Männerkarenz: Vor der Baustelle noch in den Kindergarten

    27. Oktober 2017, 12:58
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    EU-Projekt sammelt positive Beispiele für Vereinbarkeit von Beruf und Familie in "Männerbranchen"

    Wien – Ein Malereibetrieb in Niederösterreich mit 14 Mitarbeitern: Von den großteils männlichen Handwerkern, die Tag für Tag verschiedene Baustellen anfahren, sind natürlich auch einige Väter. Im Betrieb versucht man, möglichst flexibel auf sie einzugehen. Individuelle Gespräche mit den Mitarbeitern führten zu einer Betriebsvereinbarung: Einen Teil des Jahres wird nun nur vier Tage pro Woche gearbeitet, der Freitag ist frei. Die Stunden werden im restlichen Jahr hereingearbeitet. Bei den Baustellenanfahrten wird auf individuelle Wünsche – etwa wenn man ein Kind in den Kindergarten bringen möchte – möglichst Rücksicht genommen.

    Das Bemühen des Malerbetriebs bildet eines der Fallbeispiele ab, die im Rahmen des EU-Projekts "Männer und Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Wege zur gerechten Verteilung von Karenz-, Betreuungs- und Arbeitszeiten" gesammelt wurden. In dem vom Sozialministerium federführend geleiteten Projekt wurde aus Sicht von Beschäftigten und Arbeitgebern erhoben, welche betrieblichen Rahmenbedingungen für die Väterbeteiligung an der Betreuungsarbeit bestehen.

    Im Zentrum des Projekts, dessen Abschlussveranstaltung vergangene Woche stattfand, standen männerdominierte Branchen: Bau, Transport, Warenherstellung, Information und Kommunikation. "Bisherige Studien haben gezeigt, dass hier in puncto Vereinbarkeit bislang am wenigsten passiert ist", resümiert Nadja Bergmann vom Wiener Institut L&R Sozialforschung, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Claudia Sorger für die inhaltliche Projektleitung zuständig war. "Im Rahmen des Projekts haben wir nun gefragt: Wo gibt es dennoch positive Beispiele? Was hat sich in diesem Bereich trotzdem schon bewegt?" Neben einer Reihe von Klein- und Mittelbetrieben wie dem beschriebenen Malerbetrieb nahmen auch Großunternehmen wie die ÖBB, Cisco und Mondelez an der Studie teil.

    Die Forscherinnen konnten eine Reihe von Mustern und Trends identifizieren. Was die Väterkarenz betrifft, benötigt es in vielen Unternehmen und Abteilungen eine Initialzündung: Wenn sich einer traut, folgen oft später auch andere. "In vielen Großbetrieben hängt es vom direkten Vorgesetzten ab, was möglich ist", sagt Bergmann. "Teilweise wechseln Mitarbeiter in andere Abteilungen, weil dort ein anderer Umgang mit dem Thema herrscht."

    Kampf der Männer um längere Karenzzeiten

    Auffallend ist, dass die meisten Männerkarenzzeiten nicht länger als zwei Monate dauern. Während bei Frauen die Anstellung einer Vertretung selbstverständlich ist, wird das bei Männerkarenz oft durch Vor- oder Nacharbeit oder Kollegen, die einspringen, geregelt. "Selbst in guten Betrieben müssen Männer mehr dafür kämpfen, wenn sie länger als zwei Monate in Karenz gehen wollen", sagt Bergmann.

    Bei einer Arbeitszeitflexibilisierung zugunsten der Vereinbarkeit fällt auf, dass in den untersuchten Branchen Teilzeitmodelle kaum vorkommen. Eine Auswahl von Schichtmodellen, die verschiedene Bedürfnisse von Arbeitnehmern abdecken, sind positive Beispiele. Negativ ist den Studienautorinnen aufgefallen, dass in vielen betroffenen Betrieben "nicht einmal den Betriebsräten klar ist, dass das Elternteilzeitgesetz, das den Anspruch auf Arbeitszeitverkürzung regelt, auch für Männer gilt".

    Eine Erkenntnis: Man muss Männer explizit ansprechen, will man Vereinbarkeitsmaßnahmen fördern. "Die Beispiele zeigen, dass viele Männer sehr vorsichtig sind. Sie nehmen Angebote oft erst an, wenn sie wissen, dass sie keine Nachteile bringen", sagt die Forscherin. Familienfreundliche Ansätze werden oft nur als "Frauenmaßnahmen" betrachtet, wenn man nicht auch Männer hervorhebt. Bergmann: "Hier braucht es starke Signale." (pum, 27.10.2017)

    • Karenz für Männer dauert meist nicht länger als zwei Monate.
      foto: apa/dpa

      Karenz für Männer dauert meist nicht länger als zwei Monate.

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