Wie Firmen lernen, nachhaltig zu überleben

    29. Oktober 2017, 07:00
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    Wiener Managementforscher unterstützen Klein- und Familienbetriebe dabei, ihr Potenzial in Sachen Nachhaltigkeit zu ermitteln und zu nutzen.

    Wien – Vielen Konsumenten ist es heute nicht mehr egal, welche ökologischen und sozialen Folgen mit der Herstellung von Produkten verbunden sind. Kaufentscheidungen werden nicht mehr leichtfertig getroffen. Vor diesem Hintergrund hat sich auch der Begriff der Corporate Social Responsibility (CSR) entwickelt. Er beschreibt ein sozial und ökologisch verantwortungsbewusstes Wirtschaften von Betrieben und Unternehmen, das über die gesetzlichen Vorgaben hinausgeht.

    Um diese Art der Wirtschaft zu fördern, wurde von der Internationalen Organisation für Normung (ISO) eine sehr spezielle Norm erarbeitet: die ISO 26.000, ein "Leitfaden zur gesellschaftlichen Verantwortung". Mit der von Austrian Standards herausgegebenen ONR ISO 192.500 können diese Leitlinien direkt in das Management von größeren Betrieben und Organisationen integriert werden. Entsprechende Zertifikate liefern den Nachweis ihrer Einhaltung.

    Teure Zertifikate

    Was aber ist mit all den KMUs und Familienunternehmen, die in Österreich laut Wirtschaftsministerium mehr als 99 Prozent der Betriebe ausmachen? Für sie bedeutet es einen oft nicht leistbaren administrativen Aufwand, nach diesen Leitlinien vorzugehen oder gar Zertifikate zu erwerben.

    Um auch kleinen Betrieben nachhaltige und zugleich wirtschaftliche Lösungen für eine verantwortungsvolle Unternehmensführung anzubieten, wurde das Kompetenzteam für nachhaltiges, strategisches und chancenorientiertes Management von KMUs etabliert und mit der Entwicklung entsprechender Managementwerkzeuge beauftragt. Eingebunden ist dieses Team in den Forschungscluster für KMUs und Familienunternehmen der FH Wien der Wirtschaftskammer Wien, das Projekt wird von der Stadt Wien gefördert.

    "Als wir das Projekt vor eineinhalb Jahren starteten, haben wir zuerst nach positiven Beispielen gesucht und untersucht, was man von diesen Betrieben lernen kann", berichtet Projektleiterin Daniela Ortiz von der FH Wien.

    Eines dieser Beispiele ist etwa das Boutiquehotel Stadthalle im 15. Wiener Gemeindebezirk, dessen Nachhaltigkeitsambitionen sich durch das positive Feedback der Gäste nach und nach verstärkt haben. "Zunächst entschied man sich aus reinen Kostengründen für eine energieeffiziente Bauweise", so die Managementexpertin. Mittlerweile setze man auch in anderen Bereichen auf Nachhaltigkeit: "Für das Frühstück werden nur noch regionale und biologische Produkte angeboten, und wer mit Öffis statt mit Auto anreist, erhält einen Rabatt." Auch in Hinblick auf die Mitarbeiter bemüht man sich um Nachhaltigkeit. "Die Führung achtet auf ein gutes Betriebsklima, ermöglicht Weiterbildungen und kommt den Angestellten, soweit möglich, mit flexiblen Arbeitszeiten entgegen", fanden die Forscher heraus. "Das Ergebnis ist eine für den Hotelsektor niedrige Fluktuation."

    Ein Vorzeigeunternehmen in sozialer, ökologischer und ökonomischer Hinsicht ist auch die Ölmühle Fandler im oststeirischen Pöllau. Zwar ist Corporate Social Responsibility hier als Begriff und Managementform kein Thema, dennoch wird seit Jahren auf vielen Ebenen nachhaltig gewirtschaftet. Aus Überzeugung und wirtschaftlicher Vernunft. So achtet man etwa auf "Arbeitgeberattraktivität", um die Mitarbeiter möglichst langfristig an das Unternehmen zu binden. "Das ist gut für die Angestellten und das Unternehmen, das durch seine geografische Randlage in Hinblick auf Mitarbeiter nicht unbedingt aus dem Vollen schöpft", erläutert Ortiz.

    Kreislaufwirtschaft

    Die steirische Ölmühle zeige außerdem vor, wie nahe einander Nachhaltigkeit und innovative Produktentwicklung stehen. So landet der Presskuchen aus Nüssen, Kernen oder Saaten mittlerweile nicht mehr im Müll, sondern wird zu Biomehlen weiterverarbeitet. Das ist Kreislaufwirtschaft vom Feinsten. Und was sollen Betriebe in ganz anderen Sparten von diesen Nachhaltigkeitsvorbildern lernen? "Wir treten nicht mit einer Wunschliste an sie heran", sagt Ortiz. "Wir schauen uns vielmehr an, wie sie wirtschaften und was sie zum Überleben brauchen."

    Dazu haben die Forscher ein Diagnosemodell entwickelt, das den Betrieben ein Bild ihrer aktuellen Nachhaltigkeitssituation liefert. "Mit diesem Werkzeug können wir eventuelle Lücken erfassen und Möglichkeiten aufzeigen, wie sich wirtschaftlicher Erfolg mit ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit verbinden lässt." (Doris Griesser, 29.10.2017)

    • Wohin man im Supermarktregal greift, wird mittlerweile auch davon beeinflusst, wie sozial und ökologisch Produkte hergestellt werden.
      foto: apa/georg hochmuth

      Wohin man im Supermarktregal greift, wird mittlerweile auch davon beeinflusst, wie sozial und ökologisch Produkte hergestellt werden.

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