Expertin: Klimawandel kann nicht "wie eine Gleichung" gelöst werden

    31. Oktober 2017, 12:50
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    Podiumsdiskussion über "wissenschaftliche Erkenntnisse und heikle Prognosen" zum "Dauerbrenner" Klimawandel

    Wien – Den Übergang in eine nahezu emissionsfreie Wirtschaft zu ebnen ist die größte Herausforderung der sogenannten Transformationsforschung. "Die Verursacher sind aber die gleichen, die das System reparieren wollen", brachte Montagabend Umwelthistorikerin Verena Winiwarter eines von mehreren Paradoxa des Klimawandels auf den Punkt. Dieser könne zudem nicht "wie eine Gleichung gelöst werden".

    Mit dem Seitenhieb auf die Verursacher bezog sich Winiwarter im Rahmen eines vom Wissenschaftsministerium veranstalteten "Science Talk" in Wien unter anderem auf die Teilnehmer von Klimakonferenzen, die dazu aus aller Welt per Flugzeug anreisen. Warum sich das Thema Klimawandel aber generell im Gegensatz zu ebenso großen Problemen wie der steigende Bodenverbrauch in den Medien als "Dauerbrenner" erweist, erklärt sich für die an der Universität Klagenfurt tätige "Wissenschafterin des Jahres 2013" aus der Nachrichtenwerttheorie heraus, wonach schlechte Nachrichten eben doch gute Nachrichten sind: "Der Klimawandel ist das große Drama. Da gibt es Schurken, Helden und einen Gral." Der "Heilige Gral" liege nun in der Herausforderung, das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten.

    CO2-Reduktion um 80 Prozent

    Gemeint ist das im Zuge des Pariser Klimaabkommens Ende 2015 von fast 200 Ländern vereinbarte Ziel, die Erderwärmung auf ein beherrschbares Maß von deutlich unter zwei Grad, möglichst auf 1,5 Grad, im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Gelingen kann das nur, wenn die Emissionen an Treibhausgasen, allen voran CO2, bis 2050 um 80 Prozent reduziert werden, rechnete Gottfried Kirchengast vom Wegener Center für Klima und Globalen Wandel (WEGC) und dem Institut für Physik an der Universität Graz, vor.

    Seit Veröffentlichung des 5.000 Seiten starken Weltklimaberichts durch den Weltklimarat IPCC 2014 hat es laut Kirchengast wissenschaftliche Fortschritte in mehreren Bereichen gegeben, unter anderem in der Messtechnik: "Wir verstehen die Entstehung und Verteilung von CO2 mittlerweile so gut, dass wir den anthropogenen Anteil herausrechnen können." Seit der vorindustriellen Zeit ist der Anteil von CO2 in der Atmosphäre von ungefähr 280 ppm (parts per million) auf aktuell über 400 ppm gestiegen. Allein in den vergangenen paar Jahrzehnten habe der menschengemachte CO2-Anteil davon 90 Prozent betragen.

    Lösungen für eine nahezu emissionsfreie Wirtschaft

    Die Transformationsforschung könne zahlreiche Lösungsvorschläge erbringen, um eine nahezu emissionsfreie Wirtschaft zu ermöglichen, ist Kirchengast überzeugt. Allein in der Landwirtschaft ließen sich mit einer regenerativen Bodenbewirtschaftung, etwa dem Aufbau von Humus und Einsparungen beim Dünger, jährlich zehn bis 15 Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen einsparen. Zum Vergleich: In Österreich werden pro Jahr rund 80 Millionen Tonnen fossile Emissionen produziert.

    Wissenschaftliche Daten stehen also in enormer Fülle zur Verfügung, nicht zuletzt durch den 2014 präsentierten österreichischen Sachstandsbericht. Wichtig sei es daher, sich auf Dinge zu konzentrieren, die man noch nicht wisse, warf Gerhard Wotawa, Meteorologe an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) und Obmann des Climate Change Centre Austria (CCCA), ein. "Wir wissen zum Beispiel noch nicht genau, wie sich der Anstieg der Temperatur auf Extremereignisse auswirkt."

    Viele Parameter

    Zur Veranschaulichung des Klimawandels werden neben abgemagerten Eisbären auch gerne schmelzende Gletscher herangezogen. Doch die wissenschaftliche Arbeit dahinter ist alles andere als einfach. Der Teufel steckt in den unzähligen Parametern, die es bei der Forschung in der "sehr inhomogenen Gebirgswelt" zu berücksichtigen gelte, sagte Andrea Fischer vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung an der Akademie der Wissenschaften (ÖAW): "Wir müssen an vielen Plätzen messen, und wir brauchen sehr lange Zeitreihen."

    Entsprechend vorsichtig müsse man bei der Angabe von historischen CO2-Konzentrationen wie beim Wert 280 ppm sein und bei den Schlussfolgerungen daraus – dieser sei nur ein Mittelwert mit einer hohen Schwankungsbreite. In die Zukunft gerichtet, überwiegt trotz verschwindender Gletscher und voranschreitenden Klimawandels der Optimismus: "Der Mensch hat mindestens 7.000 Mal das Rad neu erfunden, er wird auch dieses Problem lösen." (APA, 31.10.2017)

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