Herbstlohnrunde in Geiselhaft der Metallverarbeiter

4. November 2017, 08:00
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Die festgefahrenen Lohnverhandlungen der Maschinenbau- und Metallverarbeitungsindustrie bedeuten Stillstand bei fünf anderen Metallbranchen

Wien – Maschinenbau und Metallverarbeitung sind nicht der einzige Bereich der Metallbranche, in dem es sich bei der Herbstlohnrunde spießt. Im Schatten des größten Fachverbands, der Metalltechnischen Industrie (FMTI) mit rund 130.000 Beschäftigten, wird auch für die anderen vier Branchenverbände, also Bergbau/Stahl, Fahrzeugindustrie, Gas-/Wärmeerzeugung und Nicht-Eisenmetalle über neue Kollektivverträge verhandelt.

Anders als bei den Metallverarbeitern laufen die Gespräche in den anderen Tarifverbänden dem Vernehmen nach konstruktiv. Ein Arbeitgeber, der nicht genannt werden will, sieht sich deshalb in einer Art Geiselhaft: "Die Gewerkschafter wollen einen einheitlichen Abschluss, für alle Metaller und Industrieangestellten, deshalb geht bei allen anderen Teilbranchen nichts weiter." Heißt auf gut Deutsch: Solange sich die Metalltechnische Industrie unter Chefverhandler Veit Schmid-Schmidsfelden und Fachverbandsobmann Christian Knill nicht bewegt, steht die Mühle.

"Zartes Pflänzchen Konjunktur"

Letzterer mahnte mit Blick auf die gewerkschaftliche Forderung von plus vier Prozent zur Mäßigung: Das zarte Pflänzchen Konjunktur dürfe durch einen "weltfremden" Abschluss "nicht gleich wieder niedergemäht werden". Sonst nähme der Wirtschaftsstandort Schaden. Doch so zart ist das Pflänzchen Konjunktur nicht. "Der Aufschwung ist kräftig", stellt der Konjunkturexperte des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifo, Marcus Scheiblecker, klar. Er hält die geforderte Zurückhaltung bei der Herbstlohnrunde deshalb für übertrieben: "Die Konjunktur rennt unter Volldampf, und zwar in allen Ländern", sagt der stellvertretende Leiter des Wifo zum STANDARD.

Er kann den Streit der Lohnverhandler um die Inflationsrate nicht nachvollziehen. Dass die Arbeitgeber die (niedrigere) EU-Inflationsrate zugrunde legen wollen, sei aus Sicht der Arbeitgeber kein stichhaltiges Argument. Denn der Verbraucherpreisindex sei kein Konkurrenzindikator für österreichische Betriebe, sondern lediglich "ein grober Maßstab aus Sicht der Arbeitnehmer". Die Arbeitgeber sollten besser Industriegüterpreise hernehmen, idealerweise die der Metallindustrie, oder "Terms of Trade", also Export- und Importpreise.

Preistreiber Wohnkosten

Höher als im EU-Durchschnitt ist die Inflation in Österreich, weil seit fünf Jahren abwechselnd Beherbergung, Gaststätten und Mieten Preisauftrieb auslösten.

Schwerer wiege hingegen die Angst vor hohen Lohnstückkosten. Die sind in Österreich wohl über dem Schnitt, aber das sei auch in Deutschland so – und dort seien schließlich die Konkurrenten der heimischen Betriebe. Die beiden Länder spielen ja in der gleichen Liga, sagt Scheiblecker. Zum Ausgleich könnten die Betriebe ihre Dividendenpolitik überdenken.

Diesbezüglich aufschlussreich ist der von der Arbeiterkammer Wien im Auftrag der Gewerkschaft erstellte "Branchenreport Metallindustrie 2017", für den Jahresabschlüsse von 114 Unternehmen der Metallindustrie mit insgesamt 73.320 Beschäftigten ausgewertet wurden, die 2016 einen Umsatz von 31,4 Milliarden Euro erwirtschafteten.

Ausschüttungsquote sinkt

Die Ausschüttungsquote für das Geschäftsjahr 2016 ist demnach – nach einem Anstieg im Jahr 2015 – spürbar im Sinken. Heuer waren rund 56 Prozent der erwirtschafteten Ergebnisse vor Steuern zur Ausschüttung an die Eigentümer vorgesehen, in Summe 1,53 bis 1,56 Milliarden Euro. Das übersteigt die Sachinvestitionen der Unternehmen deutlich und entspricht 37 Prozent der Löhne und Gehälter, rechnet die AK vor.

Die Top Ten der Ausschüttungen führt Andritz mit 103 Millionen Euro an, gefolgt von der Voestalpine Stahl (die 105 Millionen Euro an ihre Mutter Voestalpine AG ablieferte), Julius Blum GmbH (100 Mio. Euro), Palfinger und Plansee. BMW in Steyr steht den Dividendenkaisern mit 250 Millionen Euro um nichts nach, sagt der Leiter des AK-Wirtschaftsbereichs, Heinz Leitsmüller.

Am Montag um 15 Uhr geht das Feilschen zwischen Industrie und Gewerkschaft in die fünfte Runde. Die Gewerkschaft macht Druck: "Wenn am Montag keine Lösung kommt, dann haben wir ein Problem", warnt Metallgewerkschaftschef Rainer Wimmer.

Einen Streikbeschluss des ÖGB gibt es übrigens noch nicht. (Luise Ungerboeck, 4.11.2017)

  • Die Drähte zwischen Gewerkschaft und Industrie glühen. Am Montag wird weiterverhandelt über Löhne und Gehälter.
    foto: voestalpine

    Die Drähte zwischen Gewerkschaft und Industrie glühen. Am Montag wird weiterverhandelt über Löhne und Gehälter.

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