Pro & Kontra: Am Schreibtisch essen

    2. November 2017, 08:44
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    Höchste Form der Produktivität oder doch besser die mittägliche Zeitinsel für wahren Genuss nutzen

    foto: istockphoto

    Pro
    von Franziska Zoidl

    Ich gebe zu: Ich tippe diese Zeilen mit meiner linken Hand, während ich mit der rechten Tomatensuppe löffle. Beim Mittagessen am Schreibtisch kann ich recherchieren, schreiben, Artikel gegenlesen oder E-Mails beantworten. Kurzum: produktiv sein. Einzig Telefonate zur Essenszeit sind für Ungeübte eine koordinative Herausforderung.

    Tipps für jene, die der Gemeinschaftsküche Ade sagen wollen: auf geruchsneutrale Speisen setzen – Kebab und Grillteller scheinen vielleicht am Imbissstand eine gute Idee zu sein, sorgen aber trotz sofortigen Stoßlüftens für Unmut in der Kollegenschaft. Von solchen Konflikten abgesehen entsteht um die Mittagszeit mit gleichgesinnten Kollegen ein richtiges Geselligkeitsgefühl. Da bietet der eine Kollege von nebenan einen Teil seiner gebratenen Nudeln an, während ein anderer Weintrauben austeilt. Der Nachtisch: Schokowaffeln für alle!

    Eines noch im Sinne der Transparenz: von Tomatensuppe doch lieber die Finger lassen, wenn das T-Shirt weiß ist. Morgen probiere ich es mit Knoblauchsuppe.

    Kontra
    von Ljubiša Tošić

    Es ist noch nicht eindeutig bewiesen, aber bitte – es spürt doch jeder, der auf der Rolltreppe des Alltags in Richtung Produktivität sprintet: Das gleichzeitige Ausführen mehrerer Tätigkeiten – als Multitasking verherrlicht – lässt das Superhirn schneller altern, als es dessen Lebensuhr ohnedies vorsieht.

    Arbeit und Mittagspause schmatzend zu vereinen beleidigt darüber hinaus nicht nur Kollegenohren und -nasen, es unterfordert auch die Geschmackssinne. Schon der sensible François de La Rochefoucauld verwies darauf ("Essen ist ein Bedürfnis, Genießen eine Kunst").

    Natürlich sollte jeder seine Zeitopfer auf dem Altar des Wirtschaftswachstums darbringen. Um dies jedoch im Sinne der Ausdauer zu schaffen, gilt es erst recht, dem Rat des Dalai Lama zu folgen ("Verbringe jeden Tag einige Zeit mit dir selbst") und die – vom Arbeitsrecht ohnedies offerierte – Zeitinsel heiteren Herzens und langsam kauend aufzusuchen. Eine Gewissheit nämlich lernen wir von Buddha: "Die Zeit ist ein großer Lehrer. Das Unglück: Sie tötet ihre Schüler." Warum ihr also auch noch helfen? (RONDO, 2.11.2017)

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