Verpatzter Handelsstart: Bawag schleppt sich an die Börse

Analyse25. Oktober 2017, 15:12
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Der Kurs rutsche unmittelbar nach Handelsstart stark ab. Die angekündigte ATX-Aufnahme sollte kurzfristig die Nachfrage ankurbeln

Wien – Es hat sich schon kurz vor dem Ende der Zeichnungsfrist abgezeichnet, dass der Bawag-Börsengang aus Sicht der Investoren nicht der große Renner wird. Angesichts überschaubarer Nachfrage wurden die Papiere mit einem Stückpreis von 48 Euro am unteren Ende der Preisspanne von 47 bis 52 Euro zugeteilt – und konnten selbst dieses Niveau am ersten Handelstag nicht verteidigen. Kurz nach Beginn der Börsensitzung war das Papier bis auf 46 Euro abgesackt – ein Minus von mehr als vier Prozent.

Dabei war die Bawag als erste richtige Neueinführung seit mehr als drei Jahren – im Juni 2014 hatte der Flugzeugzulieferer FACC sein Börsendebüt gefeiert – von der Wiener Börse herbeigesehnt worden. Geworden ist es der bisher größte Gang an die Börse mit einem Emissionsvolumen von bis zu 1,93 Milliarden und einem Respektabstand auf die bisherige Nummer eins, als es die Strabag 2007 auf ein Volumen von 1,3 Milliarden brachte. Gemäß einer Erhebung der Beratungsgesellschaft PWC war es heuer in Europa der drittgrößte Börsengang, weltweit reicht es immer noch für die Top Ten.

Kurzfristige ATX-Aufnahme

Dementsprechend wurde der Handelsstart inszeniert: Bawag-Vorstandsvorsitzender Anas Abuzaakouk läutete mit Börsenchef Christoph Boschan ganz traditionell die Glocke, obwohl das bei dem elektronischen Handelssystem der Wiener Börse eigentlich nicht vonnöten gewesen wäre. "Wir freuen uns sehr, die Bawag an der Wiener Börse zu begrüßen", sagte Boschan anschließend und kundigte an, die Aktie bereits am zweiten Handelstag, also dem Freitag, statt RHI in den Leitindex ATX aufzunehmen. Die direkte Aufnahme in den Leitindex bringe stärkere Aufmerksamkeit für die Bawag.

Allerdings hat dieser Schnellschuss auch einen weiteren Effekt. Sämtliche Indexfonds, die den ATX eins zu eins abbilden, müssen zuvor die entsprechende Anzahl an Bawag-Aktien am Markt zukaufen, was dem Papier zusätzliche Nachfrage am ersten Handelstag beschert. Mit Erfolg, der Titel des Geldhauses konnte am frühen Nachmittag wieder bis auf 46,86 Euro zulegen und den Kursverlust auf 2,4 Prozent verringern. Für die Wiener Börse ist das Gelingen der Bawag-Einführung bedeutend, schließlich erhofft sich Boschan eine Vorbildwirkung für andere Börsekandidaten.

Kurspflege über Greenshoe

Aber es gibt bei einer Aktienplatzierung auch eine weitere Möglichkeit der Kurspflege: Von den 40,25 Millionen ausgegebenen Bawag-Aktien, das sind 39,9 Prozent der Anteile, zählen 5,25 Millionen zur sogenannten Mehrzuteilungsoption, auch Greenshoe genannt. Diese wird üblicherweise ausgeübt, um sehr große Nachfrage durch zusätzliche Papiere befriedigen zu können – was bei der Bawag offensichtlich nicht der Fall ist. Es geht aber auch anders: Wird die Option nicht oder nur teilweise gezogen, kaufen die Konsortialbanken – die Investmentbanken Citigroup, Credit Suisse, Goldman Sachs, JP Morgan und Morgan Stanley haben den Bawag-Börsengang begleitet – den Greenshoe wieder aus dem Markt und stützen dadurch den Kurs. Aufgrund der Differenz zwischen Ausgabepreis und Börsenkurs schaut dabei in der Regel sogar ein kleiner Gewinn heraus.

Zudem hat die rasche ATX-Aufnahme der Bawag einen unerfreulichen Nebeneffekt: Der mit einer Gewichtung von mehr als 29 Prozent schon zuvor sehr bankenlastige Wiener Leitindex wird künftig noch stärker von Wohl und Wehe heimischer Finanzinstitute abhängig. Dennoch ist das Börsendebüt der einstigen Gewerkschaftsbank – die Aktionäre rund um den US-Finanzinvestor Cerberus hatten sie 2007 um 3,2 Milliarden Euro gekauft, kassieren nun bis zu 1,93 Milliarden Euro und halten auch künftig die Mehrheit – für den Wiener Markt ein Gewinn, nachdem er in den vergangenen Jahren einige Abgänge zu verdauen hatte. (Alexander Hahn, 25.10.2017)

  • Die Chefs von Bawag und Wiener Börse, Anas Abuzaakouk und Christoph Boschan, läuten gemeinsam das Börsenleben der ehemaligen Gewerkschaftsbank ein.
    foto: apa/apa-fotoservice

    Die Chefs von Bawag und Wiener Börse, Anas Abuzaakouk und Christoph Boschan, läuten gemeinsam das Börsenleben der ehemaligen Gewerkschaftsbank ein.

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