Paradise-Papers werfen neues Licht auf Bawag-Skandal

6. November 2017, 12:31
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Investmentbanker Flöttl und Geschäftsfreund Julius Meinl V. tauchen in den Paradise-Papers auf, Elsners Anwalt sieht neue Munition gegen Flöttl

Wien – Die Bermudas waren im Bawag-Prozess rund um die versenkten Milliarden des Investmentbankers Walter Flöttl ein häufig aufgesuchter Ort. Virtuell zumindest, da der in New York lebende Bawag-Kunde seine Geschäfte auch auf der Karbikinsel tätigte. Nun tauchen Flöttl und sein Geschäftsfreund Julius Meinl V. beziehungsweise dessen Meinl Bank in den Paradise-Papers auf. Und zwar im Konnex mit der international tätigen Anwaltskanzlei Appleby. Laut der internationalen Rechercheplattform ICIJ, der ORF und "Falter" angehören, betreut Appleby ein komplexes Firmenkonstrukt für das Haus Meinl (Bank und Familie) auf den Cayman Islands.

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Sieben Gesellschaften auf Aruba tauchen in den Paradise-Papers auf, die Investmentbanker Wolfgang Flöttl 1990 gegründet und erst 1999 und 2000 aufgelöst hat. Flöttl hat eine Milliarde Euro der BAWAG verspekuliert und will auch persönlich Pleite gegangen sein.

Bekannt sind diese wienerisch-karibischen Geschäftsbeziehungen schon seit langem. Blick zurück: Flöttl war Stammkunde der damaligen Gewerkschaftsbank Bawag und hat die bei ihr aufgenommenen Kredite in den Sand gesetzt. Die Bawag-Chefs und Flöttl landeten wegen der "Karibikverluste" auf der Anklagebank, der Schaden betrug 1,5 Milliarden Euro. Flöttl wurde freigesprochen, wo das Geld gelandet ist, ist unklar.

Kredite bedient

Auch mit seinem Bekannten Julius Meinl V. beziehungsweise dessen Privatbank tätigte Flöttl Geschäfte, allerdings hat er seine Meinl-Bank-Kredite sehr wohl bedient. Spuren der Deals finden sich nun auch in der karibischen Appleby-Connection wieder. Schon im Prüfbericht der Oesterreichischen Nationalbank von 2008 tauchten diese Verbindungen auf. Konkret ging es damals um den Ankauf eines Business-Jets, den die Geojet (eine Meinl-Tochter mit Sitz auf den Bermudas, Flöttl hatte den Flieger gemietet) getätigt hatte. Refinanziert wurde der komplexe Deal durch einen Meinl-Bank-Kredit. Letztlich wurde das Geld an die Meinl Bank aber nicht von Flöttl überwiesen, sondern von der Anwaltskanzlei Appleby in Bermuda. Die hatte das Geld von einer Cayman-Gesellschaft (Finova Capital) erhalten.

Die Bankenprüfer wollten damals Näheres wissen, Auskunft bekamen sie von Flöttls Anwalt Christian Hausmaninger: Es habe sich um eine Umschuldung gehandelt. Das Pikante daran: Hausmaninger ist auch Anwalt von Meinl. Und: Hausmaninger kommt laut Unterlagen des "Falter" auch in den Paradise-Papers vor. Der Wiener Anwalt gründete auf den Bermudas die Fondsgesellschaft Alpha Prime, die Millionen bei US-Investor Bernie Madoff versenkt hat. Laut "Falter" hat Hausmaninger seit Mai 2008 auch indirekt seine eigene Offshore-Gesellschaft, die USW-Real-Estate-Holding; sie wird von der Kanzlei Appleby geführt.

Paradise-Papers werfen neues Licht

Der frühere Bawag-Chef Helmut Elsner unterstellt dem damaligen Bawag-Banker Flöttl ja, das Geld "gestohlen" zu haben, was Flöttl freilich bestreitet. Der Elsner-Anwalt sieht in den Paradise-Papers nun neue Munition.

Flöttl sprach stets von einem "Totalverlust". Er wollte bisher immer mit seinen Bawag-Investments 1998 in die private Pleite geschlittert sein. Den "Totalverlust" hielten Gutachter, Nationalbankprüfer und Beobachter des Bawag-Prozesses, der Elsner, nicht aber Flöttl ins Gefängnis brachte, allerdings für unwahrscheinlich. "Ein Diebstahl kann's nicht gewesen sein. Dazu gehört strafrechtlich was anderes. Es kann einfach eine Umleitung des Vermögens der Bawag gewesen sein", sagte am Sonntag Fritz Kleiner, der im Bawag-Prozess Gutachter war, dem ORF.

