Errungenschaften der Sowjetunion: "Obervolta mit Atomraketen"

    28. Oktober 2017, 13:08
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    Die späte Sowjetunion war ein absurdes Gebilde: eine atomare Supermacht, angewiesen auf den Import von Gütern wie Schuhe

    Als der damalige Bundespräsident Rudolf Kirchschläger 1982 zu einem Staatsbesuch in die Sowjetunion reiste, zeigte man ihm auch die Errungenschaften der sowjetischen Raumfahrt im "Sternenstädtchen" bei Moskau. Ein gewitzter Presseattaché an der österreichischen Botschaft führte aber ein paar Journalisten stattdessen zu einer Tour durch den "real existierenden Sozialismus" im Moskauer Alltag:

    Läden, in denen es absolut nichts zu kaufen gab – außer Alkoholika satt; das Geheimnis des Einkaufsnetzes, das praktisch jeder Sowjetbürger immer mit sich führte, für den Fall, dass es einmal etwas, irgendetwas zu kaufen gab; oder das Geheimnis der riesigen Bretterzäune in den Moskauer Parks: Dahinter verbargen sich jeweils hunderte Tagestrinker, die man nicht zur Arbeit treiben konnte, und so halt einfach abplankte.

    Die späte Sowjetunion Leonid Breschnews war ein absurdes Gebilde. Eine atomare Supermacht, angewiesen auf den Import von Gütern wie Schuhe (sehr beliebt: Humanic), in der ein Bic-Einwegfeuerzeug, das man westlichen Touristen abschwatzte, ein Statussymbol war.

    "Obervolta mit Atomraketen", so nannte der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt die UdSSR (der bitterarme afrikanische Staat Obervolta heißt heute Burkina Faso). Die Sowjetunion steckte so riesige Mittel in die Aufrüstung (und in die Subventionierung anderer "sozialistischer Staaten" bzw. die Aufrechterhaltung ihres osteuropäischen Imperiums), dass in dieser reinen Kommandowirtschaft für anderes kein Geld blieb.

    Aber die vielzitierten, von westlichen Linken gläubig nachgebeteten "Errungenschaften der Sowjetunion", die hatte es doch gegeben, oder?

    In gewissem Sinn ja. Der KGB unterdrückte jede politische Dissidenz. Aber die Tagestrinker hinter den Bretterzäunen, die hätte man unter Stalin erschossen. Verglichen mit dem äußerst kargen Leben der Werktätigen vorher wurde es nach dem Krieg langsam besser.

    Statt der "Kommunalka" (drei Familien, zwangseingewiesen in einer Kleinwohnung) gab es nun Plattenbauten. Die riesigen Industriekombinate verschmutzten zwar die Umwelt, bauten aber Erholungsheime für die Belegschaft. Die Gehälter waren niedrig, aber die Arbeiter praktisch unkündbar.

    Finanziert wurde das letztlich durch den Rohstoffreichtum der UdSSR. Es war unwirtschaftlich, unproduktiv, technischen Fortschritt gab es nur in wenigen Spitzenbereichen. Die Fälschung von Statistiken wurde die Hauptbeschäftigung des Managements. Privater Anreiz war verboten. 1989 betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der UdSSR nur 28 Prozent desjenigen der USA, bei einer um 40 Millionen höheren Bevölkerungszahl (Russland heute hat ein kleineres BIP als Frankreich). Und eines Tages funktionierte das Ganze eben nicht mehr. (Hans Rauscher, 28.10.2017)

    • Militärparade am 1. Mai 1966 auf dem Roten Platz in Moskau: Die UdSSR war eine Supermacht, in der es außer Wodka nichts zu kaufen gab.
      foto: picturedesk.com / ullstein bild

      Militärparade am 1. Mai 1966 auf dem Roten Platz in Moskau: Die UdSSR war eine Supermacht, in der es außer Wodka nichts zu kaufen gab.

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