Kein Witz: Die Ostfriesen sind Weltmeister im Teetrinken

    27. Oktober 2017, 06:00
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    Bei den Ostfriesen zählt Teetrinken zum Weltkulturerbe, und Weltmeister sind sie auch darin

    Im Land der Teetrinker sieht es aus wie in den angrenzenden Niederlanden: Kanäle durchziehen die flache Gegend, an markanten Stellen ragt eine Windmühle empor und hie und da ein Dorf zwischen Meer, Marsch und Moor. Der Wind bläst meist aus Richtung Westen, weshalb sich die Bäume gen Osten krümmen. Sie werden "Windlooper" genannt, als liefen sie dem Wind davon.

    Die meisten kennen die Region wegen der Witze, die man über sie macht, etwa: Was ist ostfriesischer Dreikampf? Lesen, Rechnen, Teesackerl-Weitwurf. Oder: Wie sieht ein Ehekrach auf Ostfriesisch aus? "Willst noch 'nen Tee?" – "Nee!" Schon Heinrich Heine spottete, als er auf der ostfriesischen Insel Norderney weilte, über die Einheimischen, die in kleinen Hütten "wohlverwahrt in wollenen Jacken herumkauern und einen Tee trinken, der sich von gekochtem Seewasser nur durch den Namen unterscheidet".

    Immaterielles Kulturerbe

    Das Blatt hat sich gewendet. Gerade Ostfriesentee wird mittlerweile sehr wertgeschätzt und gilt als qualitätsvoll. Unlängst wurde die ostfriesische Teekultur in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der Unesco aufgenommen. Die Teetied (Teezeit) gibt Struktur und beschert Momente der Muße. Bei manchen Ostfriesen findet sie täglich sechsmal statt, etwa als "Elführtje" am späten Vormittag und als Nachmittagstee um 15 Uhr, gemäß dem Motto "Ostfriesische Gemütlichkeit hält stets ein Tässchen Tee bereit". Dazu muss man wissen, dass sich ein echter Ostfriese bei jeder dieser Teezeiten drei Tässchen gönnt, denn das ist sein gutes Recht, "Dree Koppkes Tee is Oostfreesenrecht".

    Urige Teestuben wie Poppingas Alte Bäckerei in Greetsiel verführen auch Touristen, an diesem Ritus teilzunehmen. Nach dem ostfriesischen Teezeit-Knigge sollte die Zeremonie eröffnet werden, indem man ein Stück Kandis (Kluntje) mithilfe einer silbernen Kluntjezange in die Tasse gibt – eine solche Zange bekamen Mädchen früher als zukünftige Aussteuergabe zur Konfirmation geschenkt. Dann wird der heiße Tee über den Zuckerklumpen gegossen, bis dieser knisternd zerbricht, und oben drauf kommt noch Obers, das sich wie ein Wölkchen (Wulkje) ausbreiten soll. Umrühren ist verpönt und wenig sinnvoll, will man Schluck für Schluck ostfriesische Dreifaltigkeit erleben: vom oberen mild-sahnigen über einen aromatisch-herben bis zu einem stark süßen Tee am Tassengrund.

    Tee statt Alkohol

    Greetsiel ist einer der schönsten Orte der Region und der gesamten Nordseeküste Deutschlands. Zwei Windmühlen, von Kastanienbäumen gesäumte Kanäle, kopfsteingepflasterte Gassen, Giebelhäuser dicht an dicht um einen malerischen Hafen und bunte Krabbenkutter. Westlich am Deich steht der Pilsumer Leuchtturm, der auch dem berühmtesten Ostfriesen als Kulisse diente. Hier drehte Otto Waalkes Szenen für seinen Film "Otto – Der Außerfriesische".

    Ein Grund dafür, dass sich gerade in Ostfriesland solch ein Kult um den Tee etablierte, ist der frühe Kontakt mit dem Getränk und den Nachbarn: Seefahrer der Niederländischen Ostindien-Kompanie landeten 1610 die erste Partie japanischer und chinesischer Tees in Europa an. Zugunsten des Verzehrs von Tee ebbte in Ostfriesland fortan der ausgiebige Alkoholkonsum ab.

    Charakterstark

    Echter Ostfriesentee besteht aus einer kräftigen Schwarzteemischung. Die Basis bildet Assam Second Flush, also Tee der zweiten Ernte einer Saison, mit voller, malziger Note. Dazu kommen andere Ursprünge wie Darjeeling, Ceylon und Indonesien. "Jede Marke hat ihre spezielle Komposition mit eigenem Charakter und spricht mit ihrem unverwechselbaren Geschmack unterschiedliche Teetrinker an", sagt Matthias Stenger, Leiter des Ostfriesischen Teemuseums in der Stadt Norden. Das Museum thematisiert die Herstellung dieser Kompositionen, die verschiedenen Teeanbaugebiete und den Handel. Exponate wie eine alte Teesackerlpackmaschine aus dem Kolonialwarenladen veranschaulichen die Geschichte.

    Bis zu 20 unterschiedliche Sorten kombinieren Tea-Taster zur "Echten Ostfriesischen Mischung". Eine schwierige Aufgabe. Im Gegensatz zum Weinliebhaber, der jedem Jahrgang eine besondere Note zugesteht, erwartet der Teefreund, dass sein Lieblingsgetränk immer schmeckt wie gewohnt. Für Tea-Taster sind selbst im Privatleben scharfe Gewürze, harte Alkoholika und Kaffee tabu, weil das ihre Geschmacksnerven beeinträchtigen könnte.

    Tee ist nach Wasser das beliebteste Getränk der Welt, noch weit vor Kaffee. Dabei bringen es die Ostfriesen auf einen Durchschnittsverzehr von 300 Litern pro Person und Jahr – im Rest Deutschlands sind gerade einmal 28 Liter Usus. Damit liegen sie selbst vor Teenationen wie Großbritannien oder China und sind Weltmeister im Teetrinken. (Dietmar Scherf, 27.10.2017)

    • Greetsiel ist einer der schönsten Orte der Region und der gesamten Nordseeküste Deutschlands.
      foto: getty images/venemama

      Greetsiel ist einer der schönsten Orte der Region und der gesamten Nordseeküste Deutschlands.

    • Der Pilsumer Leuchtturm, der auch dem berühmtesten Ostfriesen als Kulisse diente. Hier drehte Otto Waalkes Szenen für seinen Film "Otto – Der Außerfriesische".
      foto: getty images/istockphoto/rotofrank

      Der Pilsumer Leuchtturm, der auch dem berühmtesten Ostfriesen als Kulisse diente. Hier drehte Otto Waalkes Szenen für seinen Film "Otto – Der Außerfriesische".

    • Bis zu 20 unterschiedliche Teesorten stecken in der "Echten Ostfriesischen Mischung".
      foto: picturedesk/laif/martin kirchner

      Bis zu 20 unterschiedliche Teesorten stecken in der "Echten Ostfriesischen Mischung".

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