Rechte Shitstorms zu Halal und Kopftuch: Nur Spar knickte ein

    26. Oktober 2017, 09:59
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    Regelmäßig werden Unternehmen attackiert, weil sie Produkte für Minderheiten anbieten – fast alle bleiben standhaft

    Eine junge Frau mit Kopftuch, dazu der Slogan "Ich bin stolz": Dieses Sujet einer Bipa-Werbekampagne sorgte bei einigen Menschen für helle Aufregung. Sie begannen, sich über die "schleichende Islamisierung" der Drogeriekette zu beschweren, deren Facebook-Seite von unzähligen teils rassistischen Kommentaren überschwemmt wurde. Doch das Werbesujet bleibt – genau wie Halal-Produkte in den Regalen des Merkur-Markts, der wie Bipa zur Rewe-Gruppe gehört. Man möchte damit zeigen, dass "Bipa ein Ort für alle ist", heißt es auf Anfrage des STANDARD.

    "Orientalischer Adventkalender"

    Auch Penny, das ebenfalls zu Rewe gehört, hat schon einen Shitstorm rund um vermeintlich religiöse Symbole erlebt: Zahlreiche Nutzer echauffierten sich darüber, dass ein "Zipfelmännchen" aus Schokolade statt eines Nikolos angeboten wurde (Schoko-Nikolos gab es übrigens zusätzlich dazu).

    Das Zipfelmännchen blieb in den Regalen. Auch der Adventkalender "1001 Weihnachtstraum" von Lindt, in dem unzählige Nutzer eine "Moschee" entdeckt hatten, wird weiterverkauft. Das Scharia-konforme "Budgetkonto" bei der Bawag wurde trotz heftiger Proteste sogar ausgebaut – es wird nun österreichweit angeboten.

    Spar beendete Verkauf von Halal-Produkten

    Ganz anders reagierte jedoch Spar: Nach einem überwiegend fremdenfeindlichen Shitstorm entschloss sich die heimische Supermarkt-Kette, ihren testweisen Verkauf von Halal-Produkten sofort zu beenden. Der erste Beweis dafür, dass islamfeindliche Protestwellen zu Konsequenzen führen können. Für Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv Österreichischer Widerstand bedeutete Spars Entscheidung, "dass dem Rassismus nachgegeben wurde, was diesem weiter Auftrieb gibt."

    "Muslime müssen verschwinden"

    Peham denkt, dass religiöse Symbole im politischen Diskurs "vor allem politische Funktionen außerhalb des Religiösen" haben. "An ihnen lässt sich leicht Differenz festmachen, zumal im Alltag". Die "Anderen" – also etwa Muslime – "müssen verschwinden, angefangen wird dabei mit den Produkten, die auf sie zugeschnitten sind", erklärt Peham, der dies einen "Wunsch nach Wiederherstellung einer symbolischen Homogenität" nennt.

    Andere Beobachter der rechtsextremen bis neonazistischen Szene sprechen hierbei oft von "Tarnkappen-Themen", mit denen der Kern fremdenfeindlicher Aktionen "versteckt" werde. So argumentieren viele Nutzer beim Shitstorm gegen Halal-Produkte mit dem Tierschutz, obwohl Spar damals angab, dass das Tier vor dem Schlachten sehr wohl betäubt werde. Bei dem Sujet mit Kopftuch bei Bipa spielen hingegen oft Frauenrechte eine Rolle.

    Dabei kann es durchaus sein, dass eine Reihe an Nutzern sich in diesen Bereichen engagiert und wahrhaftig aus diesen Gründen protestiert. Oftmals werden derartige Argumente aber vorgeschoben, um Fremdenfeindlichkeit zu übertünchen. Das wäre etwa der Fall, wenn sich Menschen nur beim Thema Halal für Tierschutz interessieren.

    Empörungsmaschinerie

    Zu beobachten ist, dass derartige fremdenfeindliche Empörungsmaschinerien oft über die dubiose Parallelwelt an rechts-alternativen Medien befeuert wird. Im Fall des "orientalischen Adventkalenders" von Lindt trug etwa der äußerst rechte Blog "Politically Incorrect" (PI) mit konzertierter Berichterstattung zum Shitstorm bei. "Auf Facebook ist ein Empörungssturm losgebrochen und viele unserer Leser haben dankenswerterweise auch via Mail ihrem Unmut Luft gemacht", hieß es in einem Beitrag auf PI.

    Die Aufregung rund um das Werbesujet mit Kopftuch bei Bipa wurde wiederum vom FPÖ-nahen unzensuriert.at befeuert, das schrieb: "Für die Rewe-Gruppe scheint die Islamisierung in Österreich nicht nur eine freudige Tatsache zu sein, sondern eine regelrechte Marktlücke." Unzensuriert bestreitet freilich, zum Boykott von Bipa aufgerufen zu haben – das machen Nutzer dann ganz alleine.

    Bei Merkur verzeichnete man "keine Umsatzeinbußen in Zusammenhang mit dem Angebot von Halal-Frischfleisch", heißt es auf Anfrage des STANDARD. Rund ein Prozent des gesamten Faschierten, das jährlich bei Merkur verkauft werde, sei halal – es handelt sich um rund 20 Tonnen Frischfleisch.

    DÖW: "Kampagnen sind orchestriert"

    "Wir gehen davon aus, dass diese Kampagnen orchestriert und systematisch vorangetrieben werden", sagt Peham. Neben Seiten wie unzensuriert.at oder Wochenblick nennt Peham auch "fanatisierte Einzelne mit viel Tagesfreizeit", die hier Hass schürten.

    Spar sagt selbst, dass Boykottaufrufe "normalerweise kein ausschlaggebendes Kriterium" seien. "Man muss das immer stark in Relation setzen: Wir haben täglich rund eine Million Zahlungsvorgänge. 100 Boykottierer wirken auf Facebook viel, sind in Relation zu den zufriedenen Kunden sehr wenig", sagt Unternehmenssprecherin Nicole Berkmann.

    Spar: "Würden einiges anders machen"

    Würde man Halal-Produkte wieder einführen, würde man "einiges anders machen", sagt Spar: "Das Problem begann ja bereits bei der Auswahl des falschen Zeitpunkts". Vorerst plane man aber keine Wiedereinführung, da "die Absatzchancen aus mehreren Gründen" als "zu gering" eingeschätzt würden.

    Kontroversen rund um Halal-Waren und die Bipa-Werbung seien laut Berkmann aber "ganz wichtig, da sich daran eine gesellschaftliche Diskussion entzündet". (Fabian Schmid, 26.10.2017)

    • Spar beendete den Verkauf von Halal-Fleisch nach einer Vielzahl rassistischer Postings
      foto: apa/neubauer

      Spar beendete den Verkauf von Halal-Fleisch nach einer Vielzahl rassistischer Postings

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