genutzt, um ihn leichter begreifbar zu machen. Aber dadurch verdeckt man ganz viel."

    In einer Studie, die im Auftrag der britischen Regierung zum Thema Klimamigration verfasst wurde, heißt es: "Veränderungen der Umwelt werden Migration heute wie auch in der Zukunft beeinflussen." Klimatische Veränderungen würden aber auch indirekt über wirtschaftliche, soziale und politische Faktoren Migration beeinflussen. Deshalb sei es fast unmöglich, Klimawandel als Migrationsgrund klar abzugrenzen.

    Vereinfachte Erklärungen

    Sakdapolrak warnt davor, mit vereinfachten Erklärungsketten Migration zum Sicherheitsrisiko zu machen. Als Beispiel nennt er Syrien: Mehrere Studien legten nahe, dass eine lange Dürreperiode vor dem Bürgerkrieg klimawandelbedingt war. Diese Dürre hätte zu starken Migrationsbewegungen geführt, die wiederum zum Konflikt beigetragen habe. Der Wissenschafter meint, dass dies mehrfach eine vereinfachte Darstellung sei: "Wenn man da genauer hinsieht, kann man feststellen, dass die Land-Stadt-Migration schon ganz massiv vor der Dürre stattgefunden hat. Gründe waren die Liberalisierungspolitik, der Wegfall von Subventionen und letztendlich eine fehlgeleitete Agrarpolitik, die zu einem starken Absinken des Grundwasserspiegels geführt hat. Zu suggerieren, dass der Konflikt mit der Dürre und den Wanderungsbewegungen in direkter Verbindung steht, verhüllt den Blick vor den eigentlichen Ursachen des Konflikts."

    foto: apa/rodger bosch
    Viele Seen, wie dieser in der Nähe von Kapstadt, trocknen aus. In der Region herrscht die schlimmste Dürre seit mehr als 100 Jahren.

    Klimatische Veränderungen machen sich weltweit bemerkbar, einige Regionen sind jedoch stärker betroffen als andere: "Der Klimawandel trifft einerseits Länder in der Sahelzone, aber auch Küstengebiete und Delta-Zonen", sagt Sakdapolrak. Besonders stark seien aber Länder mit schwachen staatlichen Strukturen betroffen. Fehlende Hilfeleistungen aufgrund von Ressourcen- oder Infrastrukturmangel machen Menschen verwundbarer, sagt der Forscher. "Armut und der sozioökonomische Entwicklungsstand beeinflussen die Handlungsfreiheit von Menschen, ob sie mit bestimmten Ereignissen umgehen können oder nicht."

    Migration als einzige Option

    Grenzüberschreitende Migration ist kostspielig und oft für jene Menschen, die vom Klimawandel besonders stark betroffen sind, nicht leistbar. "Wenn es zu einer Dürre kommt, ist Migration eine Option, den Lebensunterhalt zu sichern. Da migrieren nicht ganze Haushalte, sondern bestimmte Haushaltsmitglieder, die dann Geld zurückschicken", sagt Sakdapolrak. Dadurch würde es zu Geld- und Know-how-Transfers kommen, die dazu führen könnten, besser mit Umweltrisiken umzugehen. "Migration ist deshalb nicht nur ein Problem, sondern auch ein Teil der Lösung", meint der Geograf. Klimamigration sei jedoch keine fluchtartige Bewegung Richtung Europa, wesentlich häufiger käme es zu Land-Stadt-Wanderungen und zirkulären Bewegungen.

    Als einen möglichen Lösungsansatz nennt der Forscher die Diversifizierung von landwirtschaftlichen Produkten. Bauern würden durch die sinkende Abhängigkeit von einzelnen Produkten entlastet werden. Letztendlich gehe es aber um ein Wechselspiel zwischen der Ausgesetztheit gegenüber Auswirkungen des Klimawandels und der Fähigkeit, damit umzugehen. Gerade deshalb sei es wichtig, die unterschiedlichen Treiber zu untersuchen. Eine Adaptierung der Genfer Konvention hält Sakdapolrak nicht für zielführend: "Im Zentrum sollten nicht die Ursachen, sondern der Verlust der menschlichen Sicherheit stehen. Wir müssen uns fragen: Leiden Menschen Not, und wollen wir diesen Menschen Schutz gewähren?" (Nora Laufer, 8.11.2017)

    • Der Großteil der Menschen, die aufgrund von klimatischen Bedingungen ihre Heimat verlassen müssen, migrieren innerhalb des eigenen Landes, sagen Experten.
      foto: ap/elias meseret

      Der Großteil der Menschen, die aufgrund von klimatischen Bedingungen ihre Heimat verlassen müssen, migrieren innerhalb des eigenen Landes, sagen Experten.

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