Rampage 2017: Das letzte große Spektakel

    Blog24. Oktober 2017, 09:59
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    Der Freeride-Wettbewerb sorgt alljährlich für neue Superlative. Der Preis dafür sind nicht selten Schwerverletzte. Doch das tut dem Mythos Rampage keinen Abbruch – im Gegenteil

    Innsbruck – Am Freitagabend ist es wieder so weit. Einige der besten Freerider der Welt werden auf selbstgebauten, waghalsigen Strecken das schroffe Navajo-Sandsteingebirge am Rande des Zion-Nationalparks in Utah bezwingen. Alles an diesem Wettbewerb mit dem passenden Namen Rampage, das mit Randale ebenso übersetzt werden kann wie mit Amoklauf, ist extrem. Die Steilheit des Terrains, die Größe der Sprünge, das Niveau der Tricks und in der Folge auch das Risiko, sich zu verletzen. Es ist die Kombination aus allem, das die Rampage so erfolgreich macht.

    red bull
    2014 war die Rekordjagd der Rampage auf ihrem Höhepunkt. Geschickt werden die Gefahren als modernes Gladiatorenspektakel vermarktet.

    Es heißt, für den Titelsponsor und Veranstalter, den österreichischen Energydrink-Hersteller Red Bull, ist es gemessen an Einschaltziffern die zweitwichtigste mediale Eigenproduktion nach dem Stratosphärensprung. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn die Fuschler Firmenzentrale hüllt sich in Schweigen. Auf Anfrage will sich niemand seitens des Konzerns zum Spektakel äußern. Es gibt eine offizielle Pressemeldung, in der man die Liveübertragung des "spektakulärsten Mountainbike-Events der Welt" am hauseigenen Stream ankündigt. So hält man einen Mythos am Leben.

    Umstritten und geliebt zugleich

    Die Rampage ist in der Mountainbikeszene nicht unumstritten. Dennoch wird sie sich am Freitagabend fast geschlossen vor dem Livestream einfinden, denn in Utah werden die Benchmarks für Freeriding gesetzt. Hier zeigen die Besten der Welt, was derzeit technisch auf einem Downhillbike möglich ist. Das sind zum Beispiel Drops, also Sprünge von einer Geländekante herunter, mit über 25 Metern Höhe. Oder gewaltige Gap Jumps, darunter versteht man das Überwinden einer Geländemulde oder im Fall der Rampage einer ganzen Schlucht.

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    Die Evolution des Freeridens passierte zu einem Gutteil bei der Rampage. Waren 2001 noch größere Drops sensationell, musste McGarry 2013 schon einen Rückwärtssalto über eine Schlucht vollführen, um aufzufallen.

    Die heuer 21 Teilnehmer sind handverlesen und werden persönlich eingeladen. Das Prinzip der Rampage ist simpel: Jeder eingeladene Fahrer darf zwei Helfer mitbringen. Zusammen bilden sie ein Team und haben mehrere Tage lang Zeit, eine eigene Linie in den Berg zu bauen. Am Finaltag siegt jener Fahrer, der die schwierigste Strecke fährt und darauf die besten Tricks zeigt. Jeder Fahrer hat zwei Versuche. Bewertet wird der Lauf von einer fachkundigen Jury. Daneben gibt es eine Publikumsabstimmung und eine für den besten gezeigten Trick.

    Zwangspause, weil zu gefährlich

    Das Spektakel findet jährlich – und heuer zum zwölften Mal statt. Die erste Rampage datiert zurück auf das Jahr 2001. Der erste Sieger war Freeride-Veteran Wade Simmons aus Kanada. Nach der Veranstaltung 2004 legte man eine vierjährige Zwangspause ein, weil das waghalsige Spektakel schlichtweg zu viele Verletzte forderte. Denn bei der Rampage wird ohne Netz und doppelten Boden gearbeitet. Ein Sturz in dem extremen Terrain hat daher oft schwere Folgen. Zahlreiche Sturzvideos im Internet zeugen von den Gefahren.

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    Mit diesem Lauf trug sich der Kanadier Brendon Semenuk 2016 als dritter Zweifach-Gewinner in die Annalen der Rampage ein.

