Der Mondknoten im Widder und die Chemie, die stimmt

Kolumne29. Oktober 2017, 10:00
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"ÖVP-Chef Sebastian Kurz und FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache sind auf dem Weg neue beste Freunde zu werden"

Nachdem alles vorbei war, setzten die Enthüllungen ein, die nichts Neues mehr bringen konnten, weil alles schon monatelang durchgekaut worden ist. "Profil" versuchte sich dennoch an einem Psychogramm des Mr. Bombasti. Wer den schwer fassbaren Wahlsieger verstehen will, muss seine politische Sozialisierung studieren, verschrieb sich das Magazin einer Aufgabe, die von der "Kronen Zeitung" längst in gewohntem soziologischem Tiefgang gelöst war. In "News" versuchte man der Erscheinung Kurz noch etwas Originelles abzugewinnen, indem man sie in eine Generation Kurz auswalzte, deren innerer Gehalt darin bestehen soll, eine Generation der schroffen Gegensätze zu sein. Bewiesen sollte das in einer Reihe von Interviews mit Menschen verschiedenen Geschlechts werden, von denen im Gegensatz zu Kurz keine/r je Bundeskanzler werden wird, aber im Gegensatz zu ihm auch keine/r besonderes Interesse an einer solchen Karriere an den Tag legte. Wie gesagt – lauter Gegensätze.

Die "Krone" war in dieser Nachwahlsituation ihrer Konkurrenz wieder einmal weit voraus. Ihr war zu entnehmen, wie Kurz ein verpfuschtes Leben in Heiterkeit auslebt. Schließlich hatte er eine völlig andere Lebensplanung: "Mit 34 mach' ich eine MBA, mit 44 arbeite ich in einem Unternehmen, mit 54 bin ich selbständig!" Für all dies wäre es in seinem Alter noch nicht zu spät, Umkehr möglich. Doch das Schicksal will es anders. Erst 31, aber: Mein Job ist es, den Menschen zu dienen und Probleme zu lösen. Dafür werde ich bezahlt.

Kotau vor der "Lieblingsastrologin"

Sicher nicht ausreichend, haben sich sogar die Gestirne entschlossen, ihn verehrend zu umkreisen, wie sich Conny Bischofberger von ihrer Lieblingsastrologin bestätigen ließ. "Mars im Steinbock: hochgradige Selbstkontrolle, berechnend. Sonne in der Jungfrau: Arbeitstier, Perfektionist. Mond in den Zwillingen: schnell und schlagfertig. Aufsteigender Mondknoten im Widder: geht auf sanfte Art mit dem Kopf durch die Wand. Und schließlich Pluto im Skorpion: meidet keine Machtkämpfe, gibt nie auf." Wollen Sie protestieren? Nur wer es sich mit dem aufsteigenden Mondknoten im Widder verscherzen will, würde da protestieren. Nein, nein. Ich respektiere das! macht das Arbeitstier seinen Kotau vor der Lieblingsastrologin der Frau Bischofberger.

Am selben Tag hatte die "Krone" noch anderen Grund zur Freude: Da stimmt scheinbar die Chemie – ÖVP-Chef Sebastian Kurz und FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache sind auf dem Weg neue beste Freunde zu werden. Die Frauen der beiden waren, wie man "Österreich" und dem "Kurier" entnehmen konnte, auf diesem Weg schon weiter. Frauen von Kurz & Strache haben Koalition geschafft, jubelte Wolfgang Fellner über die neue Frauenfreundschaft. "Sie ist ein wahnsinnig netter Mensch", sagte Frau Strache über die Kurz-Freundin, da ist es egal, wer welcher Partei angehört". Solange es nicht egal ist, wer zu welchem Mann gehört, hängt der Koalitionssegen noch nicht schief.

"Doppelgänger-Wettkampf"

Der "Kurier" war ganz aus dem Häuschen, ob so viel Egalität. Beide sind blond, haben langes Haar, die gleiche Augenfarbe, tragen am Wahlabend ein ähnliches Outfit und sind fast gleich alt, was man von den Männern nicht sagen kann. Die Ähnlichkeiten veranlassten sogar die deutsche Tageszeitung "Die Welt", von einem "Wiener Partnerinnen-Look" zu sprechen. Und kommentierte weiter, "man könnte meinen, sie hätten sich für einen Doppelgänger-Wettkampf angemeldet". Aber was weiß schon "Die Welt"! Die Unterschiede zwischen den beiden sind enorm. Die eine arbeitet im Finanzministerium, die andere versucht nun, als Moderatorin ein eigenes Standbein aufzubauen.

Auch belehrend waren die Reaktionen von "Krone"-Lesern auf Barbara Stöckls "Nighttalk", bei dem der freiheitliche "Krone"-Kolumnist Tassilo Wallentin und Robert Menasse auftraten. Der eine Realist und volksnah, der andere von der Volksmeinung ungefähr so weit entfernt wie die Erde von der Milchstraße. Das war, wo es um Europa ging, streng biologistisch, wenn auch kronologisch leicht zu beweisen. Früher galt die Blutgrenze, heute: Man kann nicht ungestraft über Naturgesetzlichkeiten hinweggehen. Jede kleinste Zelle im Körper hat als Grenze eine Zellmembran, die Zellen zusammen bilden Organe für verschiedene Aufgaben. Man kann den Tempel Europas nicht aufbauen, während man gleichzeitig seine Säulen (die Nationen), auf denen er ruht, zerschlägt.

Merk's Menasse: So geht es, wenn man Bücher schreibt statt "Krone" -Kolumnen. (Günter Traxler, 29.10.2017)

  • Kurz und Strache am Mittwoch bei der Pressekonferenz nach der ersten Runde der Koalitionsverhandlungen zwischen der ÖVP und der FPÖ.
    foto: apa/helmut fohringer

    Kurz und Strache am Mittwoch bei der Pressekonferenz nach der ersten Runde der Koalitionsverhandlungen zwischen der ÖVP und der FPÖ.

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