Österreichische Medizinerin geht für ein Jahr in die Antarktis

    27. Oktober 2017, 11:32
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    Carmen Possnig wird Daten sammeln, die künftigen Weltraummissionen zugute kommen sollen

    foto: apa/hans klaus techt

    Wien/Antarktis – Ein Jahr Isolation, bis zu minus 80 Grad Celsius, vier Monate Dunkelheit und ein Sauerstoffgehalt und Luftdruck wie auf knapp 4.000 Metern Seehöhe – das erwartet die 28-jährige österreichische Medizinerin Carmen Possnig. Sie wird ab Dezember im Auftrag der Europäischen Raumfahrtagentur ESA ein Jahr lang in der französisch-italienischen Antarktis-Station Concordia forschen.

    Das zweieinhalbwöchige Training für ihren Antarktis-Aufenthalt hat sie soeben abgeschlossen. "Wir waren zunächst eine Woche in Chamonix am Mont Blanc für ein höhenmedizinisches Training und Bergrettungs-Instruktionen für Notfälle", berichtet die gebürtige Klagenfurterin . Daran schloss ein Trainingsprogramm in Brest an, wo Possnig nicht nur ihre Crew kennenlernte, sondern auch psychologische und gruppendynamische Tipps sowie Informationen über die seit 2005 bestehende Station Dome Concordia in der Ostantarktis erhielt.

    Hintergrund

    Betrieben wird die Station von Frankreich und Italien. Laut Possnig sind während des antarktischen Sommers bis zu 60 Personen dort stationiert, im Winter nur 13. Die ESA sponsert jährlich einen Mediziner, der mit den übrigen Crew-Mitgliedern verschiedene Experimente durchführt. Possnig, die in Graz Medizin studiert und erst im September ihre Ausbildung zur Allgemeinmedizinerin in Wien abgeschlossen hat, hat sich dabei gegen rund 150 Bewerber aus den ESA-Mitgliedsländern durchgesetzt.

    Abgesehen von der Österreicherin besteht die Winter-Crew aus sechs Franzosen und sechs Italienern, neben Possnig gibt es nur eine weitere Frau. Sechs Mitglieder der Besatzung sind Forscher, die übrigen für den Betrieb der Station zuständig, also etwa Koch, Techniker, usw.

    Der Fahrplan

    Am 18. November geht es los für die Medizinerin, zunächst nach Neuseeland. Von dort fliegt sie bis zur italienischen Mario-Zucchelli-Station an der Küste der Ostantarktis. Mit einem kleinen Flugzeug wird Possnig schließlich zur 1.200 Kilometer entfernten Concordia -Station gebracht. "Wir müssen sogar einmal im Irgendwo zwischenlanden, um aufzutanken", schildert sie die abenteuerliche Anreise, die um den 20. oder 21. November auf der Station endet.

    Bis Dezember 2018 wird Possnig dann dort bleiben und dabei auch den antarktischen Winter mit kompletter Dunkelheit zwischen Mai und August erleben. Langweilig wird ihr dabei nicht, muss sie doch ein umfangreiches wissenschaftliches Programm absolvieren. Ihre Crew-Mitglieder dienen dabei auch als Versuchspersonen. Eine wichtige Aufgabe werde also auch die Motivation ihrer Kollegen sein, "sie dürfen aber jederzeit aufhören, wenn sie nicht mehr wollen", so Possnig.

    Raumschiffsteuerung im Eis

    Zumindest bei einem Experiment wird es der 28-Jährigen nicht schwer fallen, die Crew dafür zu begeistern: Mit einer Art Computerspiel wird sie untersuchen, wie sich im Laufe der Monate die Fähigkeiten verändern, ein Raumschiff zu steuern. Die interessanten Faktoren dabei sind die lange Isolation, wie es sie auch bei einem Mars-Flug gebe, sowie der vergleichsweise niedrige Sauerstoffgehalt in der Antarktis-Station, die auf 3.200 Meter Seehöhe liegt, aber aufgrund atmosphärischer Bedingungen einen Sauerstoffgehalt und Luftdruck hat wie auf knapp 4.000 Metern am Äquator.

    Für das Experiment wurde ein Teil des Cockpits der Sojus-Kapsel nachgebaut. Die Crew-Mitglieder müssen in dem Spiel mit zwei Joysticks die Sojus zur internationalen Raumstation ISS fliegen und dort andocken, wobei es verschiedene Szenarien und Herausforderungen zu bewältigen gibt.

    Medizinische Aspekte

    Possnig wird zudem untersuchen, wie sich der Körper innerhalb eines Jahres an den geringeren Sauerstoffgehalt der Luft und den niedrigen Luftdruck anpasst. Bisher gebe es keine Langzeitstudien dazu und die Concordia-Station sei dafür ein idealer Untersuchungsort. "Es wird spannend zu sehen, wie das da läuft und wie ich selbst auf Isolation, Dunkelheit und Kälte reagiere", sagte Possnig.

    Ein weiteres Projekt widmet sich dem sogenannten Mikrobiom, speziell der Darmflora. Jeder Mensch hat eine ganz individuelle Zusammensetzung von Mikroorganismen im Darm, Possnig will nun untersuchen, wie sich diese im Laufe der Monate in Isolation verändert.

    Abgesehen von diesen drei neuen Projekten wird Possnig auch ein Langzeitprojekt der Uni München fortführen. In diesem wird untersucht, wie das Immunsystem auf die praktisch sterile Umgebung in der Antarktis reagiert.

    Probensammlung

    Für all diese medizinischen Untersuchungen wird die Jungärztin den Crew-Mitgliedern regelmäßig Blut abnehmen, sowie Stuhl- und Harnproben sammeln. Das Gros der Proben wird tiefgekühlt und erst nach einem Jahr wieder in verschiedenen europäischen Laboratorien untersucht.

    Das Tiefkühlen ist recht einfach, Possnig kann die Proben einfach außerhalb der Station lagern. Auch wenn ihr in diesen Tagen bereits in Wien kalt gewesen ist, fürchtet sich die Ärztin nicht vor der Kälte: "Ich gehe davon aus, dass das Polargewand, das wir bekommen haben, wirklich hilft." Und raus aus der Station muss sie ohnehin regelmäßig: nicht nur um ihre Proben zu lagern, sondern auch um ihren Forscherkollegen beim Reinigen und Starten der Instrumente zu helfen.

    Marsflug wäre eine Überlegung wert

    Possnigs Entschluss, sich für diesen besonderen Job zu bewerben, kam nicht von ungefähr: "Ich habe mich bereits in meiner Diplomarbeit mit dem Training für Astronauten auf Langzeitflügen beschäftigt." Dabei sei sie auf die Antarktis-Station und zufällig dann auch auf die Stellenausschreibung aufmerksam geworden. Abgesehen von ihrer Motivation, mitzuhelfen, zukünftige Raumflüge zu ermöglichen, nennt sie auch "Abenteuerlust und Entdeckergeist" als Antrieb für das Jahr in der Antarktis. Possnig: "Ich bin zu spät für Cooks oder Shackletons Expeditionen geboren, aber wahrscheinlich zu früh für Star-Trek-artige Dinge."

    Auch einer Reise ins All stehe sie alles andere als abgeneigt gegenüber: "Aber nicht so nach dem Motto 'Wir fliegen zum Mars und bleiben ein Leben lang dort'. Wenn sie mich aber in fünf Jahren wieder abholen, wäre das okay", sagte die Medizinerin. (APA, red, 25. 10. 2017)

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