    Im Jahr 2015 kam der Freeride-Wettbewerb nach einem furchtbaren Unfall erneut in die Kritik. Der US-Amerikaner Paul Basagoitia stürzte im Finallauf schwer und blieb fortan querschnittgelähmt. Das Unglück sorgte für Unruhe unter den Athleten. Plötzlich berichteten Insider über die prekären Arbeitsbedingungen der modernen Gladiatoren, die sich zum Gaudium der Massen den Berg hinunterstürzen. So war eine Rampage-Teilnahme für die meisten Fahrer ein finanzielles Investment im Sinne der Karriere. Verdient haben nur die Wenigsten etwas, denn das Preisgeld war im Laufe der Jahre bis 2015 gerade einmal auf insgesamt 100.000 US-Dollar gestiegen. Zudem wurde kritisiert, dass die Veranstalter noch nicht einmal eine Versicherung für die Teilnehmer boten.

    Fahrer proben ein bisschen Aufstand

    Die Athleten fühlten sich ausgenutzt und reagierten mit der Gründung einer Art Fahrergewerkschaft, die Mitspracherechte einforderte, ähnlich wie bei der Formel 1. Die horrende Verletztenrate – rund ein Fünftel der Teilnehmer landet im Spital – spricht für das Vorhaben. Auch die Veranstalter reagierten. Das Preisgeld wurde für 2016 verdoppelt und die Wettkampfregeln modifiziert. Man zog weiter zu einem neuen Berg und verzichtet seither zum Beispiel auf künstliche Bauwerke wie Absprungrampen aus Holz, es darf nur mehr das Gelände selbst genutzt werden. Und man achtet seitdem mehr darauf, dass die Fahrer mehr Zeit zum Trainieren ihrer Lines finden.

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    Dieser Mann, Sam Reynolds, zog seine Teilnahme 2016 kurz vor dem Finale zurück, weil er es für zu gefährlich hielt. Hier zu sehen bei seinem Lauf 2015.

    Natürlich wissen die Sportler, worauf sie sich bei einer Rampage-Teilnahme einlassen. Keiner wird dazu gezwungen. Andererseits gibt es für die Disziplin Freeriden kaum Wettkämpfe und damit kaum Chancen, sich zu etablieren. Im immer schwierigeren Kampf um Sponsorengelder kann ein erfolgreicher Lauf bei der Rampage für die Fahrer über Sein oder eben Nichtsein entscheiden.

    Prominente Rückzieher

    Umso aufsehenerregender waren daher die Rückzieher bekannter Fahrer wie des Russen Kirill "Benderoni" Churbanov im Jahr 2013 oder des Briten Sam Reynolds im Vorjahr. Beide sagten ihre Finalläufe ab, weil ihnen das Risiko, sich schwer zu verletzen, zu groß erschienen war. Dabei ist anzumerken, dass Churbanov wie auch Reynolds alles andere als zimperlich sind. Der Brite hatte noch 2015 mit einem unfassbaren Superman über den Canyon Gap die Wertung für den besten Trick gewonnen. 2016 war ihm das Gelände zu exponiert, die Gefahr eines tödlichen Absturzes zu allgegenwärtig.

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    2013 setzte der mittlerweile verstorbene Kelly McGarry (NZL) neue Maßstäbe mit diesem Sprung.

    Es ist paradox. Denn jeder, der die Rampage kennt, weiß beim Zusehen, dass er böse Stürze sehen wird. Wenn man ehrlich ist, wird ein fataler Zwischenfall letztlich nur eine Frage der Zeit bleiben. Und doch sind diese Havarien nicht der Grund, sich das Spektakel anzusehen. Es sind die unvergessenen Momente, die die Rampage diesem Sport immer wieder bereitet. Jeder, der gern ein Downhillbike fährt, kann sich erinnern, wie ihm beim Backflip von Cam Zink vom Oakley Sender fast das Bier aus der Hand gekippt wäre. Und auch Kelly McGarrys Legendenstatus beruht zu einem nicht zu verachtenden Teil auf seinem Backflip über den Canyon Gap – und seinen misslungenen Versuchen in den Jahren darauf.

