Der Klimawandel frisst den Wald in Österreich

    4. November 2017, 09:00
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    Er ist einer der Profiteure des Klimawandels: der Borkenkäfen. Im niederösterreichischen Kottes-Purk im Waldviertel will man nicht tatenlos zusehen

    Herbert Mistelbauer schüttelt den Kopf. Er steht in seinem Wald und blickt auf einen Abhang, der mit Baumstümpfen übersät ist. Links und rechts davon ragen Bäume empor, dazwischen jedoch: gähnende Leere. Bis Sommer dieses Jahres haben Fichten dieses Waldstück gesäumt. Freiwillig hat der Landwirt seine Bäume nicht hergegeben. Der Übeltäter ist heimisch: Es war entweder ein Buchdrucker oder Kupferstecher. Beide zählen zur Familie der Borkenkäfer und strapazieren die Rinden von Fichten und die Nerven vieler Bauern. Waldbesitzer in ganz Österreich sind betroffen – besonders stark der Osten, zum Beispiel im Waldviertler Kernland. Dort wohnt Herbert Mistelbauer.

    foto: vanessa gaigg
    Herbert Mistelbauer (links) und Bürgermeister Josef Zottl begutachten den Schaden, der durch den Borkenkäfer entstanden sind.

    Klimawandel als Gegenwart

    Kottes-Purk ist eine kleine Gemeinde, deren beide Ortsteile in den Siebzigerjahren zusammengelegt wurden. Fährt man von Wien kommend durch die Weinreben der Wachau, fährt man so lange bergauf, bis keine Trauben mehr zu sehen sind. Hinter dem Hügel taucht wenige Kilometer später Kottes-Purk auf. Knapp 1500 Menschen leben hier, Tendenz fallend. 58 Quadratkilometer beträgt die Fläche des Ortes. 35 Prozent davon sind Wälder, das sind rund zweihundert Hektar. Ungefähr ein Zehntel davon besitzt ein Stift, den Rest teilen sich private Kleinwaldbesitzer auf.

    Hier im Waldviertel glaubt man nicht daran, dass der Klimawandel in der Zukunft wartet. Er ist schon da. Dass der Borkenkäfer heuer einen großen Teil der Baumbestände vernichtet, sei kein Zufall, meint Doris Maurer vom Verein Waldviertler Kernland, einem Zusammenschluss von 14 Gemeinden der Region. Man will dem Klimawandel etwas entgegensetzen und nimmt deshalb am Klar-Projekt des Klima- und Energiefonds der Bundesregierung teil.

    foto: vanessa gaigg
    Der Käfer bohrt sich zunächst in die Rinde.

    Problemkind Fichte

    Der Käferbefall sei ganz klar auf den Klimawandel zurückzuführen, sagt Maurer: "Den Bäumen fehlt die Feuchtigkeit." Es ist einfach zu warm. Oder genauer: Der Fichte ist es zu trocken. Die Intensität des Niederschlags habe sich verändert: "Was früher über den Tag verteilt runterkam, schüttet es jetzt innerhalb von zwei Stunden raus", sagt Maurer. Der Boden schafft es nicht, das Wasser so schnell aufzusaugen, also rinnt es einfach weg. Dass das so ist, hänge damit zusammen, dass die Luft immer wärmer wird. "In den letzten fünfzig Jahren wurde es hier ungefähr um eineinhalb Grad wärmer", berichtet Maurer. In den nächsten dreißig Jahren soll die Temperatur um ungefähr noch einmal so viel zunehmen.

    Passt ausgerechnet der Fichte etwas nicht, hat ganz Österreich ein Problem: Sie ist laut dem Bundesforschungszentrum für Wald die mit sechzig Prozent weitaus am häufigsten gepflanzte Baumart hierzulande. Seit zwanzig Jahren wandert der Borkenkäfer immer weiter nach oben, weil es dort nicht mehr so kalt ist.

    Deshalb hat jetzt auch das kühle Waldviertel ein Problem: Laut Maurer sind die Prognosen "dramatisch". Bis auf 800 Meter soll die "Fichtengrenze" in naher Zukunft steigen – also der Bereich, in dem der Baum überlebensfähig ist. Kottes-Purk liegt auf ungefähr 770 Metern.

    Der Verfall der Bäume geht rapid vonstatten: Innerhalb von vierzehn Tagen nach Befall könne man den Baum abschreiben, sagt Josef Zottl, der örtliche Bürgermeister. Der Käfer bohrt sich in die Fichte. Ist sie angeschlagen, kann sie sich nicht wehren und genügend Harz produzieren. Damit könnte sie den Käfer "verpicken", sagt Zottl. Ungefähr 150 Eier legt der Käfer in die Rinden. Wenn die Witterung passt, auch drei- oder viermal pro Jahr.

    foto: vanessa gaigg
    Wenn der Baum zu geschwächt ist, kann er schließlich kein Harz mehr produzieren, um sich zu wehren.

    Ungewisse Entwicklungen

    "Vor vierzig Jahren hat man gesagt: Pflanzt Fichte!", sagt Herbert Mistelbauer. Dafür habe es damals sogar Förderungen gegeben. Jetzt hat der Landwirt vor wenigen Wochen jahrzehntelange Arbeit zu Grabe tragen müssen. Von seinen 16 Hektar Wald waren sieben Hektar befallen. Noch dazu musste er das Holz weit unter dem ursprünglichen Wert verkaufen: Einerseits ist der Markt übersättigt, andererseits will niemand das befallene Holz. Für den Festmeter würde man eigentlich knapp 100 Euro bekommen, sagt der Landwirt. Für Fichte der Sorte Borkenkäfer bekomme man etwas weniger als die Hälfte.

    Sein Nachbar habe 1100 Festmeter "rausschneiden" müssen, erzählt Mistelbauer. Das waren zwei Drittel seines Waldes. Klare Empfehlungen, welche Bäume man jetzt setzen soll, gebe es nicht, sagen Mistelbauer und Zottl. Ein Mischwald würde zumindest das Risiko streuen.

    Egal, wofür sich Mistelbauer entscheiden wird: Er wird auch seinen Sohn nach seiner Meinung fragen. Selbst wird er es vermutlich nicht mehr erleben, dass auf seinem Grundstück wieder ein stattlicher Wald steht. Im Geschäft der Bäume hat die Vorlaufzeit eine ziemlich große Bedeutung. Wenn man sich von der Politik etwas wünschen dürfte? "Mehr Regionen sollen die Maßnahmen, die sie erarbeiten, umsetzen dürfen", sagt Maurer vom Waldviertler Kernland und meint damit das Klar-Projekt: "Wir legen los, sobald wir dürfen." Für die Hälfte des Waldes von Herbert Mistelbauer ist es jedenfalls schon zu spät. Die musste er schon dem Borkenkäfer überlassen. (Vanessa Gaigg, 4.11.2017)

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