Saudi-Arabien: Der Kronprinz setzt die Axt an

Kommentar5. November 2017, 10:55
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Mohammed bin Salman kündigt die Konsenpolitik innerhalb der saudischen Elite auf

Wenn sie nicht von Al-Arabiya – dem saudischen Propaganda- und Verlautbarungsorgan – gekommen wäre, hätte man die Nachricht über die Verhaftung von elf Prinzen und etlichen Geschäftsleuten in Saudi-Arabien, darunter der internationale Großinvestor Al-Waleed bin Talal, für "Fake News" halten können. Nein, es ist auch nicht so, dass die Iraner Al-Arabiya gehackt hätten. Es stimmt und damit hat heute in der Nacht im Königreich endgültig eine neue Ära begonnen.

Kronprinz Mohammed bin Salman hat das Ende jener internen Konsenspolitik herbeigeführt, die 1932 überhaupt zur Staatsgründung geführt hatte: ein Abgleich zwischen der politischen Macht der Familie Saud und der religiösen des wahhabitischen Klerus. Der Wahhabismus wurde MbS, wie er allgemein genannt wird, in einer globalisierten Welt und vom islamistischen Terror überzogenen Welt, mit der Saudi-Arabien Geschäfte machen will, immer peinlicher. Und die Familie wurde über die Jahrzehnte über immer größer und teurer und schwerer im Zaum zu halten. Und Teile davon stänkern herum, dass der erst 32-jährige Lieblingssohn von König Salman zu viel Macht akkumuliert.

Also gründet MbS einen Antikorruptionsrat und lässt dutzende Personen festnehmen. Nebenbei wird er auch den letzten starken Prinzen aus der Linie des 2015 verstorbenen König Abdullah los, Mutaib, der Chef und Minister der Nationalgarde war. Nicht mehr ein "Rückzug auf eigenen Wunsch", wie es noch beim im Juni geschassten früheren Kronprinzen Mohammed bin Nayef formuliert wurde: Al-Arabiya verwendet ganz kühl das Wort "gefeuert". Eine neue Ära.

Fragen gibt es viele, wobei man sich jene, was "Korruption" im saudi-arabischen Kontext eigentlich bedeutet, sparen kann: MbS ist auch Verteidigungsminister, und das ist in Saudi-Arabien das Ministerium, das den Inhaber traditionell am reichsten macht. Am spannendsten ist die Frage, ob MbS seine Karten – wie im Jemen oder in der Katar-Krise – nicht auch noch innerhalb des Landes überspielt.

Denn im Krieg, den er dem ultrakonservativen Klerus erklärt hat, braucht er ja doch auch Verbündete nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch im Königshaus: jene moderne und international vernetzte Schicht, dem die Auswüchse des salafistischen Islam zuhause ebenfalls auf die Nerven gehen. Zumindest ein paar davon sind jetzt ins Gefängnis gewandert: Sie sind MbS wohl zu reich und zu mächtig geworden – typischerweise sind auch Medien-Besitzer dabei. Die nächste Frage ist, wann er seinen Vater, den König, ablöst: Man könnte meinen, es sei bald so weit. Wenn er das jedoch zu früh tut, dann gibt er den Deckmantel der Legitimation auf, den ihm der alte kranke Mann – der Wachs in seinen Händen ist – jetzt noch verleiht. (Gudrun Harrer, 5.11.2017)

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