Julya Rabinowich: Hausieren gehen

27. Oktober 2017, 17:40
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Wo Felix Baumgartner für die Rechte der Frauen kämpft, sind gewisse Achtsamkeiten nicht unangebracht

Die Diskussion mit dem Hashtag #MeToo wuchs auch in der heimischen Landschaft erst durch Mut erfordende Outings der Betroffenen von Corinna Milborn bis Maxi Blaha in die Breite und anschließend durch einen – nicht gerade wirklich durchdachten und empathischen – Einwurf der Nina Proll in die Tiefe, die so tief war, dass der Profi-Abstürzler Felix Baumgartner sich an ihr unbedingt beteiligen wollte.

Und wo Felix Baumgartner für die Rechte der Frauen kämpft, sind gewisse Achtsamkeiten nicht unangebracht. Das Erfreuliche an #MeToo war unter anderem eine große, solidarische Resonanz bei vielen Männern. Aber wie die meisten Themen, die mit Frauen, die etwas publik machen, zu tun haben, lockte es auch hier aggressive, bösartige Kommentierer auf den Plan – in Real Life und in Social Media.

Hier ein paar Entwirrversuche: #MeToo ist in meinen Augen ein wichtiger Beitrag. Immer noch schweigen sehr viele Frauen (und auch Männer), die sexuelle Übergriffe erlebt haben, aus falscher Scham. Genau deswegen ist die Bezeichnung "damit hausieren gehen" von Frau Proll ein kleiner Anschlag auf alle Betroffenen, die daraufhin vielleicht noch länger schweigen werden.

Es wäre übrigens auch durchaus sinnvoll, Menschen, die auf dementsprechende Erfahrungen zurückblicken, nicht pauschal als hysterisch, unbrauchbar, verklemmt und/oder unattraktiv zu bezeichnen. Das hilft einer ernsthaften Diskussion ungemein auf die Sprünge.

Und nein, eine Belästigung ist kein Kompliment. Wenn man nicht sicher ist, hilft ein Anprobieren. Würde man es gut finden, wenn Tochter, Freundin, Bekannte, Kollegin so etwas zu hören oder zu spüren bekämen? Wenn nicht, ist die Sache klar. "So sind Männer eben" ist kein Argument. Manche Männer sind so. Die meisten nicht.

Und jene, die übergriffig sind, sollen auch als Täter bezeichnet werden können – am besten auch von anderen Männern. Solange wir nicht erreicht haben, dass sich der Täter und nicht das Opfer schmutzig fühlt, sind wir auch nicht am Ziel. (Julya Rabinowich, 28.10.2017)

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