"3/4": Die Normalität der Dinge

    25. Oktober 2017, 10:43
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    Der bulgarische Regisseur Ilian Metev hat mit "3/4" sein bemerkenswertes Spielfilmdebüt vorgelegt. Ein leiser Film über den Alltag einer Familie, in der das Fehlen der Mutter so selbstverständlich ist, dass es gar nicht mehr auffällt

    In den Vorstellungen von einer idealen Familie steckt manchmal auch etwas Geometrisches: Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Zwei mal zwei macht vier, die Gesellschaft reproduziert sich linear.

    In Ilian Metevs 3/4 steckt eine Anspielung auf diesen Normfall, denn man begreift bald, dass man es hier mit einer Restfamilie zu tun hat. Vater, Tochter, Sohn, bloß wo ist die Mutter? Sie ist die große Abwesende in dieser Geschichte, und zwar so abwesend, dass der Umstand ihrer Abwesenheit nicht einmal angedeutet ist – nur mit dem Filmtitel lässt Ilian Metev erkennen, dass ein Viertel fehlt.

    Die Tochter Mila bereitet sich auf eine Aufnahmeprüfung für ein Stipendium für Deutschland vor. Sie spielt Klavier, ist wohl sehr begabt, aber auch verkrampft. Den kleineren Bruder Niki sehen wir mit einem Freund auf dem Weg von der Schule nach Hause, er hat keine Eile, eigentlich wirkt er unbeschwert. Der Vater Todor arbeitet als Naturwissenschafter, er tut sich mit Abstraktionen leichter als mit seinen Kindern.

    Gänzlich undramatisch erzählt Metev aus dem Alltag dieser Familie. Wir sehen den Bruder mit der Schwester abends im Jugendzimmer, die Gespräche sind beiläufig, auch beim Essen, wenn der Vater dabei ist. Todor ist kein Meister der Kommunikation, aber eine beeindruckende Erscheinung. Metev folgt seinen drei Protagonisten durch die Tage, besonders interessant sind die Milieus, die er dabei erschließt: den Kreis um die alte Klavierlehrerin oder das Institut für Physik, das noch ein bisschen den Geist der kommunistischen Jahre zu atmen scheint. Niki ist so etwas wie der Ankerpunkt für den ganzen Stil des Films, er hat auf dem Heimweg von der Schule alle Zeit der Welt, er ist ein wenig verspielt, auch verträumt, voller Neugierde, aber selten zielgerichtet.

    Ilian Metev hat als Dokumentarfilmer begonnen. Sofia's Last Ambulance (2012) zeigte das Leben in Sofia aus der Perspektive der Rettungsdienste – ein Blick "von unten", dem Metev nun mit seinem ersten Spielfilm eine anscheinend stärker nach innen gewendete Geschichte folgen lässt. Tatsächlich hat ein guter Teil der Spannung dieses leisen Films mit dem Wunsch zu tun, die drei Protagonisten vielleicht besser zu verstehen, ihnen ausdrücklicher nahezukommen, das heißt also auch, etwas von ihnen zu erfahren, was der Film nur indirekt zu erkennen gibt. Der Schwebezustand, in den Metev die Zuschauer versetzen kann, hat als Erfahrung im Kino wenig Vergleichbares. Und mit dem großartigen Ende findet er auch für sein filmisches Verfahren eine Signatur: Dies ist ein Kino, das sich den bürgerlichen Tatsachen (Psychologie, Arbeit, Wohnen) nicht verschließt, das aber innerhalb dessen nach einem "anderen Zustand" sucht. Einer der Höhepunkte dieses Kinojahres. (Bert Rebhandl, 25.10.2017)

    25. 10., 20.30, Metro
    26. 10., 15.30, Stadtkino

    Viennale

    • Ein wenig verspielt und verträumt: Auf dem Heimweg von der Schule bleibt in "3/4" genügend Zeit.
      foto: viennale

      Ein wenig verspielt und verträumt: Auf dem Heimweg von der Schule bleibt in "3/4" genügend Zeit.

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