Kreditschützer erwarten 2018 Verdopplung der Privatinsolvenzen

30. Oktober 2017, 10:18
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Heuer haben laut Creditreform zahlreiche Menschen auf die neuen Regeln zugewartet

Wien – Die Zahl der Privatinsolvenzverfahren könnte sich 2018 auf 15.000 verdoppeln, erwarten Experten. Grund ist das Zuwarten auf die neuen Privatinsolvenzrechtsregeln, die am 1. November in Kraft treten. Zuletzt gab es einen regelrechten Einbruch bei der Zahl der eröffneten Privatinsolvenzverfahren. Auch die Firmenpleiten sind in den ersten neun Monaten 2017 im Zehnjahrestief, so die Creditreform.

Auch die Insolvenzstatistik des Gläubigerschutzverbandes Creditreform zeigt für die ersten drei Quartale heuer also einen Rückgang bei Firmen- und vor allem bei Privatinsolvenzen. Unternehmensinsolvenzen wurden mit 2.327 um 7,1 Prozent weniger eröffnet. Das ist der niedrigste Stand seit zehn Jahren. Privatpleiten wurden mit 4.796 um 22,6 Prozent weniger eröffnet.

Warten auf November

"Alle warten auf den 1. November", so Creditreform-Geschäftsführer Gerhard Weinhofer über den bisherigen Rückgang der Privatpleiten heuer. "Dann tritt das neue Privatinsolvenzrecht in Kraft." Seit Bekanntwerden des neuen Gesetzes, das die Entschuldung etwas erleichtern soll, seien die Insolvenzeröffnungsanträge seit dem Frühjahr kontinuierlich zurückgegangen. "Die wahrscheinlich ab dem vierten Quartal stark zunehmenden Insolvenzanträge werden erst im kommenden Jahr wieder zu mehr Privatinsolvenzverfahren führen", so der Experte. "Es ist durchaus vorstellbar, dass sich dann die Zahl der Insolvenzen auf 15.000 Verfahren verdoppelt."

Ab 1. November gelten neue Regeln für den Privatkonkurs. Damit ist künftig keine Mindestquote mehr nötig. Aus Sicht der Schuldenberatung ermöglicht das künftig auch Menschen mit sehr geringem Einkommen oder sehr hohen Schulden, sich mit einem Privatkonkurs zu entschulden. Künftig müssen nur mehr fünf statt sieben Jahre lang alle Einkommen über dem Existenzminimum abgeliefert werden (Abschöpfung).

"Große Erleichterung" für Betroffene

Als Übergangsregel dürften Betroffene auch in derzeit schon laufenden Fällen einen Antrag auf Restschuldbefreiung ohne Mindestquote stellen. Damit müssen sie nicht mehr die Quote aus dem Existenzminimum bedienen. "Für betroffene Menschen bedeutet das eine große Erleichterung, die schon jetzt in den Schuldenberatungen bemerkbar ist", sagt Clemens Mitterlehner, Geschäftsführer der ASB Schuldnerberatungen GmbH, Dachorganisation der staatlich anerkannten Schuldenberatungen, in einer Aussendung. Damit könne die Schuldenberatung Menschen eine Perspektive anbieten, "egal wie hoch die Schulden sind und auch wenn nur ein geringes Einkommen vorliegt".

Was sich ab 1. November ändert:

  • Insolvenzeröffnung: Erfolgt sofort, nicht erst nach Scheitern eines außergerichtlichen Ausgleichs. Wie bisher erfolgt als erstes ein Exekutions- und Zinsstopp. Dann beginnt die Vermögensverwertung.
  • Zahlungsplan: Hier ist – neu – kein Angebot des Schuldners zum Zahlungsplan notwendig, wenn das Einkommen unter oder nur geringfügig über dem Existenzminimum liegt.
    Wie bisher braucht es eine Zustimmung der Gläubigermehrheit und auch die Rückzahlungsquote muss wie bisher zumindest voraussichtlich fixiert werden.
    Großer Unterschied ist, dass die Mindestquote von 10 Prozent fällt. Einigen muss man sich auch wie bisher aufs pfändbare Einkommen der nächsten 5 Jahre und auf Teilzahlungen für maximal 7 Jahre.
  • Bei Annahme des Zahlungsplanes: Wie bisher kommt es bei Annahme und fristgerechter Erfüllung zur Restschuldbefreiung.
  • Bei Ablehnung des Zahlungsplanes kommt es zu einem Abschöpfungsverfahren. Hier gibt es die bisherigen 7 Jahre Leben am Existenzminimum nicht mehr und auch die mindestens 10 Prozent der Schulden müssen nicht abbezahlt werden. Man muss zwar weiterhin am Existenzminimum leben, allerdings ohne die Mindestquote. So sollen mehr Menschen den Privatkonkurs schaffen als bisher. Kürzest mögliche Dauer sind künftig 5 Jahre. Auch der Zahlungsplan läuft mindestens 5 und maximal 7 Jahre.
    Bei der Einhaltung der Verpflichtungen kommt es zur Restschuldbefreiung – ohne Erfüllung der bisherigen Mindestquote. Ein Scheitern der Abschöpfung soll nicht mehr geschehen. Bisher lebten dann alle Schulden und Zinsen wieder auf. Künftig soll man dank des Entfalls der Quote die Entschuldung fix schaffen. (APA, 30.10.2017)
  • Im kommenden Jahr könnte sich die Zahl der Privatinsolvenzen auf 15.000 Verfahren verdoppeln.
    foto: apa/alexander heinl

    Im kommenden Jahr könnte sich die Zahl der Privatinsolvenzen auf 15.000 Verfahren verdoppeln.

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