Saudi-Arabien malt Atomwettlauf mit Iran an die Wand

Analyse2. November 2017, 06:00
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Riesenprojekt zum Reaktorenbau läuft an, auch eine eigene Urananreicherung steht im Raum

Riad/Wien – Saudi-Arabien hat am Mittwoch den Ausschreibungsprozess für eines der größten Nuklearprojekte weltweit begonnen: 2032 will das Königreich in der Lage sein, bis zu 17,6 Gigawatt Atomstrom zu produzieren. Anbieter aus Südkorea, China, Japan, Russland, Frankreich und den USA sind im Rennen um den Bau der ersten beiden Atomkraftwerke, die Vergabe soll nächstes Jahr stattfinden.

Damit bricht auch auf der arabischen Seite des Persischen Golfs endgültig das Atomzeitalter an. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) bauen bereits an vier Reaktoren, der erste davon, Barakah, bei al-Hamra westlich von Abu Dhabi, wird bereits im nächsten Jahr fertiggestellt sein.

Die Frage, warum ein reiches Erdölland Atomenergie braucht, stellt niemand mehr: Wenn ein Teil des eigenen Energieverbrauchs aus anderen Quellen kommt, bleibt mehr Öl – und länger – für den Export. Das Problem ist real: Saudi-Arabien verbraucht so viel seines eigenen Öls, dass es, wenn es keine anderen Quellen erschließt, um 2040 zum Energieimporteur werden müsste. Die Entwicklung der Solarenergie geht langsamer voran als noch vor wenigen Jahren prognostiziert.

Politischer Grund

Aber selbstverständlich hat die Entscheidung der Golfaraber für Atomenergie auch einen anderen hochpolitischen Grund – und der liegt auf der anderen Seite des Golfs. Im Iran ist seit September 2011 das Atomkraftwerk Bushehr am Netz, das allerdings eine Geschichte hat, die bis in die Schahzeit, also vor 1979, zurückreicht.

Der Iran erzeugt jedoch nicht nur Kernenergie, sondern hat auch ein Uran-Anreicherungsprogramm, mit dem Ziel, den nuklearen Brennstoff für den eigenen Bedarf selbst herzustellen.

Das – nun von US-Präsident Donald Trump infrage gestellte – Atomabkommen (JCPOA) von 2015 beschränkt das iranische Urananreicherungsprogramm zwar auf Jahre hinaus streng. Aber gleichzeitig bedeutet das Zustandekommen dieses Atomdeals, dass die internationale Gemeinschaft das iranische Urananreicherungsprogramm akzeptiert hat: zum großen Ärger der regionalen Gegner Irans, vor allem Israels und Saudi-Arabiens.

Selbstversorgung

Deshalb horchten am Montag Experten auf, als ein saudischer Offizieller ankündigte, Saudi-Arabien werde auch "einen ersten Schritt hin zur Selbstversorgung bei der Produktion von nuklearem Brennstoff" setzen: Saudi-Arabien hat Uranvorkommen und wird diese erschließen und abbauen. Hashim bin Abdullah al-Yamani, Chef der King Abdullah City for Atomic and Renewable Energy (KACARE), ließ offen, ob damit gemeint sei, dass Saudi-Arabien auch selbst Uran anreichern will. Aber bei einer "Selbstversorgung" geht es wohl nicht anders.

Man könnte die saudischen Andeutungen unterschiedlich interpretieren: als Teil des großen Technologiesprungs, den Kronprinz Mohammed bin Salman Al Saud dem Königreich im Rahmen der "Vision 2030" verordnet hat, oder aber als Ausdruck seiner neuen aggressiven Außen- und Sicherheitspolitik, die auf nichts verzichten wird, was der Iran hat. Oder aber es ist die Rute, die Riad seinen Partnern ins Fenster stellt: Wenn ihr den Iran nicht zurechtstutzt, wird es zum atomaren Wettrennen am Golf kommen.

Wer darf anreichern?

Theoretisch darf ein Land, das den Atomwaffensperrvertrag (NPT) unterschrieben hat, Uran anreichern – beim Iran war das Problem, dass die Anfänge des Programms verheimlicht wurden und Teheran später trotz Uno-Sicherheitsratsresolutionen das Programm immer weiter entwickelte. Mit für die Brennstaberzeugung angereichertem Uran kann man keine Bomben bauen, aber man beherrscht und besitzt die Technologie. Deshalb gibt es Bemühungen, ein internationales System zur nuklearen Brennstoffversorgung zu entwickeln, das Länder, die Atomreaktoren betreiben, beliefert. Die VAE etwa haben explizit darauf verzichtet, selbst Uran anzureichern.

In der Region haben Israel und Pakistan Atomwaffen, beide haben den NPT nicht unterschrieben. Es hieß stets, dass Saudi-Arabien im Bedarfsfall auf pakistanische Atombomben zurückgreifen würde – und sich selbst welche beschafft, falls sich der Iran nuklear bewaffnet. Heute sind Riads Beziehungen zu Islamabad angespannt und die zu Israel besser als je zuvor: Was nicht heißt, dass Israel damit einverstanden wäre, wenn auch Saudi-Arabien ein hochentwickeltes Atomland wird. (Gudrun Harrer, 2.11.2017)

  • Das Kernkraftwerk Barakah (hier ein Foto vom Juni) in den Vereinigten Arabischen Emiraten wird 2018 fertiggebaut sein.
    foto: apa/afp / arun girija

    Das Kernkraftwerk Barakah (hier ein Foto vom Juni) in den Vereinigten Arabischen Emiraten wird 2018 fertiggebaut sein.

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