Spur nach Aruba

Die Paradise-Papers führen laut ORF und "Falter" auch nach Aruba. 1990 werden hier binnen eines Monats sieben Gesellschaften gegründet – und deren Direktor war Flöttl. Zehn Jahre wird er diese Gesellschaften behalten – und sie erst 1999 und 2000 auflösen. Damit erfolgte die Auflösung erst nach dem angeblichen "Totalverlust". Wozu die Gesellschaften dienten, blieb offen, da Flöttl in New York für den ORF nicht erreichbar war. Sein Anwalt verteidigte die Konstruktion, die nichts mit den Karibikgeschäften der Bawag zu tun gehabt habe.

Kleiner waren die Aruba-Gesellschaften als Gutachter "nicht bekannt". Elsner-Anwalt Andreas Stranzinger ist nach Durchsicht der Dokumente, die auf Flöttl lauten, alarmiert: "Der Zeitraum ist hochbrisant." Flöttl spekulierte zweimal im Auftrag der Bawag. Das erste Mal, von 1988 bis 1994, unter seinem Vater Walter Flöttl, dem damaligen Bawag-General. Die Geschäfte warfen Gewinn ab. 1995 begannen die Karibik-Geschäfte neuerlich und liefen bis 1999 – diesmal unter Bawag-General Elsner. Dabei wurden die Geschäfte bekanntlich zum Fiasko.

Antrag auf Wiederaufnahmen

Elsner-Anwalt Stranzinger erinnert, dass "mein Klient immer noch einen Antrag auf Wiederaufnahme des Bawag-Verfahrens anhängig hat. Wenn ich diese Unterlagen jetzt sehe, kommen mir einige Ideen, um diesen Antrag weiter zu füttern. Denn natürlich ist es für die Strafverfolgungsbehörden einfacher, wenn sie sagen: Das Geld interessiert mich nicht. Aber Betrug verlangt höhere kriminelle Energie. Und das würde genau das, was mein Klient von Anfang an gesagt hat, nämlich dass die Bank betrogen worden ist, bestätigen."

Flöttls Anwalt Herbert Eichenseder teilte dem ORF in einer E-Mail mit: "Ich kann ausschließen, dass diese Firmen mit den strafverfahrensgegenständlichen Karibikgeschäften der Bawag zu tun hatten. Mit dem Eintritt der schweren Verluste Ende 1998 wurden inaktive Firmen aus Kostengründen liquidiert." Die Aruba-Geschäfte hätte Flöttl laut Kleiner gegenüber der Justiz "sicher nicht" offenlegen müssen. "Man soll im Strafverfahren keine Fragen beantworten, die nicht gestellt werden."

Elsner "nicht überrascht" von Flöttl-Firmen

Elsner hat sich zu den jüngsten Enthüllungen über bisher unbekannte Firmen des Investors Wolfgang Flöttl in der Karibik geäußert. "Das überrascht mich nicht", sagte er am Montag zur APA. Elsner behauptet seit Jahren, Flöttl habe die verlorenen BAWAG-Millionen nicht verspekuliert sondern gestohlen. Der Beschuldigte weist alle Vorwürfe zurück.

Finanzminister Hans Jörg Schelling (ÖVP) sieht keine aktiven Politiker in Österreich involviert. Generell meinte Schelling vor Beginn der Eurogruppe Montag in Brüssel, es handle sich nur um die Bestätigung seiner Ansicht, "wenn eine Oase stillgelegt ist, taucht die nächste auf".

Dabei dürfte es aber auch so sein, dass "alle Dinge zum Großteil legale Konstruktionen sind. Daher dränge ich darauf, dass wir europaweit und weltweit in eine Situation kommen, dass wir die Steuerschlupflöcher schließen. Aber wenn nicht alle mitmachen, wird es immer wieder solche Inseln geben", so Schelling. Jedenfalls "gibt es diesmal relativ wenig Bezug zu Österreich. Aber wir schauen uns die Fälle natürlich an". (gra, bpf, APA, 4.11.2017)

  • Die Paradise-Papers führen laut ORF und "Falter" auch nach Aruba.
    foto: georg hochmuth

    Die Paradise-Papers führen laut ORF und "Falter" auch nach Aruba.

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