Sharing Economy ist keine eierlegende Wollmilchsau

    Userartikel22. Dezember 2017, 12:14
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    Tauschen und Teilen hört sich nach einem sinnvollen Miteinander an – aus makroökonomischer Perspektive ist der Einfluss auf die Volkswirtschaft fraglich

    Wenn die Sharing Economy alles nachhaltiger macht und wir ein Volk von "Tauschern" und nicht mehr Jägern und Sammlern werden, was bedeutet das eigentlich für unsere Volkswirtschaft? Ist das der Durchbruch, der unsere Wirtschaftsmodelle nachhaltiger und wohlfahrender macht?

    Die Antwort lautet Nein. Denn die Sharing Economy ist gesamtwirtschaftlich keine eierlegende Wollmilchsau. Während der Einzelne sich über ein paar Euro extra für das Vermieten seiner Wohnung freut, kennt die Sharing Economy auch Verlierer, und da gleich ganze Sektoren. Hotels, Mietwagenanbieter und Taxifahrer sind nur einige Beispiele. Vereinsamende Innenstädte, da immer mehr Wohnungen nur noch zu Airbnb-Zwecken verwendet werden, sind eine andere Erscheinungsform der Nachteile der Sharing Economy. Hinzu kommt, dass Erwerb aus der Sharing Economy für die meisten Anbieter nur ein kleines zusätzliches Einkommen ist. Für Menschen, die ihren Hauptverdienst aus der Sharing Economy ziehen wollen, gilt, dass Begriffe wie Gesundheitsstandards, Arbeitslosengeld, Kranken- und Rentenversicherungen immer (noch) Fremdwörter sind. Die Gefahr besteht, dass die Sharing Economy nicht zu neuer Glückseligkeit und mehr Freiheit für den Einzelnen führt, sondern eher ein "race to the bottom" ist, bei dem soziale Standards sinken. Eine große Herausforderung für die Politik.

    Wohin mit den Effizienzgewinnen?

    Unklar sind auch die Auswirkungen auf die Industrie, die die Dinge herstellt, die Konsumenten miteinander teilen – und von denen möglicherweise künftig weniger benötigt werden, wenn sich das der Sharing Economy immanente Effizienzversprechen erfüllen sollte. Werden Produktionszahlen von Bohrmaschinen sinken, wenn nicht mehr jeder Heimwerker eine kauft, sondern sie einfach leiht, wenn er sie braucht? Und müssen dann Mitarbeiter entlassen werden, wodurch auch wieder die gesamtwirtschaftliche Kaufkraft sinkt? Werden sich Fahrzeughersteller vom Autoverkäufer zum Mobilitätsanbieter wandeln? Und wenn sich Verbraucher zahlreiche Produkte nicht mehr selbst anschaffen – werden sie das gesparte Geld dazu nutzen, andere Produkte nachzufragen, die sie sich bislang nicht leisten konnten?

    Ein wirtschaftspolitischer Albtraum …

    Und wenn nicht? Was, wenn die Sharing Economy tatsächlich zu einem massiven Nachfragerückgang führt? Sinkende Auslastung in der Industrie würde auf lange Sicht einerseits zu einem Personalabbau führen und andererseits die Investitionstätigkeit der Unternehmen verringern, die somit weniger Kredite nachfragen würden. Wenn die Verbraucher, die ihre Konsumgüter verleihen, und diejenigen, die auf Anschaffungen verzichten, auch noch das eingenommene und gesparte Geld auf die hohe Kante legen, statt ihre Nachfrage auf andere Produkte zu richten, würde das ohnehin schon bestehende Missverhältnis zwischen Investitionen und Sparen weiter verschärft.

    … oder doch ein Traumszenario?

    Denkbar wäre aber auch, dass die Sharing Economy eine neue wirtschaftliche Dynamik freisetzt. Während manche Branchen von sinkender Nachfrage betroffen wären, könnten andere von den freiwerdenden Mitteln der Verbraucher profitieren. Wer sich nicht mehr ein teures Auto vor die Tür stellt, nutzt sein Geld vielleicht, um öfter in Urlaub zu fahren, Essen zu gehen oder sonstige Anschaffungen zu tätigen, die andernfalls ausgeblieben wären. So könnten andere Wirtschaftszweige profitieren, während in den betroffenen Branchen eine Marktbereinigung zu höherer Effizienz führen würde. Über den Umweg der Sharing Economy hätte so die Digitalisierung vielleicht doch noch die Produktivitätssteigerung eingelöst, die man sich von ihr versprochen und bislang vergeblich erwartet hat. (Carsten Brzeski, 24.10.2017)

    Auswirkungen auf die Wirtschaft?

    Wenn Sie den Blick erweitern und das große Bild betrachten: Können Sie sich grundlegende volkswirtschaftliche Veränderungen vorstellen, die durch die Sharing Economy auftreten? Wird der Effekt überbewertet, oder könnte sich das in den kommenden Jahren noch verstärken?

    Carsten Brzeski ist Chefökonom der ING-DiBa und reagiert im Rahmen dieser Artikelserie auf die Postings der User zum Phänomen Sharing Economy.

    Zum Thema

    Hinweis: Das Format "Mitreden macht Zukunft" ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Kooperation mit der ING-DiBa. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim STANDARD.

    • Die Wirtschaft wird durchaus von den diversen Ausgestaltungen der Sharing Economy beeinflusst.
      foto: 123rf.com/ aleksandr belugin

      Die Wirtschaft wird durchaus von den diversen Ausgestaltungen der Sharing Economy beeinflusst.

    • Carsten Brzeski ist Chefökonom der ING-DiBa.
      foto: ing-diba

      Carsten Brzeski ist Chefökonom der ING-DiBa.

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