STANDARD-Print-/Onlinekritik zu #MeToo: Die Blattlinie als Richtschnur

    5. November 2017, 19:11
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    Ein #MeToo-Kommentar der anderen hat in der Redaktion heftige Debatten ausgelöst. Eine Dokumentation

    Es gibt da so einen Rhythmus. Alle halben, Dreivierteljahre geht es richtig rund in der STANDARD-Redaktion. Aufregung, die über die täglichen internen Debatten über Themen, Linie, Einschätzungen hinausgeht. Diesmal erhitzte der Kommentar der anderen von Rechtsanwältin Katharina Braun ("Männer nicht unter Generalverdacht stellen") in der Konferenz und in dutzenden E-Mails danach die Gemüter. Ein chronologischer Ausschnitt aus der Diskussion, beginnend mit einem Protokollauszug aus der Print-/Onlinekritik:

    "Mich hat es wahnsinnig geärgert, dass wir diesen KDA (Kommentar der anderen, Anm.) hatten. Es geht nicht darum, dass es eine Gegenmeinung ist, es soll natürlich Raum für andere Ansichten und Blickwinkel in der Debatte geben, aber diesen Text fand ich einfach nur plump." Anna Giulia Fink

    "Er ist auch schlecht geschrieben." Petra Eder

    "Gegenpositionen, außer Nina Proll, hatten wir bisher noch nicht." Rainer Schüller

    "Dieser KDA ist keine Gegenmeinung, sondern betreibt Täter-Opfer-Umkehr. Die Autorin unterstreicht jene in der Gesellschaft leider nach wie vor festgesetzten Sichtweisen, die überhaupt erst zu sexuellen Übergriffen führen. Wir sollten so etwas nicht abdrucken, sondern gegen solche Stereotype und Klischees anschreiben und daran arbeiten, sie aufzubrechen." Christa Minkin per Mail

    "Wir können Hort der Political Correctness sein – oder ein Medium, in dem kontroverse Debatten ausgetragen werden. Ich hoffe sehr auf das Letztere. Braun ist Familien- und Scheidungsanwältin, die auch in ihrer Praxis damit in Berührung kommt. Ihr Täter-Opfer-Umkehr vorzuwerfen ist unberechtigt. Deshalb sollen wir solche Texte abdrucken und natürlich auch wie bisher eigene und fremde Kommentare, Analysen und Interviews, die in eine andere Richtung gehen." Eric Frey per Mail

    "Kann man gar nicht genug betonen, was Eric da in Erinnerung ruft. der STANDARD war immer ein liberales Medium, gedanklich offen und unabhängig nach allen Seiten. Und die KDA-Seite – der Op-ed page der 'New York Times' nachempfunden – war immer ein besonders wichtiges Element der Zeitung, die den Pluralismus der Gesellschaft abbildete. Es schüttelt mich fast, wenn ich Sätze lese wie: Das sollten wir nicht abdrucken. Bis auf wenige verbotene und strafrechtlich relevante Dinge sollten wir fast alles zur Debatte stellen. Sind da welche im Besitz der absoluten Wahrheit, wollen wir ein milieuorientiertes Meinungsmedium sein?" Tom Mayer per Mail

    "Vielfältige Debatte: Ja, klar. Aber – und auch das sollte uns ja auszeichnen – mit einem gewissen Niveau. Der Zugang 'anything goes', egal für welche Meinung, führt unter Garantie zu einer Nivellierung nach unten. Auch KDAs sollten sich nicht nur im Stil, sondern auch in der Argumentationshöhe (!) von Jeannée-Ergüssen und 'Krone'-Leserbriefen klar unterscheiden." Georg Pichler per Mail

