Wifo: Kollektivverträge wackeln ohne Pflichtmitgliedschaft

Video26. Oktober 2017, 10:55
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Wifo-Experte Leoni: Ohne Pflichtmitgliedschaft sinkt Kollektivvertrags-Quote

Wien – Im Vorfeld der schwarz-blauen Koalitionsverhandlungen ist auch die Pflichtmitgliedschaft der Kammern wieder zum Thema geworden. FPÖ und Neos haben ihre Abschaffung im Wahlkampf gefordert – und gemeinsam mit der ÖVP hätten sie nun die nötige Verfassungsmehrheit. Allerdings kämen mit dem Ende der Pflichtmitgliedschaft auch die Kollektivverträge unter Druck, sagt Thomas Leoni vom Wifo.

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Die Pflichtmitgliedschaft in der Arbeiter- und der Wirtschaftskammer ist gesetzlich geregelt und seit Jänner 2008 zusätzlich verfassungsrechtlich abgesichert. "Die Republik anerkennt die Rolle der Sozialpartner. Sie achtet deren Autonomie und fördert den sozialpartnerschaftlichen Dialog durch die Einrichtung von Selbstverwaltungskörpern", heißt es im Artikel 120a.

Dass alle Arbeitnehmer (mit Ausnahme der öffentlich Bediensteten) und alle Unternehmer den jeweiligen Kammern angehören müssen, ist im Arbeiterkammer- und im Wirtschaftskammergesetz geregelt. Die Wirtschaftskammer zählt 506.145 Mitglieder, der Großteil Einzelunternehmer. Sie zahlen nach Angaben der Kammer 541 Millionen Euro "Kammerumlage". Die Arbeiterkammer beziffert die Einnahmen aus den Beiträgen ihrer 3,64 Millionen Mitglieder mit 432,6 Millionen Euro.

Lohndumping-Gefahr

AK-Direktor Christoph Klein warnt nun davor, dass ein Ende der Pflichtmitgliedschaft in der Wirtschaftskammer auch die Kollektivverträge gefährden würde. Rolf Gleissner von der Abteilung Sozialpolitik der Wirtschaftskammer sieht das ähnlich. Er erklärt das damit, dass der Großteil der rund 500 Branchenverträge vom jeweiligen Fachverband für alle Mitgliedsunternehmen verhandelt wird. Wer der Wirtschaftskammer angehört, ist damit automatisch auch an den jeweiligen Kollektivvertrag gebunden.

Dürften einzelne Unternehmen austreten, müssten sie auch den Kollektivvertrag nicht einhalten und könnten ihre Konkurrenten an der Lohnfront unterbieten. Damit sichere der Kollektivvertrag auch faire Wettbewerbsbedingungen für die Unternehmen, sagt Gleissner gegenüber der APA: "Der Wettbewerb nach unten soll nicht über die Löhne ausgetragen werden."

Österreich im Spitzenfeld

Bei der Reichweite der Kollektivverträge liegt Österreich gemeinsam mit Frankreich im Spitzenfeld: Laut den jüngsten verfügbaren OECD-Zahlen erfassten die Kollektivverträge 2013 98 Prozent der Arbeitnehmer in den beiden Ländern. In Deutschland waren es zu Beginn der 1990er Jahre noch 85 Prozent – zuletzt waren es nur noch 58. Als wesentlichen Faktor für eine hohe Kollektivvertrags-Abdeckung wertet die OECD den hohen Organisationsgrad der Arbeitgeber-Vertretungen – weniger spielentscheidend ist demnach die Stärke der Gewerkschaften.

Darauf verweist auch Thomas Leoni vom Wirtschaftsforschungsinstitut. "Je höher der Organisationsgrad bei den Arbeitgebern ist, umso höher ist die Kollektivvertrags-Abdeckungsquote", sagt Leoni gegenüber der APA. Dass die 98 Prozent ohne Pflichtmitgliedschaft in der Wirtschaftskammer zu halten wären, glaubt er nicht. Zwar sei unklar, in welchem Ausmaß und wie rasch die Kollektivverträge erodieren würden, aber: "Wenn die Pflichtmitgliedschaft aufgehoben wird, ist zu erwarten, dass die Kollektivvertrags-Abdeckungsquote über die Zeit sinken wird."

Kollektivverträge als "Produktivitätspeitsche"

Dass das derzeitige System alternativlos wäre, glaubt Leoni zwar nicht. Grundsätzlich könnten natürlich unterschiedliche Wege zum Erfolg führen. Für Österreich habe das Kollektivvertragssystem aber Vorteile gebracht, weil es als "Produktivitätspeitsche" für die Exportindustrie gewirkt habe. "Unternehmen, die besser da stehen, können sich mehr leisten. Die anderen kommen unter Druck und müssen produktiver werden, oder verschwinden vom Markt", erklärt Leoni.

Nicht umsonst lege die exportorientierte Metallindustrie bei den jährlichen KV-Verhandlungen die Messlatte für alle anderen Branchen. Wobei in schwierigen Jahren durchaus auch eine moderate Lohnentwicklung zu beobachten gewesen sei. Für eine kleine, offene Volkswirtschaft wie Österreich habe die "koordinierte Lohnfindung" daher bisher gut funktioniert. (APA, 26.10.2017)

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