Rotes Urgestein Josef Cap will weiter mitreden

    2. November 2017, 06:00
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    Nach 34 Jahren scheidet der SPÖ-Politiker aus dem Parlament aus. Im "Konzert der öffentlichen Meinung" will er weiter die Stimme erheben

    Wien – Ob er sich erinnern könne an damals, als sie 1979 mit dem Zug zum Treffen der Sozialistischen Jugend (SJ) nach Berlin gefahren seien, will der Kellner wissen. Selbstverständlich. Nach einer Nachdenkpause im Ausmaß einer Millisekunde kann Josef Cap sogar einen Wetterbericht vom historisch ein wenig zurückliegenden Ausflug der jungen Roten liefern.

    Solche Begegnungen passieren ihm laufend, nicht nur beim Gesprächstermin mit dem STANDARD. Was für ein Glück, dass Cap in solchen kleinen Interaktionen mit Herrn und Frau Österreicher so aufgeht. "Ich habe mich jetzt in meinem Vorzugsstimmenwahlkampf ertappt, dass ich mich manchmal bei den Wählerinnen und Wählern wohler gefühlt habe als bei den Gewählten" sagt er. Jetzt, rund zwei Wochen nach der Wahl, ist genau das auch neue Realität für den langjährigen SPÖ-Politiker. Von Platz 33 auf der Bundesliste wollte sich das rote Redetalent zurück in den Nationalrat kämpfen. 14 Prozent der Stimmen aus seinem Wiener Wahlkreis hätte er dafür gebraucht, 13 Prozent sind es geworden. Das Bittere: Im Regierungsprogramm von 2013 wollte Rot-Schwarz diese Latte im Regionalwahlkreis auf neun Prozent der Stimmen senken – geworden ist nichts daraus.

    Doch von Rückzug ist keine Rede. Jetzt will sich der einstige SJ-Revoluzzer, Langzeitmandatar und Ex-Klubobmann auf neuen Wegen in die politische Debatte einbringen. Cap bleibt Bezirksvorsitzender von Hernals. Im Renner-Institut, dem Thinktank der heimischen Sozialdemokratie, wird er ab Dezember nur noch ehrenamtlich aktiv sein. Partei und Öffentlichkeit lässt er wissen: "Ich werde mich im Konzert der öffentlichen Meinungsbildung in Zukunft noch stärker einbringen. Als jemand, der sehr viel mitgewirkt hat und der noch weiter mitwirken will." Jetzt eben ohne Amt.

    Sorge um blaue Pläne

    Aktuell, im Frühling der türkis-blauen Koalitionsannäherungen, ist es Cap ein Anliegen, vor einem Aushebeln der repräsentativen Demokratie – deklariertes Ziel der FPÖ – zu warnen: "Das hielte ich für undemokratisch." Und er hat einen argumentativen Kniff parat: "Der Weg in die plebiszitäre Demokratie setzt sowieso voraus, dass es dann ein Plebiszit darüber gibt, ob die Bevölkerung das überhaupt will."

    Auch mit den Antworten der Sozialdemokratie auf aktuelle Probleme ist der 65-Jährige nicht restlos zufrieden, es brauche mehr und bessere Erklärungen. Beispiel Flüchtlingspolitik: "Ich bin auch der Meinung, die Mittelmeerroute muss geschlossen werden, nur kann ich die nicht im Mittelmeer schließen, sondern dort, wo die Leute beginnen zu wandern."

    Doch dafür brauche es Engagement: "Dann darf man beim Weltökonomieforum in Davos nicht nur g'scheit daherreden, sondern muss bei der Diskussion über Welthandel über faire Bedingungen für jene Zonen reden, in denen die Leute keine wirtschaftliche Perspektive mehr haben. Und wenn ich dafür eintrete, das Pariser Klimaabkommen umzusetzen, dann mache ich es deswegen, damit die Klimafolgen nicht zu Wanderbewegungen führen."

    "Bescheidener Ansatz"

    Dass mit Sebastian Kurz und der jetzt türkisen "neuen" Volkspartei jemand gewählt wurde, der "Tun wir das Richtige" plakatiert hat, kann Cap nur wegblödeln. Er findet, das sei "zur Lösung von Problemen ein ziemlich bescheidener Ansatz". Die SPÖ hingegen, verfüge jetzt mit dem neuen Programm, dessen Reload Cap von Parteichef Christian Kern wieder aus der Hand genommen wurde, über hunderte Seiten voller politischer Ideen. Das sei jetzt für die Oppositionsarbeit von Nutzen.

    Damit könne man aus dem Stand Initiativen zu diversen wichtigen Themen starten. Auch wenn ihm die Gestaltungsrolle lieber gewesen wäre: "Ich bin ein Anhänger von Erneuerung in Regierungsverantwortung, weil man dann immer den Reality-Check hat: Man sucht Antworten, findet sie und ist zugleich gezwungen, sie auch umzusetzen." Dieser Zug scheint für die SPÖ aber abgefahren.

    Von Türkis-Blau erwartet sich Cap das, was er bereits bei Schwarz-Blau I unter Kanzler Wolfgang Schüssel konstatiert hat: viel Inszenierung zur Kaschierung sozialer Sparmaßnahmen. Bereits 2005 hat der einstige rote Klubchef unter dem Titel Kamele können nicht fliegen ein ganzes Buch darüber geschrieben. Heute attestiert er Kurz und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache marketingtechnisch ein Problem: "Wie soll der Kurz die Rolle des Chefs neben einem anlegen, der optisch aussieht wie sein Vater?"

    Geduldsprobe Politik

    Doch wer hört schon auf ein "Urgestein", das laut eigenem Bekunden den Wandel zum "Politikexperten" vollzogen haben will? Christian Kern jedenfalls nicht. "Ich hätte Tal Silberstein nie engagiert", erklärt Cap rückblickend zum Facebook-Skandal in den letzten Wahlkampfwochen. Wenn jetzt herauskommt, dass ein ehemaliger ÖVP-Funktionär hinter der Sudelseite "Die Wahrheit über Christian Kern" steckt (siehe Artikel unten), überrascht ihn das nicht. Die Lehre aus diesen Grauslichkeiten müsse sein, es nicht zu machen. Und klar zu dokumentieren, dass man das nicht will.

    Wenn er den jungen Roten, die im Parlament nachrücken, einen Rat geben soll, dann erklärt Cap: "In der Politik darf man die Dinge nicht persönlich nehmen. Schon mit Herz und Hirn engagieren, aber man muss wissen, dass manche Veränderungen länger dauern können, als die eigene Geduld es zulässt. Wenn du Vorstellungen hast über eine gesellschaftliche Entwicklung, dann solltest du schon eine realistische Umsetzungsperspektive miteinbeziehen. Denn sonst bist du ja ein Traumtänzer! Und man muss zu den Menschen eine Beziehung haben. Man muss sie mögen. Weil man ja für sie Politik macht." (Karin Riss, 2.11.2017)

    • Diesmal hat der Vorzugsstimmenwahlkampf nicht gereicht. Josef Cap hat um einen Prozentpunkt den Wiedereinzug ins Parlament verpasst. Jetzt will er von außen am politischen Diskurs teilhaben.
      foto: heribert corn

      Diesmal hat der Vorzugsstimmenwahlkampf nicht gereicht. Josef Cap hat um einen Prozentpunkt den Wiedereinzug ins Parlament verpasst. Jetzt will er von außen am politischen Diskurs teilhaben.

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