Thiem-Trainer Bresnik: "Tennis ist Darwinismus pur"

    Interview23. Oktober 2017, 08:28
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    Der Trainer von Dominic Thiem spricht über die Entwicklung seines Schützlings, die Genialität von Roger Federer und Rafael Nadal. Und über die Leidenschaft. "Es geht immer um die Schläge"

    STANDARD: Dominic Thiem ist die Nummer sechs der Tennisweltrangliste, hat ein neues Karrierehoch erreicht. Andererseits hat er momentan eine umfangreiche Niederlagenserie zu verzeichnen. Was überwiegt bei Ihnen? Stolz oder doch eine gewisse Besorgnis?

    Bresnik: Stolz sollen seine Eltern auf ihn sein. Ich finde toll, was er erreicht hat. Vor fünf Jahren haben mir die Experten noch erklärt, aus dem wird nie was. Über die letzten Wochen bin ich überhaupt nicht besorgt, er hat nicht so gut gespielt, wie er spielen kann. Es ist keine Katastrophe, gegen Troicki zu verlieren, da rege ich mich nicht auf. Würde er immer sein optimales Tennis abrufen, wäre er nicht Sechster, sondern Dritter.

    STANDARD: Sie streben Perfektion an. Es ist auffallend, dass Thiem zuletzt sehr viele Tiebreaks verloren hat. Ist das ein Zeichen von Müdigkeit? Oder ist es nur Pech?

    Bresnik: Ich habe die Tiebreaks teilweise nicht gesehen. Glück oder Pech würde ich es aber nicht zuschreiben. Man kann sich ja auch darüber freuen, dass er in Tiebreaks kommt. Mir hat es getaugt, wie er in Schanghai serviert hat, für seine Verhältnisse außergewöhnlich. Aber Dominic ist noch nicht so weit, sämtliche Bereiche gleichzeitig abzurufen. Manchmal serviert er gut, manchmal retourniert er gut, manchmal ist er bärenstark von der Grundlinie, manchmal bewegt er sich hervorragend.

    STANDARD: Muss daran gearbeitet werden?

    Bresnik: Ganz richtig. Wir machen uns Gedanken, reden darüber.

    STANDARD: Es ist ein Jammern auf extrem hohem Niveau. Aber 2016 hat er vier Turniere gewonnen, heuer nur Rio, also eines. Letztendlich geht es im Sport darum, einen Pokal zu stemmen. Ein verwandelter Matchball in einem Finale weckt wohl mehr Emotionen als ein Computerausdruck mit der Weltrangliste. War die Unbekümmertheit im Vorjahr größer?

    Bresnik: Letztes Jahr hat er Buenos Aires, Acapulco, Nizza und Stuttgart gewonnen. Ich mache das nicht schlecht, aber es sind drei 250er und ein 500er. Heuer war Finale Barcelona, Finale Madrid, Semifinale Rom und French Open. Das ist sehr, sehr gut. Ihm und mir ist lieber, er spielt Semifinale in Paris, als er gewinnt zwei 250er. Da geht es um die Wertigkeit.

    STANDARD: Was war heuer der größte Fortschritt? In welchen Bereichen hat er stagniert?

    Bresnik: Es hat nichts stagniert. Was sich vielleicht nicht so entwickelt, ist sein Spielthema. Man erkennt nicht, welche Spielzüge er hat. Was ist sein Spiel? Beim Rafter war es Aufschlag und Volley, Murray ist ein Defensivkünstler, Federer ist einer, der auf alles attackiert.

    STANDARD: Im Rahmen der US Open wurde ihm vom Magazin "GQ" vorgeworfen, er sei fad, kein Strahlemann, für internationale Medien uninteressant. Trifft ihn das, oder ist es ihm einfach wurscht?

    Bresnik: Ich kann in niemanden reinschauen, aber ich glaube nicht, dass so etwas für ihn eine besondere Bedeutung hat. Der Zulauf bei Pressekonferenzen sagt echt nichts aus. Dominic ist leistungsorientiert. Er beschäftigt sich mit dem Sport professionell. Nicht mit Nebensächlichkeiten.

    STANDARD: Nagt er noch an der Niederlage bei den US Open gegen del Potro? Die Stimmung erinnerte an ein Fußballmatch, Thiem war die Auswärtsmannschaft. Und dann vergeigte er noch eine deutliche Führung.

    Bresnik: Kann sein. Er war nach der Partie definitiv deprimiert. Bei einem dauert das zwei Stunden, bei einem anderen zwei Tage, bei Dominic vielleicht zwei Wochen.

    STANDARD: Die Saison wurde und wird von Roger Federer und Rafael Nadal dominiert. Ist das eine Schwäche der Konkurrenz, oder sind die beiden einfach Genies?