    "Der Text strotzt nur so vor Aussagen, die nicht in Ordnung sind. Wir drucken sie unkommentiert ab. Der Text steht für sich. Es ist wenig hilfreich, dass wir an einem anderen Tag, an anderer Stelle eine Einordnung oder Analyse gebracht haben. Es geht hier nicht um die Frage, ob wir Meinungsvielfalt zeigen sollen (das sollen wir natürlich). Denn Sexismus ist nicht Meinung. Täter-Opfer-Umkehr ist nicht Meinung. Sexuelle Übergriffe sind nicht Meinung. Vergewaltigung ist nicht Meinung. Das sind Dinge, die nicht in Ordnung sind. Wir sollten uns als Medium sehr wohl positionieren und klar sagen, was wir in Ordnung finden und was nicht." Christa Minkin per Mail

    "Wir erleben diese internen Debatten ja alle paar Monate wieder. Ich glaube, wir haben hier einfach zwei (legitime) Seiten – einerseits Eric oder Tom, die sagen, dass man sehr vieles zur Debatte stellen und abdrucken kann – andererseits Christa oder Georg, die sagen, dass auch bei den KDAs eine hochwertige Argumentation und eine gewisse Einschränkung des Sagbaren passieren sollte, da Sexismus oder Rassismus nicht als Meinung eingestuft werden sollten. Ich persönlich tendiere zu Letzterem, weil viele unserer Leser – zumindest war es etwa bei mir als Jugendlichem so – sich wohl denken 'Es steht im STANDARD, also muss es etwas Kluges sein'." Fabian Schmid per Mail

    "Sollte es je bei uns eine Entscheidung geben, dass nur hochwertige Meinungen, die approbiert wurden, in einem STANDARD-Kanal veröffentlicht werden dürfen, dann müssten wir alle Foren sperren und auch User Generated Content beenden." Eric Frey per Mail

    "Dass es bei solch sensiblen Themen Fingerspitzengefühls bedarf, das zeigt diese Korrespondenz wieder. Was sie auch zeigt, ist, dass die Meinungsfreiheit hauptsächlich bei affirmativen Meldungen verbucht wird. Die dürfen dann gerne in Stammeldeutsch abgedruckt sein, Hauptsache, man findet sich darin wieder. Denkt wer, Gott behüte, quer, wird das sofort eingeschränkt, mit diffusen Standards argumentiert, Form und Inhalt vermengt. Oder gleich diffamiert. Es ist wie bei der Proll: Fast alle STANDARD-Beiträge zum Thema Proll haben den Baumgartner erwähnt. So als würde die Meinung einer Frau daran gemessen, welche Männer ihr zustimmen. Hier wird der KDA der Frau Braun mit dem Jeannée und dem 'Krone'-Leserforum diffamiert. Ich finde das erstaunlich, dass Journalisten mit Meinungsfreiheit solche Probleme haben. Der Kommentar ist weit davon entfernt, in die Niederungen eines Jeannée oder des 'Krone'-Forums zu kommen." Charly Fluch per Mail

    "Ich bin überzeugt, dass gerade der Diskurs, den dieser KDA ausgelöst hat, zeigt, wie richtig die Entscheidung war, ihn zu bringen. Es wird auch sicher nicht der letzte Beitrag zu diesem Thema gewesen sein. KDA-Seiten sind wie Userkommentare und Foren dazu da, um Meinungsvielfalt abzubilden. Jeder Beitrag wird wieder zur Debatte gestellt, es kann geantwortet werden, in den Postings, in einem Folgekommentar. Es kann und soll darüber diskutiert werden. Das macht den STANDARD zum STANDARD. Das ist gut so." Rainer Schüller per Mail

    "Was mich bei solchen Diskussionen jedes Mal aufs Neue verwundert, ist die Ungeniertheit, mit der sich manche zu Staatsanwälten und Richtern in Personalunion aufschwingen, um anderen leichtfertig das Maul zu verbieten. Das hat wenig mit Journalismus zu tun, eher mit Stalinismus. Audiatur et altera pars. Ich dachte immer, das sei eine journalistische Grundregel. Auch wenn altera pars Unfug in die Welt setzt – zuerst zuhören, sich dann ein Urteil bilden." Christoph Prantner per Mail

    "In jedem Fall bin ich im Zweifel der Meinung, dass die Meinungsfreiheit gelten sollte im Meinungsteil." Renate Graber per Mail