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    So werden Legenden geboren: ein potenziell tödliches Unterfangen und ein Held, der es nicht scheut. Dazu noch die hochschwangere Freundin, die mit Tränen in den Augen zusieht.

    Die Veranstalter sollten vielleicht mehr auf Fahrer wie Sam Reynolds hören. Seiner Absage 2016 ging unter anderem die Bitte an die Rennleitung voraus, entlang des exponierten Berggrats Sicherheitsnetze zu installieren, um im Notfall einen womöglich tödlichen Absturz zu verhindern. Das sei nicht möglich, wurde ihm gemäß eigenen Angaben geantwortet. Auch der Zeitdruck des Livestreams wird immer wieder kritisiert, weil dadurch Starts bei Windverhältnissen riskiert werden, die zu gefährlich sind.

    Trotzdem oder gerade deshalb verspricht die Rampage 2017 wie immer neue Superlative. Im Vorjahr zeigte der Franzose Antoine Bizet den ersten doppelten Rückwärtssalto. Man darf gespannt sein, was die Fahrer diesmal vorbereitet haben, um sich den Marketingverantwortlichen als Testimonials zu empfehlen.

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    Im Vorjahr setzte Antoine Bizet mit diesem doppelten Rückwärtssalto ein Ausrufezeichen. Man darf gespannt sein, was die Rampage 2017 bringt.

    Die Starterliste umfasst illustre Namen wie die drei zweifachen Rampage-Gewinner Kurt Sorge, Brandon Semenuk (beide CAN) und Kyle Strait (USA). Allerdings mussten vier Publikumslieblinge ihre Teilnahme schon im Vorfeld absagen. Der Brite Brendan Fairclough und der Kanadier Graham Agassiz mussten verletzungsbedingt passen. James Doerfling (CAN) half den Sommer über bei der Bekämpfung von Waldbränden mit und hatte daher nicht genug Zeit, sich vorzubereiten. Und dem Franzosen Rémy Métailler untersagten die US-Behörden schlichtweg die Einreise, weil er nicht im Besitz eines dafür nötigen Arbeitsvisums sei.

    Public Viewing in Wien und Innsbruck

    Wiener Bikefreunde, die sich die Rampage nicht allein im Livestream auf Red-Bull-TV ansehen wollen – der diesmal mit eigens deutschem Kommentar angeboten wird –, können die erste offizielle Rampage-Party mit Public Viewing besuchen. Start ist am kommenden Freitag um 19 Uhr im Loft am Lerchenfelder Gürtel. In Innsbruck steigt am Freitag das Herbstfest der Mountainbike-Initiative Tirol, bei dem ebenfalls gemeinsam Rampage geschaut wird. Start ist um 18 Uhr in der Bar Jon Montagu in der Höttingergasse. (Steffen Arora, 24.10.2017)

    • Graham Agassiz blieb ein Rampage-Sieg bislang verwehrt. Auch 2017 wird nichts damit, er musste verletzungsbedingt die Teilnahme absagen.
      foto: christian pondella/red bull content pool

      Graham Agassiz blieb ein Rampage-Sieg bislang verwehrt. Auch 2017 wird nichts damit, er musste verletzungsbedingt die Teilnahme absagen.

    • Wenn jemand, der so einen Trick zeigt, wegen "zu gefährlich" absagt, hat das handfeste Gründe. Sam Reynolds Superman aus dem Jahr 2015.
      foto: john gibson/red bull content poo

      Wenn jemand, der so einen Trick zeigt, wegen "zu gefährlich" absagt, hat das handfeste Gründe. Sam Reynolds Superman aus dem Jahr 2015.

    • Das Terrain ist steiler, als es die Videos darstellen. Hier James Doerfling – heuer nicht dabei, weil er Waldbrände bekämpfen musste – bei der Abfahrt.
      foto: christian pondella/red bull content pool

      Das Terrain ist steiler, als es die Videos darstellen. Hier James Doerfling – heuer nicht dabei, weil er Waldbrände bekämpfen musste – bei der Abfahrt.

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