    Bresnik: Wie definiert man Genie? Genie ist jemand, der ein und dieselbe Sache oft wiederholen kann. Das sind die beiden, sie haben 19 beziehungsweise 16 Grand-Slam-Titel geholt. Das ist herausragend über den langen Zeitraum. Mit welch Emotion und Leidenschaft die auf so einem Niveau Tennis spielen, ist genial. Nicht nur bei Turnieren. Ich sehe sie tagaus, tagein beim Training. Die rennen nicht gelangweilt herum, ziehen kein fades Gesicht auf.

    STANDARD: Ist es die absolute Liebe zum Sport, die zählt?

    Bresnik: Ja. Es geht um Leidenschaft, wurscht, was du machst. Auch Dominic hat Leidenschaft. Wie viele Matches hat Federer schon gespielt? 1.400? Da darf man nicht diskutieren, ob 70 pro Saison für Dominic zu viel sind. Du musst den Sport behirnen. Wenn ich mit dem Auto immer nur mit vierzig Stundenkilometern durch die Kurve fahre, ist das zwar brav, aber ich erfahre nie, ob es schneller geht. Leute wie Federer und Nadal haben das ausgetestet.

    STANDARD: Aber die beide legen Pausen ein. Zverev unterliegt hingegen wie Thiem Schwankungen.

    Bresnik: Das ist nicht das Thema. Lasse ich einen zehn Kilometer laufen, und er geht nach acht Kilometern ein, kann ich nicht sagen, der soll nie wieder zehn laufen, sondern nur fünf. Da wird er nicht besser. Ein Tennisspieler muss pro Jahr 100 Partien spielen können. Nadal und Federer drehen ja nicht Daumen in den Pausen. Ihre Pausen halten andere nicht aus.

    STANDARD: Das Wiener Turnier war für Thiem bisher keine Erfolgsgeschichte. Ihre Erwartungen?

    Bresnik: Ich wäre ein Dodel, mich an der Vergangenheit zu orientieren. War ich wo nicht erfolgreich, heißt das nicht, beim nächsten Mal wieder nicht erfolgreich zu sein. Als Sportler geht es darum, optimale Voraussetzungen zu schaffen. Das passiert jeden Tag.

    STANDARD: Unter welches Motto stellen Sie 2018? Es ist anzunehmen, dass Djokovic, Murray oder Wawrinka nach ihren Verletzungspausen motiviert zurückkommen. So verrückt es klingt, muss Thiem den Angriff der Alten abwehren?

    Bresnik: Ja, die werden angreifen. Und del Potro lauert. Hältst du im Jahreszyklus nicht mit, wirst du verdrängt. Das ist wie im Dschungel. Tennis ist Darwinismus pur, das taugt mir. Die, die sich durchsetzen, sind die Stärksten.

    STANDARD: Warum bleiben im Tennis die Älteren so lange an der Macht? Es ist ja fast romantisch, wider den Zeitgeist.

    Bresnik: Federer und Nadal sind körperlich in Bestform, haben andere Erfahrungswerte. Federer ist so und so von einem anderen Planeten. Er ist der beste Tennisspieler, der je herumgelaufen ist. Nadal ist der zweitbeste und zudem der beste Wettkämpfer, den es im Sport je gegeben hat. Hermann Maier war auch ein großartiger Wettkämpfer. Ich werde nie vergessen, dass er zu mir einmal gesagt hat, er hasst nichts mehr, als Zweiter zu sein. Dritter stört ihn nicht so. Das ist eine andere Denkweise, die ist nicht aufgesetzt oder angelernt. Im Tennis ist es wesentlich, wann und in welchem Alter du in eine Lücke reinfällst. Bleibt Dominic bei sich, kann es sein, dass es in drei Jahren für ihn einfacher ist. Denn vorne ist es massiv blockiert. Immerhin ist Dominic der Einzige, der diese Wand durchbrochen hat. In seinem Sog hat es auch Zverev geschafft.

    STANDARD: In welchen Bereichen ist Thiem zu Recht Top sechs?

    Bresnik: Er ist Top sechs und mehr, wenn die Mischung passt. Mein Plan ist, dass ich ihm zur Seite stehe, damit er sich als Tennisspieler ständig weiterentwickeln kann. Es geht immer um die Schläge. (Christian Hackl, 23.10.2017)

    Günter Bresnik (56) betreut Dominic Thiem seit dessen Kindheit. Davor trainierte er unter anderen Boris Becker, Horst Skoff und Stefan Koubek.

    • Günter Bresnik: "Dominic ist noch nicht so weit, sämtliche Bereiche gleichzeitig abzurufen."
      foto: apa/afp/getty/bello

      Günter Bresnik: "Dominic ist noch nicht so weit, sämtliche Bereiche gleichzeitig abzurufen."

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