    "Feminismus ist keine perverse Neigung ein paar linkslinker Kampfemanzen, sondern eine ernstzunehmende gesellschaftspolitische, soziologische Strömung. (Sogar schon seit ein paar Jahren.) Wie Frauen fertiggemacht werden, die sexuelle Übergriffe trotz Angst und Scham ansprechen, ist wirklich erschreckend. Manche Reaktionen in sozialen Netzwerken erinnern mich an jene der katholischen Kirche am Anfang des Skandals um Groër. Und sie fahren den Frauen und allen, die sich noch überlegt haben, sich endlich zu wehren, tatsächlich "übers Maul". Hier Aufklärung zu unterstützen, anstatt Victim Blaming zu befördern, fände ich Aufgabe von seriösem Journalismus. Wie ernst man diese Themen nimmt, zeigt man auch darin, wen man da als Kommentatorinnen aussucht. Menschen, die sich damit gründlich auseinandergesetzt haben, oder Promis, die ihrer Karriere Schwung geben möchten? Lassen wir zur nächsten Steuerreform zB. Albert Fortell einen KDA schreiben? Wenn er die Debatte weiter bringt, wenn er wichtige Dinge ans Licht bringt, mit der sich unsere Gesellschaft noch immer schwer tut – unbedingt! Wenn er alte Klischees einzementiert, naja. Kann man natürlich machen, fragt sich nur, welche Agenda man da verfolgt – außer den selbstlosen Dienst an der Meinungsfreiheit natürlich." Colette Schmidt per Mail

    "Im Zweifel für die Meinungsfreiheit, das ist für mich so selbstverständlich, dass es mir seltsam vorkommt, hier das Wort Zweifel zu verwenden. In Zusammenhang mit der #MeToo-Sache frag ich mich aber gerade deshalb, ob wir der Tragweite des Themas bisher gerecht wurden. Dass es bei solchen feministischen Konfliktfällen Frauen gibt, die die antifeministische Position der Männer unter Hinweis auf die Erotik zwischen den Geschlechtern verteidigen (Proll, Braun), ist älter als die Zeitschrift Emma. Ebenso, dass diese Frauen dann nur unter Hinweis auf Männer, die das Gleiche sagen, ernst genommen werden (Baumgartner). So werden die patriarchalen Machtverhältnisse gleich wieder bestätigt." Irene Brickner per Mail

    "Ich fasse zusammen: Wir drucken (und zeigen damit Zustimmung) einen Text ab, der frauenverachtend ist und Opfer sexueller Gewalt in den Dreck zieht. Ich kritisiere das. Der frauenverachtende Text wird verteidigt, er sei Meinung. Meine Kritik an dem Text und die Forderung, gegen Frauenfeindlichkeit und sexuelle Gewalt klar Position zu beziehen, wird abgetan, sie sei Stalinismus." Christa Minkin per Mail

    "Liebe Christa, ich akzeptiere (und teile zu einem gewissen Teil) deine Kritik am Text von Braun. Aber in einer Sache liegst du völlig falsch: Indem wir den Kommentar abdrucken, zeigen wir damit keine Zustimmung. Das ist der Kern eines pluralistischen Mediums, das Meinungsvielfalt ermöglichen und fördern will. Das musst du akzeptieren, auch wenn dir bestimmte Meinungen zutiefst widerstreben." Eric Frey per Mail

    "Ich schließe mich der Meinung von Eric an." Hans Rauscher per Mail

    "Lieber Eric, ich hoffe, du hast recht. Doch ich befürchte, das Gegenteil ist der Fall. Jeder Text, den wir veröffentlichen, steht für sich. Und hinter jedem Text, den wir veröffentlichen, stehen wir als Redaktion, als STANDARD. Wie Fabian gestern geschrieben hat, ist die Außenwahrnehmung eher so: "Es steht im STANDARD, also muss es klug sein" oder "Es steht in der Zeitung, also muss es stimmen". Deshalb plädiere ich dafür, dass wir so etwas nicht einfach abdrucken, sondern kommentieren, analysieren, einordnen, ..." Christa Minkin per Mail

