Mythenbildung durch Terrorfotos

    25. Oktober 2017, 12:00
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    Die Rolle von Kunst und Ästhetik bei politischen Revolutionen und Terror

    Linz – Moderne Kunst und Revolution unterhalten eine ambivalente Beziehung: Einerseits beruft sich die moderne Kunst gerne auf ihren revolutionären Charakter, andererseits wird sie von den politischen Revolutionären oft missachtet oder zensuriert. Den vielfältigen Bezügen zwischen Kunst und Revolution war eine Tagung von Thomas Macho, Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK), und Karin Harrasser, Professorin für Kulturwissenschaft an der Kunstuni Linz, gewidmet, die vergangene Woche in Linz stattfand.

    Einer der Schwerpunkte der Tagung war die Rolle der Kunst bei der russischen Oktoberrevolution, die vor hundert Jahren begonnen hat, sowie Bildästhetiken und Bildpolitiken ihrer Jahrestage. Daneben wurden auch zeitgenössische Positionen diskutiert, wie etwa das Verhältnis von Kunst und Terror.

    Nachahmungstaten inspirieren

    Die Veröffentlichung von Bildern ist im Zuge einer politisch motivierten Tat nie neutral, sagte Charlotte Klonk, Professorin am Institut für Kunst- und Bildgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin. "Wenn wir über die Bilder von Terroranschlägen reden oder schreiben, ist das immer unweigerlich im Interesse der Täter, weil die Bilder im Interesse der Täter sind."

    Seit einigen Jahren, insbesondere nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001, gebe es immer wieder Rufe, die die Fixierung auf die Täterbilder infrage stellen, da sie zu Mythenbildung führen und Nachahmungstaten inspirieren können.

    Unausweichliches Dilemma

    "Es ist tatsächlich ein Dilemma, dem man kaum entkommen kann", sagte Klonk. Denn Bilder, die den Tod von erkennbaren Opfern zeigen, verletzen zumeist die Würde der Abgebildeten und die Gefühle ihrer Angehörigen.

    Abbildungen der Täter wiederum tragen maßgeblich zu deren Stilisierung bei. "Es gibt kein Täterbild, das lediglich einen Menschen zeigt", sagte Klonk. "Für die einen veranschaulicht es einen Feind, für die anderen einen Helden." Trauer alleine sei selten der Grund für die öffentliche Verbreitung von Abbildungen. Die Motivation sei auch oft die Abwehr von Leid und das Bedürfnis nach politischer Selbstbehauptung.

    So gehe es bei der Verbreitung von Bildern direkt nach einem Terroranschlag meist nicht um Trauerbewältigung oder die Beilegung von Konflikten, "sondern um das Schüren eines emotionalen Feuers, das man eigentlich vorgibt, löschen zu wollen", sagte Klonk. (trat, 25.10.2017)

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