Finanzgebarung der Wiener Symphoniker: Spielfleiß und sein Preis

    6. November 2017, 13:54
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    Johannes Neubert verneint, dass das Orchester trotz "Bilanzverlusts" Schulden habe

    Wien – Als es unlängst um die Prüfung der Wiener Symphoniker, die vor kurzem mit einem Dreistundenwerk "Wien Modern" eröffnet haben, durch den Stadtrechnungshof ging, sprach man von "nachhaltigen finanziellen Problemen" im Zusammenhang mit alten Pensionsregelungen. Diese würden die Bilanz des Klangkörpers massiv belasten. Pleitegefahr!

    In der Aufregung, die auch den Wiener Bürgermeister erfasste, ging unter, dass es sich dabei um ein bekanntes Thema handelte. Zudem bescheinigten die Prüfer Intendant Johannes Neubert, budgetwirksame Reformschritte bereits 2015 mit dem neuen Orchesterkollektivvertrag gesetzt zu haben. Neubert verneint denn auch, dass die Symphoniker Schulden hätten: "Die Ergebnisse des Orchesterbetriebs sind ausgeglichen. Unser Betrieb hält auch dem Vergleich mit anderen europäischen Symphonieorchestern stand – hinsichtlich Subventionshöhe, Auslastung, Zuschauerzahlen und Eigendeckungsgrad."

    Langfristig und kurzfristig

    Das Problem des "Bilanzverlusts", so Neubert, erwachse "aus Rückstellungen, die wir in der Bilanz für ein bereits vor elf Jahren gekündigtes Pensionsstatut bilden müssen. Hierfür gibt es aber eine Garantieerklärung der Stadt Wien, die in der Bilanz jedoch nicht dargestellt werden kann." Diese "Altlast ist eine Herausforderung für das Orchester wie auch für die Gemeinde Wien. Aufgrund der umgesetzten Reformen wird es aber langfristig eine massive Entlastung geben." Langfristig wirksame Verpflichtungen, wie Pensionen es seien, können jedoch nicht kurzfristig beseitigt werden. Interessant war auch, dass die Prüfer beim Arbeitspensum der Symphoniker – im Vergleich zu anderen Berufen – Defizite sahen. "Es steht uns nicht an, den Stadtrechnungshof zu kritisieren. In der Frage der Spielverpflichtung stehen aber künstlerische sowie kulturpolitische Aspekte und eine rein wirtschaftliche Betrachtung des Rechnungshofs im Widerspruch."

    Zunächst: "Der Beruf eines Orchestermusikers ist ein Hochleistungssport. Nach einer Aufführung von Schuberts großer C-Dur-Symphonie sind Sie streichfähig, das ist physisch sehr anstrengend und fordert mental extrem. Diese Leistung allein nach der Arbeitszeit zu messen ist unmöglich. Zumal vieles – etwa Vorbereitung und ständige Verfügbarkeit – nicht bewertet wird. Alle vergleichbaren Orchester arbeiten ja mit ähnlichen Spielverpflichtungen, teils mit geringeren."

    Jederzeit auf Abruf

    Bei der Auslastung der Symphoniker-Musiker seien seit 2016 durch den neuen Kollektivvertrag 94 Prozent erreicht worden. "Ein Spitzenwert, auch international", so Neubert. "Wenn ein Beethoven-Zyklus oder ein Bach-Oratorium gespielt wird, werden manche Instrumentengruppen weniger gebraucht als andere. Das erklärt die fehlenden Prozente. Wir werden Verhandlungen führen, dass dies noch mehr mit stark belasteten Monaten verrechnet wird."

    Total ausgleichen lasse sich das nicht. Die Musiker, so Neubert, machten dabei nicht Urlaub, "sie müssen üben und jederzeit auf Abruf spielfähig sein". Das könnte auch den fleißigen Prüfern Verständnis abringen. (Ljubiša Tošić, 6.11.2017)

    • Symphoniker-Manager Johannes Neubert.
      foto: wilke

      Symphoniker-Manager Johannes Neubert.

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