    "Man muss doch den Leuten zutrauen, dass sie Texte, wenn sie etwa schlecht sind, auch als solche erkennen. Wenn man andere Meinungen liest, geht es doch auch darum, die eigene Position zu hinterfragen und Aspekte dazuzunehmen. Bei Frau Braun denkt man sich halt: Die hat noch nicht sehr viel darüber nachgedacht. Ich denke übrigens nicht, dass viele Frauen, die schwere sexuelle Übergriffe erlebt haben oder vergewaltigt wurden, bei dieser #MeToo-Sache mitmachen, weil das mit viel zu viel böser Erinnerung, Schmerz und Scham besetzt ist. Das lässt man nicht so leicht raus in die Welt. Ich denke eher, dass es bei dieser #MeToo-Solidarisierung um die Erfahrung von alltäglicher Misogynie und vor allem Respektlosigkeit geht. Menschen werden von diesen respektlosen Typen nicht als gleichwertige Subjekte wahrgenommen und behandelt, sondern als Leute, die man für eigene Bedürfnisse und den Ego-Aufbau missbrauchen kann. Das passiert auch Männern, wenn es um mächtigere und respektlose Männer geht, die ihnen das antun. Diese Respektlosigkeit ist eben bei Mannsbildern in dieser besten aller Welten weiter verbreitet, weil manche sich selbst für so super halten. Nicht mal Gott weiß warum. Flirten ist was anderes. Das ist doch, wenn man dem anderen zeigt, dass man ihn interessant und anziehend findet. Das ist ja das Gegenteil von dieser respektlosen Machtkiste. Es geht doch prinzipiell darum, ob man den Anderen als Menschen sieht, mit Respekt." Adelheid Wölfl per Mail

    "Man braucht schon relativ viel Phantasie, um zur Ansicht zu gelangen, dass in dem betreffenden Text "Opfer sexueller Gewalt durch den Dreck gezogen werden", wenn Frau Braun schreibt, dass es ihr "absolut nicht um ein Verharmlosen von sexuellen Übergriffen" geht und sie gleichzeitig Frauen juristische Ratschläge gibt, wie sie im entsprechenden Fall vorzugehen haben. Ich stimme Adelheid zu, dass wir die Leserinnen und Leser nicht für dumm halten sollten. Sie sind in der Lage, sich selber eine Meinung zu bilden. Dazu müssen wir ihnen allerdings auch unterschiedliche Positionen präsentieren und diese, ja, auch abdrucken – mögen sie nun reflektierter oder unreflektierter sein. Deswegen heißt diese Seite Kommentar der anderen. Wer unsere Kommentare lesen will, muss umblättern. Unsere Richtschnur muss die Blattlinie sein. Nicht mehr und nicht weniger. Und ganz grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass Journalismus kein Aktivismus ist. Wir schreiben etwas auf und nicht gegen etwas an." Christoph Prantner per Mail

    "Eine Anregung hätte ich: Vielleicht sollten wir berichterstattungsmäßig auch mal raus aus der Falle, es ginge hier um Männer gegen Frauen oder Frauen gegen Männer. Das trifft die Belästigungs- und Missbrauchsdebatte nicht, zumindest nicht in vollem Umfang. Auch Männer werden belästigt, gar nicht so selten. Auch so eine Tabuzone. Mir ist das als junger Mann mehrfach passiert, durch Männer wie Frauen. Hatte ich inzwischen längst vergessen. Wäre auch mal ein Thema, um zu zeigen, dass Belästigung und Missbrauch eine Sache von Individuen ist." Tom Mayer per Mail (STANDARD-Redakteure, 5.11.2017)

    • Die Kampagne gegen sexuelle Belästigung hat vor allem in den sozialen Medien stattgefunden. Mancherorts gingen Frauen auch auf die Straße (im Bild: Paris).
      foto: afp

      Die Kampagne gegen sexuelle Belästigung hat vor allem in den sozialen Medien stattgefunden. Mancherorts gingen Frauen auch auf die Straße (im Bild: Paris).

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