Saxofonist Clemens Salesny: Im Fahrstuhl der Eingebung

    Gespräch27. Oktober 2017, 11:17
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    Der bedeutende österreichische Musiker präsentiert am Freitag im Porgy & Bess die CD "Jekyll & Hyde". Ein Gespräch über Miles Davis, das improvisatorische Komponieren und Erfahrungen mit Joe Zawinul

    Wien – Es lernt der aufstrebende Jazzer natürlich von alten Hasen. Die Begegnung mit Joe Zawinul war für Clemens Salesny zweifellos ja auch interessant. "Ich habe bei einem Big-Band-Projekt mitgewirkt, das seine Stücke umgesetzt hat. Zawinul war nett. Obwohl: Als er hereinkam, hatte die Rhythmusgruppe schon zu spielen begonnen – er aber brachte gleich Einwände. Das sei alles überhaupt nix", habe Zawinul gegrantelt, "und dann allen selbst vorgespielt", wie es zu klingen habe ...

    Den zart-ruppigen Auftritt wird Salesny wahrscheinlich nicht in sein kommunikatives Repertoire aufgenommen haben. Der Saxofonist, der, was Stile und Ausdruck anbelangt, zum Niveauvollsten und Vielseitigsten gehört, das die Szene zu bieten hat, ist tendenziell der still-nachdenklichen Fraktion zuzuordnen.

    Spuren davon sind auch im Klangbild von Jekyll & Hyde zu finden, jener CD, die Salesny am Freitag im Porgy & Bess präsentiert. Die Einspielung profitiert von smarter Kommunikation innerhalb eines "Traumquartetts" (Salesny), das mittlerweile seit zehn Jahren zusammenarbeitet.

    Bassist Raphael Preuschl, Vibrafonist Woody Schabata und Herbert Joos, Trompeter und Flügelhornist, produzieren konzentrierte Strukturen, deren klangliche Aura auch historische Vorbilder grüßen lässt. "Ich bin mit Herbert Joos zum Schluss gekommen, dass die Musik zu Louis Malles Film Fahrstuhl zum Schafott mit der Atmosphäre unserer Arbeit deutlich korrespondiert." Zur Erinnerung: Trompeter Miles Davis hatte in einer Nachtsession mit Band einen coolen, nur durch kurze Hard-Bop-Episoden durchbrochenen Soundtrack improvisiert.

    Die Geburt eines Stückes

    Salesny sieht Verwandtschaft auch im methodischen Ansatz. Auf der frischen CD finden sich nervöse Themen, Balladen und Reminiszenzen an die Prä-Bebop-Ära. Manche Stücke sind jedoch ausschließlich der spontanen kollektiven Eingebung entsprungen. "Das ist zwar nicht mehr zu erkennen, da die Kompositionen letztlich eine Form erhalten haben. Festgelegt waren jedoch zuvor nur Energie und Atmosphäre." Etwas Schnellem sollte also etwas Langsames folgen, das waren die Maximalvorgaben – "der Rest war frei".

    Die Improvisation – als Disziplin – hat Saxofonist Salesny (1980 in Scheibbs geboren) zum Jazz getrieben. "Beim ersten Livekonzert, das ich gehört habe – es war eine Grazer Big Band am Werk -, fand ich diese Art der Freiheit faszinierend: Da steht einer auf, das Kollektiv lauscht, er spielt, es herrscht ein Hauch von Ungewissheit. Die Freiheit war – im Rückblick gesehen – in einer Big Band natürlich nicht sehr groß." Dennoch wirkungsvoll.

    Seine Intention als mittlerweile sehr erfahrener Improvisator beschreibt Salesny als "Wunsch, etwas zu produzieren, an das sich zu erinnern auch lohnt – wenigstens in Teilen. Es klingt abgegriffen, aber es geht darum, in Noten Geschichten zu erzählen. Wobei es natürlich die Versuchung gibt, jene Dinge zu wiederholen, die gut funktionieren."

    Welche Techniken dagegen helfen, bleibt wohl individuell. "Ich habe gehört, dass Saxofonist Wayne Shorter beim Improvisieren verschiedene Charaktere aus Filmen imaginiert." Der ist aber auch ein Filmfreak. (Ljubisa Tosic, 27.10.2017)

    27. 10. Porgy & Bess, Salesny/Schabata/Preuschl/Joos. An diesem Abend hört man auch Angelika Niescier & Judith Ferstl mit "Insomnia", 20.30

    Porgy & Bess

    • Clemens Salesny: "Ich habe gehört, dass Wayne Shorter beim Improvisieren verschiedene Filmcharaktere imaginiert."
      foto: archiv

      Clemens Salesny: "Ich habe gehört, dass Wayne Shorter beim Improvisieren verschiedene Filmcharaktere imaginiert."

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